Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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14S Freude gegönnt und ihm erst morgen Mitteilung gemacht, wäre mir heute morgen nicht geheim zugestellt worden, daß der gnädige Herr heute hier ankommen und nur bis morgen nach dem Gottesdienste verweilen wird. Er steht vor dem Beginn einer großen Reise nach Italien, um dort die schönen Paläste und Monumenta zu betrachten, die als Vorbild zu einem neuen Schloßbau dienen sollen. Heute werden die notwendigsten Regierungsgeschäste erledigt; die minder wichtigen ruhen bis nach seiner Rückkehr. Nun besprachen wir beiden Parnoßim, uns sogleich beim gnädigen Herrn melden zu lassen, um ihm untertänigst unser Anliegen vorzutragen, seinen gefaßten Beschluß wieder rückgängig machen zu wollen. Ja, wenn es sein sollte, daß die Aufnahmesteuer, die Moses Abraham erlegen will, größer ist als die bisher abverlangte, so wollen wir beiden Parnoßim gern den Ausfall der gräflichen Kasse ersetzen. Nun habt ihr gehört, was wir beide vorhin besprochen haben. Richtet, ob es gegen oder f ü r euch geschah! Gehet jetzt in Frieden nach Hause! Verbringet den Freudensabbat in Ruhe mit euren Familien! Sehet, eben holen eure Töchter vom Gemeindeofen 'das für den Sabbat „gesetzte" Essen. Lasset es nicht kalt werden, auf daß euren Frauen das behagliche Bewußtsein nicht verloren geht, den heutigen Sabbat auch durch ihre Tätigkeit geehrt und euch erfreut zu haben! Ueberlasset die Angelegenheit ruhig euren Parnoßim. Wir hoffen, sie mit Gottes Hilfe einer glücklichen Lösung entgegenzuführen. Gut Schabbos!" (Fortsetzung folgt) Literarische Mitteilungen. H a ga b a. Liturgie für die häusliche Feier der Sederabende, in deutscher Sprache neu bearbeitet von Rabbiner Tr. C. Seligmann. Mit Bildern aus einer handschriftlichen Amsterdamer Hagada vom Jahre 1738 im Besitz des Herrn Dr. Linel in Frankfurt a. M. Verlag von I. Kauffmauu, Frankfurt a. M. 1914. Preis: 1,20 Mark. Die altertümlichen Bilder, die manchmal durch ihren Mangel an jeglicher Perspektive etwas fremd, fast kindlich anmuten, sind außerordentlich zierlich, manche durch ihre Naivität entzückend, übrigens auch als Kostümbilder, Städteausichteu und Darstellungen von Fahrzeugen uslv. kulturhistorisch höchst interessant. Ganz besonders reizend sind die zahlreichen Bilder zu dem „Zahtenlied" und den: Liede „Das Lämmchen". Der von Seligmanu gegebene Tert ist durchaus ansprechend. Die Prosastücke lesen sich gut. Ganz besonders hübsch ist z. B. S. 13: „Sv jauchzten sie hinein in den Frühling ihrer Freiheit." Die Uebersetzung der Lieder ist recht gewandt, recht geschickt das künstliche Addir hu, auch der Schlußgesang ist recht anmutig. Dagegen haben mir die Psalmen nicht völlig genügt; der Schluß des 114. Psalms: Der den Felsen wandelt zur Meeresbucht, Der die Quelle bricht ans der Felsenschlucht, erscheint mir nicht-ganz deutsch und nicht voll verständlich. Aber von solchen kleinen Ausstellungen abgesehen, erscheint das Ganze als eine höchst willkommene Gabe, die zu dem bevorstehenden Feste dringend empfohlen werden kann. L. G. Biographische Charakterbilder aus der jüdischen Geschichte und Sage. Bon Albert Katz. Zweite erweiterte Ausgabe. Verlegt bei R. Jacobsthal & Co., Berlin- Schöneberg. Das Erscheinen einer zweiten Auflage eines erst vor neun Jahren, 1905, ausgegebenen Buches ist eine so erfreuliche Tatsache, daß man sie nur zu registrieren braucht, ohne notig zu haben, über das Werk selbst viele Worte zu machen. Neu ist in dieser zweiten Auflage nur der Abschnitt „Esra", der freilich schon im Jahre 1910 im „Jahrbuch" veröffentlicht war. Der Verfasser stellt in Aussicht, daß er künftig die interessante Periode zwischen Esra und Hillel gleichfalls bearbeiten werde. Ich habe auf§ neue einzelne Skizzen gelesen, mich der reichen Belehrung erfreut, die man aus den gelehrten und doch volkstümlich vorgetragenen Darlegungen ziehen kann, und besonderes Vergnügen an der gefälligen und hübschen Darstellung gefunden. Außer den größeren Charakteristiken von Hillel bis Simon Ben Jochen enthält das Buch als Anhang „Jüdische Sagen und Erzählungen" aus talmudischen Quellen. Sie sind gut ansgewählt und höchst anregend erzählt. Ganz besonders gefällig erschienen mir die Skizzen „Ein Weib als rettender Engel" und „Das fromme Ehepaar"; ein schauerliches und doch verheißungsvolles Charakterbild bietet die Skizze „Trauer im Himmel". Aber auch alle anderen Skizzen nnb größeren Bilder sind allen Lobes wert. Es ist zu wünschen, daß das Buch auch in seiner neuen Gestalt sich weiter verbreite und zu einem wahren jüdischen Hausbuch werde. L. G. * — Juden als Erfinder und Entdecker. Veröffentlichung der Henriette-Becker-Stlftung. Welt-Verlag, Berlin-Wilmersdorf. Ein sehr nützliches Werk, bei dem freilich viele Personen erwähnt und behandelt werden, die nicht ihr ganzes Leben hindurch Inden blieben. Es zerfällt in zwei Teile, erstens Biographien einer Anzahl besonders hervoragender Erfinder und Entdecker, zweitens alphabetisches Verzeichnis einer größeren' Anzahl jüdischer Entdecker und Erfinder. Dieser zweite Teil enthält eine überraschende. Fülle von kurzen Notizen über Juden in der medizinischen Forschung, sodann Juden als Naturwissenschaftler, Mathematiker unb technische Erfinder sowie als Initiatoren und Organisatoren der Verwertung oon Erfindungen und Entdeckungen, drittens Juden als Forschungsreiseude. Der ausführlichere erste Teil, der in dieselben Abschnitte zerfällt, enthält ausführlichere Biographien von neun Medizinern, zehn Naturforschern und Technikern, vier Initiatoren und Organisatoren und vier Forschungsreisenden. Dem Buch ist eine Anzahl gut ausgeführter Bilder beigegeben. Die Darstellung der Lebensereignisse ist möglichst schlicht gehalten. Die Tendenz, von der der Verfasser ansgeht, wird von ihm selbst mit folgenden Worten ausgesprochen: „Im übrigen sind die jüdischen Entdecker und Erfinder ein Protest nicht nur gegen die Theorie vom jüdischen Mangel au Genie, sondern auch noch gegen eine andere wichtige Lehre judengegnerischer Wissenschaft, die sicherlich nicht weniger gefährlich ist als die erste, mit der sie ja auch in innerlichem Zusammenhang steht. Wir kennen sie ja alle, diese Lehre, daß die Juden ein Volk des Zweckes seien, das sich niemals über den Zweck erhebe, niemals naiv und ohne irgendwelche Reflexionen und Hintergedanken des Lebens leben und ini großen Drama des allgemeinen Geschehens ausgehen könne, daher auch niemals den frischen ursprünglichen Wagemut der arischen Völker ausweise. Wir kennen alle diese Lehre lmd haben oft gefühlt, daß eigentlich nur ein bißchen guter Wille, in unsere Eigenart eiuzudringen, nötig ist, um sich von ihrer liederlichen Oberflächlichkeit zu überzeugen. Nt an hat sie ja auch oft 'genug in Hinsicht auf einzelne Kapitel, wie z. B. den Sport und soldatische Tugenden, durch stattliche Beispietreiheu widerlegt. Aber mau sollte doch auch das Genie nicht vergessen, das ohne einen starken Zug von um die Folgen unbekümmerter Liebe zur Sache einfach undenkbar ist und damit auch einen unmittelbar einleuchtenden Gegenbeweis gegen jene Lehre darstellt. Als solcher bleibt er in jedem Falle bestehen auch dann, wenn man es ablehut, im Genie die zentralste Kraft des Volkes zu sehen." Man muß dieses Buch aufs freudigste begrüßen. Wir können die Henriette-Becker-Stiftung, die, meint ich nicht irre, hier zum erstenmal als Herausgeberin eines wissenschaftlichen Werkes nuftritt, zu diesem Unternehmen nur beglückwünschen und der hochherzigen Frau nur unseren lebhaften Dank aussprechen. L. G. — Interessante K r i m i u a l P r o z e s s e v o u k n l t u r - h i st o rischer Bedeut u n g. Darstellung merklvürdiger Strafrechtssälle aus Gegenwart und Jüngstvergangenheit. Nach eigenen Erlebnissen von Hugo Friedlaender. Eiugeleitet von Justizrat Dr. Sello, Berlin. Berlin 1913. Hermann Barsdorf, Verlag. Die Fortsetzung der interessanten Prozeßdarstelluugen, die schen mehrmals an dieser Stelle erlvähnt worden ist, enthält glücklicherweise keinen Abschnitt, in dem Juden als Verbrecher auftreten, wohl aber einen solchen, in. dem ein Jude, Jnstizrat Levy, in Berlin das Opfer eines Verbrechens wurde. Der Genannte wurde am 18. Oktober 1896 in Berlin ermordet. Er war ein außerordentlich beliebter Anwalt, auch -wissenschaftlich durch viele Arbeiten ungemein geschätzt und fiel zwei rohen Burschen zn-nr Opfer, von denen einerkurze Zeit als Schreiber bei ihm angestellt gewesen war. Es war ein ganz -gemeiner Mord, bei den: persönliche Rache ebensowenig das