Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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142 „Das ist noch nicht dagewesen!" entrang sich den Lippen des sonst so schweigsamen, jedes Wort bedenkenden Parneß. — Wenn der Parneß etwas sprach, so war dies schon zu allen Zeiten Veranlassung für den „Schammes", die ganze Aufmerksamkeit aufzubieten, um nichts zu überhören — und wenn der erste Parneß dazu ein Rabbi Juda Hirsch war! — Rabbi Juda Hirsch war wohl nicht das reichste, aber doch das angesehenste Gemeindemitglied, Ein ausgezeichneter Talmudgelehrter, nutzte er jeden freien Augenblick für das Gesetzesstudium aus; ja, er überließ «deshalb die Führung seines Geschäftes größtenteils den Händen seiner gewandten Frau. Dabei beseelte ihn eine aufrichtige, demutsvolle Frömmigkeit, die Lehre und Tat zur schönsten Harmonie vereinigte. Dem Einflüsse seiner starken Persönlichkeit war auch der Gemeindefrieden zu danken, der vor seiner Amtstätigkeit auf nur schwachen Stützen geruht hatte und bei der geringfügigsten Veranlassung von wütender Parteibefehdung abgelöst worden war. Es mußte also in der Tat etwas Unerhörtes gewesen sein, wovon Rabbi Juda in solcher Entrüstung sprach. In der Phantasie des alten Schammes tauchten Bilder aus vergangenen Tagen auf. Wahres und Sagenhaftes aus der Gemeindechronik vermischten sich in seiner Phantasie zu grauenvollen Gebilden. Er sah schon eine wilde Soldateska zum greulichen Gemetzel auf die Judenheit sich stürzen. Die erhitzte Phantasie machte sich nach außen hin Luft, indem des alten Samson Kopf in schüttelnde Bewegung geriet; 'die Unterlippe drängte sich gegen ihre obere Schwester — und als er aus der Unterredung der beiden Parnoßim die Worte heraushörte: „Das ist doch höchst ungerecht von der Herrschaft," da verstärkte sich der Druck so gewaltig, daß die Samsonsche Unterlippe in großem Wulste von den Zähnen abstand, und sie, nicht zufrieden mit dem allgemeinen Kopfschütteln, in besondere Auf- und Abwärtsbewegung geriet. Die Erregung war einer Steigerung nicht mehr fähig. Sv trippelte er hinter den beiden Parnoßim her, als sie nach beendetem Gespräche dem Shnagogenhofe znschritten. Hier waren unterdessen die allsabbatlichen gemeinsamen Gesprächsstoffe absolviert worden, deren Schluß die wöchentliche Kritik des „langen Meier" bildete, daß der Vorbeter gar nichts könne. Heute sei auch das zu Ehren des „Trostsabbats" eingesetzte Lied nicht laut und hoch genug vorgetragen worden; höchste Zeit, daß man sich nach einem besseren Vorbeter umsehe. An den beiden Pfosten hielten zwei jüngere Leute Wacht, um den alten Samson mit Witzworten zu empfangen ob seiner allsgebliebenen Prophezeiling. Sie blickten einstweilen zur Verschenchung der Langeweile zu dem über dem Eingang in den Stein gehauenen „Davidsstern" empor, lind überdachten wohl im stillen, wer der nächste Bräutigam wäre, der nach vollendeter Trauung nach ihm mit dem Glase werfen würde, daß es in tausend Scherben zerspränge. Immer noch nicht war das sonore „Gut Schabbos" von Judas Lippen ertönt, der gewöhnlich mit diesem Gruße würdevoll an den Gruppen vorbeischritt, ohne sich in das Gespräch zu mischen und mit diesem Gruße auch eine gelinde Mahnung zur Auflösung der nicht immer in Vornehmheit tagenden Gruppen bezwecken wollte. — Der Gruß ließ heute lange auf sich warten. So trat tiefe Stille ein nach der erregt geführten Unterhaltung. „Wo bleiben die beiden Parnoßim?" „Wo ist Reb Samson?" „Was haben die beiden Parnoßim allszumachen, was wir, das „Kahl", nicht wissen sollen?", so fing endlich Jossel Süß an, der Genleindekrakeeler, dem die Beweglichkeit und Schärfe seines Sprechwerkzeuges die besessene Parneßwürde verscherzt hatten, und der daher, was leicht denkbar ist, sich gern und gesucht in Gegensatz zu den Parnoßim setzte. „Was kann es nur geben?" „Sicherlich nichts Gutes!" Da erschienen sie, die Vermißten, Rabbi Juda Hirsch, den langen Bart streichend zur Ablenkung der Nervenerregung. Mattias Samuel mit der erzwungenen Ruhe des kühlen Geschäftsmannes, der sich stets hütet, zu verraten, was ihn innerlich bewegt, und nach beiden, den Kopf unaufhörlich schüttelnd, Reb Samson, die zur Gestalt gewordene Ghettoangst. Es waren aber nicht die dem alten Samson geltenden Neckwvrte, die nunmehr gewichtig und scharf die lichtatmende Luft durchschnitten; es war der in Worten verwirklichte Ausbruch einer lange niedergehaltenen Verbissenheit, der endlich ein Weg zum Entweichen gegeben war, und so war allmählich aus dem allgemeinen Murmeln nur noch die gellende Stimme Jossels vernehmbar, der in sich überstürzendem, gleichsam die Antwort vor Beendigung der Frage erheischendem Wortschwalle dem ersten Parneß entgegenschrie: „Wenn Juda Hirsch am Sabbat solch wichtige Unterredung führt, so handelt es sich nicht um geschäftliche Angelegenheiten, ein mit der Werktätigkeit in Beziehung stehendes Wort kommt ihm am Sabbat nicht über die Lippen. Es sind „Kahlssacheu", die so heimlich besprochen wurden; wir, das „Kahl", sollen auf die Seite geschoben werden, und ihr wollt nur nach eigenem Gutdünken handeln. Wir haben aber das Recht, in allem mitzuraten, was das „Kahl" angeht! Was war es, das ihr verhandeltet? Was sollten wir nicht erfahren? Wir wollen Antwort haben! Wir wollen alles wissen!" Nun Rabbi Juda Hirsch: „Sieh, Jossel, wüßte ich nicht zur Genüge, daß all die Airgriffe, die bösen Worte, die ich von dir zu erdulden habe, nur deiner Erbitterung über die verlorene Parneßwürde entspringen, und hätte ich nicht Vertrauen zum endlichen Siege deiner nur auf die Seite geschobenen Gutherzigkeit, so hätte ich schon längst zu der mir von der Herrschaft übergebenen Handhabe gegriffen, um mir Ruhe zu verschaffen. Ich unterließ bis jetzt noch jeden Zwang, indem ich mich der Hoffnung hingab, du würdest am „Jom Kippur", am Versöhnungstage, beim Ablegen des Sündenbekenntnisses, die Sünde „grundloser Haß" ganz besonders bereuen. — Daß du aber die Freude des heutigen „Trostsabbats" durch dein ungestümes Wesen störst, meinen Mitparneß und mich grundlos verdächtigst, das läßt mir nur wenig Hoffnung. Kennst dn den Spruch des weisen Königs nicht: „Sei nicht rasch mit deinem Gemüte zu zürnen, denn Zorn ruhet im Busen des Narren?" Nun ihr alle, die ihr da glaubt, wir Parnoßim wollten euch in eurem Rechte verkürzen, höret zu! Wir berieten freilich in der Stille, etwas für „Kahl" zu unternehmen, das aber rasch und unauffällig geschehen muß. Die Heimlichkeit in der Beratung erfolgte in der guten Absicht, euch die heutige Freudenstimmung nicht zu stören. Kommt die Freude ja so selten zu uns. Ihr wollt es anders haben! Nun höret! Gestern abend, kurz vor Sabbateingang, wurde mir die Mitteilung zugebracht, unser allergnädigster Herr Graf habe den Plan gefaßt, die nächsten zwei freien Schutzstellen nicht an Söhne unseres „Kahls" zu vergeben, sondern sie dem reichen Moses Abraham aus Erlbach zu verkaufen. Dieser wird dann zwei seiner Söhne hier ansässig machen und somit seine Geschäftsbeziehungen auch hier herein verlegen. Ihr entsetzt euch über diesen unheilvollen Entschluß und auch du, Jossel, bereuest schon, ich glaube es dir anzusehen, die Schale deines Zornes gegen mich ausgegossen zu haben. Gäbe aber Gott, deine Reue wäre durch eine andere Ursache hervorgerufen worden als durch das Nachdenken über diese traurige Botschaft! Wie gern hätte ich meinem lieben Mitparneß, meiner Rechten im Amte, meiner Linken und Rechten, wenn es sich um Mildtätigkeit handelt, wie gern hätte ich ihm die heutige