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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-20 · Heft 12 (20.3.1914) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 12 (20.3.1914)
Date
1914-03-20
Page
Seite 141 (sequence 9)
Language
German
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141 könne aus Mangel an Geldmitteln sowie mit Rücksicht darauf, daß Florenz nicht die geeignete Zentrale der Bewegung darstelle, nicht ausreichen, dein Ziel der Bewegung mit der nötigen Beschleunigung nahezukommen. Als der Fahnenträger der Bewegung richtet daher Herr Oberrabbiner Dr. Margulies den eindringlichsten Appell an die Versammelten, die Zentrale der Bewegung nach Deutschland, und insbesondere nach Frankfurt, der Jr woem b’Isroel, wo der Bewegung viele Sympathien entgegengebracht werden, zu verlegen und das große Werk nicht nun, wo es angebahnt sei, unvollendet liegen zu lassen. Herr Dr. Jacques Faitlowitsch ergänzte die Ausführungen d>Z Herrn Oberrabbiners Dr. Margulies und gab einen eingehenden und klaren Bericht über seine dritte Expedition im Jahre 1913. Der Bericht bewies nicht nur, welchen Strapazen sich dieser unermüdliche Vorkämpfer für die Falaschasache seit Jahren im Interesse des heiligen Werks unterzieht, er zeigte auch welche Erfolge bereits erzielt sind und welche Verantwortung die jüdische Gesamtheit auf sich nehmen würde, wenn sie die Falaschas dem Schicksal des Untergangs und der Aufsaugung überlassen würde. In der folgenden Diskussion, an der sich die Herren Prof. Dr. Ehajes, Triest, Justizrat Dr. Apfel, Köln, Landgerichtsrat Stern, Stuttgart, die Herren Stiel und Simon, Köln, B o ll ag-F e u ch t w a n g e r , Basel, Julius Goldschmidt, Dr. Sondheimer, Rabbiner Dr. Nobel, Rabbiner Dr. Horowitz, Rabbiner Dr. Lazarus, Dr. Feuchtwanger und Rechtsanwalt Horovitz, Frankfurt a. M. beteiligten, in der außerdem schriftliche Vorschläge der Herren Pros. Mittwoch und Dr. Elbogen zu Berlin Vorlagen, und insbesondere festgestellt wurde, daß für die verschiedenen Schulbauten ein Baufonds von 50 000 Franks ausgebracht werden müsse, daß im übrigen ein jährliches Budget von etwa 30 000 bis 35000 Mark sicherzustellen ist, wurden im übrigen Fragen der Organisation und Propaganda erörtert. Von größeren Organisationen waren in der Sitzung der Hilssverein der Deutschen Juden durch Herrn Salomon Epstein zu Frankfurt a. M., das zionistische Aktionskomitee durch Herrn Fritz Sondheimer und die Agudas Jisroel durch Herrn Dr. Feuchtwanger zu Frankfurt a. M. vertreten; auch diese Organisationen brachten ihre Sympathie und ihren Willen zur Mitarbeit an dem großen Werk zum Ausdruck. Es wurde beschlossen, Herrn Dr. Faitlowitsch um weitere Mitarbeit an dem Profalaschawerk zu bitten mit der Aufgabe, insbesondere dank seiner Beziehungen zu der Falaschabevölkerung das Band mit den Falaschas fester zu knüpfen, die Schule, sobald die finanzielle Basis erreicht ist, weiter zu fördern und einzurichten und programmatisch tätig zu sein. Auch die Anstellung eines Generalsekretärs wurde beschlossen. Zum Sitz der Zentrale wurde Frankfurt a. M. nach ausgedehnter Debatte gewählt. Nachdem Herrn Oberrabbiner Dr. Margulies das Ehrenpräsidium übertragen war, übernahm Herr Julius Goldschmidt zu Frankfurt a. M., der schon lange Jahre den tatkräftigsten Anteil an der Profalaschabewegung nimmt, das Amt des ersten Vorsitzenden des internationalen Komitees. Im übrigen wurden in den Geschäftsführenden Vorstand die Herrn Dr. Sondheimer, Frankfurt am Main, Landgerichtsrat Stern zu Stuttgart, Moritz Stiel zu Köln, Salomon Epstein zu Frankfurt a. M., Bollag - Fe-uchtwanger zu Basel, Prof. Chajes zu Triest, Stadtältester Wiener, Kattowitz, Prof. Mittwoch und Dr. I. Ginsberg, Berlin, sowie Rechtsanwalt Horovitz und Prof. Dr. Bondi zu Frankfurt a. M. gewählt. Die endgültige Konstituierung des Geschästssührenden Vorstands, des Ausschusses und des Zentralkomitees wird demnächst erfolgen. Es wird nun Sache der Glaubensgenossen aller Länder sein, darüber zu entscheiden, ob das unter den günstigsten Auspizien begonnene Werk weitergeführt werden kann, oder ob die ohnehin dezimierte Judenheil es gescheh en lass en will, daß ein nach Zehntausenden zählender Bruchteil unserer Gerneinschaft uns endgültig verloren geht, weil die Judenheit nicht gewillt ist, die Hilferufe dieser versprengten Brüd.erschar zu hören. Das internationale Profalaschakomitee bittet um Gründung von Lokalkomitees an allen Orten, wo solche nochnicht bestehen, um Zeichnungen zum Baufonds, um Spenden und um Beitritt als Mitglied. Alle Mitteilungen sind et tt Herrn Julius Goldschmidt, Frankfurt a. M., Friedbergex Anlage 12, oder an Herrn Rechtsanwalt Horovitz, Frankfurt am Main, Zeil 123 (Z e i lp a l a st), zu richten. Geldsendungen wollen an den Schatzmeister der Zentrale, Herrn Salomon Epstein, Frankfurt a. M., llhlandstr. 30, oder unter der Adresse des Genannten auf das Konto „Profalascha" der Pfälzischen Bank, Frankfurt a. M., Depositenkasfe, Zeilpalast, übermittelt werden. flua der Leit der Schutzbriefe. Geschichtliche Erzählung für die reifere Jugend. Von Louis Uhlselder, Wilhermsdors. I. s war am „Trostsabbat" des Jahres 178... In satter Fülle sah die Sonne vom Firmamente herab, durchleuchtete die kleinen, armseligen Behausungen der Juden zu Wilhermsdorf, einem standesherrlichen Städtchen in der Markgrafschaft Ansbach, spannte einen glänzenden Teppich über den „Schulweg", auf dem soeben die „Schulbesucher" wandelten. Freilich, als einige Tage vorher, am Erinnerungstage der Tempelzerstörung, der leuchtende Himmelskörper neugierig durch die niedrigen, bleigefaßten Fenster lugte und jeder seiner Strahlen sich breit über die'Gebetbücher der weinend auf dem Boden sitzenden Beter legte, da hätten ihn diese am liebsten hinter einen dichten Wolkenvorhang verbannt. Dem alten Synagogendiener, dem „Schammes" Samson, gaben an diesem Tage die helleuchtenden Sonnenstrahlen überdies noch Veranlassung zu einer trübseligen Betrachtung. „Ihr werdet es sehen," äußerte er zu seinen Synagogennachbarn, „es geht wie immer; stets ist's für den Juden ungünstig. Heute scheint die Sonne und vergrößert die Unannehmlichkeit des Fastens durch quälenden Durst. Samstag aber, am Freudentage, wird sie sich nicht sehen lassen, da schickt der Himmel Regen, viel Regen." Allerdings, ein unfehlbarer Voraussager war der alte Samson nicht. Wohl war seine Lebenserinnerung eine inhaltsreiche; er wußte auch eine weitspannende Gemeindechronik zu erzählen. Aber in seinem Gedächtnisse waren nur ernste, traurige Ereignisse verzeichnet, Ereignisse, deren wuchtiger Inhalt breite Seiten einnimmt im Erinnerungsbuche nachdenklicher, ernster Menschen. Solche Ereignisse gönnen dem Freudigen wenig Platz. Darum neigten des alten Samson Ansprüche, die er gern in eine blumenreiche Sprache kleidete, dem Trübseligen zu. Eine andere Entwicklung als nach dieser Seite hin gab es für ihn nicht — und konnte ein Kind jener ernsten Zeit und dazu noch ein Ghettoluft atmender Jude anders veranlagt gewesen sein? War es deshalb zu verwundern, daß nun heute, im Glanze der übermütig spielenden Sonnenstrahlen, die des alten Weissagers Aussprüche so glänzend widerlegten, die Schadenfreude in manchem Synagogenbesucher rege wurde, sich an der Verlegenheit des Schammes zu weiden? Es kam aber anders. Die letzten Synagogenbesucher hatten sich noch nicht einer der Unterhaltungsgruppen angeschlossen, die sich gewöhnlich nach dem Gottesdienste bildeten, der alte Samson wollte seines Beschließeramtes walten: da bemerkte er, daß der erste Dorsteher, „Parneß" genannt, Juda Hirsch, sich noch nicht entfernte, sondern auf seinen Kollegen Mattias Samuel zuschritt, den er schon während des letzten „Kaddisch" durch einen bedeutsamen Wink zum Bleiben gebeten hatte.

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