Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-20 · Heft 12 (20.3.1914) · p. Seite 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 12 (20.3.1914)
Date
1914-03-20
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229136--70256-3282592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

139 Hilfe bringen'), auf daß ihm und seiner Gemeinde die Sonne wieder leuchtet und er mit dem Dichter, ihm nur zu wohlbekannt, singen kann: „Die Sonne leuchtet in mein Gitter Vom Fu-sang her. Ich lenkte meine Rosse, Ich zog in Ruh'. Die Nacht vom F e u e r s ch i m m e r Sie glänzte hell!" Theatrslla. Von Ludwig Geiger, l. Juden in neuen französischen Dramen. on Maurice Donnay, dem bekannten antisemitischen Schriftsteller, ist vor einiger Zeit (Februar 1913) im TheLtre Marigny ein Drama „Les Eclaireuses" aufgeführt worden, das allerdings nur eine jüdische Nebenfigur hat. Es ist der sehr reiche Bankier Myrtil Steinbacher, der einer der weiblichen Hauptpersonen, Jean ne, die Cour macht, aber abgewiesen wird. Er kommt mehrfach in dem Drama vor, ohne eine besonders wichtige Rolle zu spielen. Er ist der Typus eines Börsenmannes im guten und bösen Sinn. Seine Lebensweisheit legt er einmal in dem Satze nieder: „Sei Pünktlich. Von einem Menschen, der sich erwarten läßt, sagt man, er sei nicht angelangt (arrive in dem Doppelsinne: angekommen und zu etwas gelangt)." Ich aber komme immer, selbst wenn ich weiß, daß man Geld von mir verlangt, zur bestimmten Stunde!" In einem zweiten Pariser Stücke von Henri Bernstein, das im März 1913 in den Bouffes Parisiennes zur Aufführung gelangte, „Le Secret", ist scheinbar nichts Jüdisches vorhanden. Eine der Hauptpersonen, Gabrielle, entdeckt ihre Verirrung ihrer Freundin Henriette; man versteht eigentlich nicht, warum; diesen seltsamen Zug sucht einer der hervorragenden Pariser Kritiker, G. de Pawlvwski, folgendermaßen zu erklären: „Wenn sich Gabrielle so eifrig aufopfert, so kommt das daher, daß sie von jüdischer Abstammung ist. Die Juden haben den ganzen Fatalismus des Orients gewahrt, die volle Unterwerfung des Menschen unter die gewaltige Natur, sie suchen begierig das Opfer aus und werden durch das Wohlleben bedrückt. Denn was man auch sagen mag, die Juden können sich schwer an den Reichtum gewöhnen und die wenigen Millionäre unter ihnen können nicht die zahlreichen Ghettos vergessen machen. Diejenigen, die reich sind, sind zwar nicht geizig, lieben es aber, sich arm zu stellen. Sie sind zu großen Spenden bereit, die sie ruinieren könnten, aber niemals zu einer kleinen, die ihren wirklichen Wohlstand bekundet. Ihr Vergnügen besteht darin, unglücklich zu sein. Wenn der triumphierende Katholizismus römischen Ursprungs ist, so stammt die christliche Demut aus dem Judentum. So ist auch die Heldin Gabrielle Jeannelot unglücklich, weil sie zu glücklich ist. Sie muß ein paar menschliche Opfer um sich haben, und da ihr dies nicht genügt, so erniedrigt sie sich und klagt sich selbst an." Ich gestehe zwar, daß ich diese ganze Ausführung für recht sophistisch oder geradezu für unrichtig halte, aber es ist ungemein interessant, diese von einem vorurteilslosen Kritiker gegebene Charakteristik des jüdischen Wesens hervorzuheben, die alle dem widerspricht, was unsere deutschen und wohl auch die französischen Antisemiten von den Juden sagen. * ') Zur Annahme von Geldsendungen erklären wir uns bereit und werden in diesem Blatte darüber quittieren. Die Red. 2. Eine antijüdische Demonstration im Hoftheater zu Berlin. In dem sehr anziehenden Buche Hedwigs v. Olsers geborenen v. Stägemann, 1799—1891, ein Lebenslauf, Berlin 1908. l. Bd. S. 283, findet sich folgende Stelle: „Man erinnerte sich (bei einem Zusammensein mit der Prinzessin Charlotte und Friederike) unter anderem auch der Vorstellung des „Macbeth", die wir kürzlich in der Nähe des Hofes mit anfah-en." „Was wird Madame Beer (sie hatte ihre Loge neben der unfrigen) wohl zu der Judenleber gesagt haben, die in den Hexenkessel geworfen ward?" fragte man. „Ich habe sie recht darauf angesehen, ob sie nicht lachen würde!" Hedwig wollte dagegen bemerkt haben, daß die Judenleber von Herrn Labes jedesmal recht tückisch herausgehoben wurde-und -das geschieht loirklich, worauf fast immer ein Gelächter im Parterre entsteht." Die angeführte Stelle steht in einem Briefe der Frau Cliiabeth Stägemann an ihren Gatten vom 27. Januar 1816. Die genannte Hedwig ist ihre Tochter, die mit Herrn v. Olsers verheiratet war. Die erwähnte Frau Beer ist die Frau des jüdischen Bankiers Beer, des Vaters der berühmten Söhne, des Musikers Giacomo Meyerbeer und des Dichters Michael Beer, eines Mannes, der, wie bekannt, durch Errichtung des ersten Reformtempels für die innere Entwicklung des Jndentuins sehr verdient ist. Stägeinanns müssen mit der Familie Beer recht bekannt gewesen fein, denn Frau Stägemann! berichtet, daß sie ein Bild von ihnen holte, damit der Sohn es kopieren könnte, und ein anderesmal, daß der Bankier zu ihr gekommen sei, um ihr eine wichtige politische Nachricht zu bringen. S. 289, 314. Auch in dem eben erschienenen zweiten! Bande des -genannten Werkes, Berlin 1914, wird Madame Beer gelegentlich genannt (S. 34). Hedwig v. Olsers macht nach ihrer Verheiratung eine Gesellschaft bei ihnen mit (1827, S. 112) und schreibt ein anderes-mal (16. Juni 1828, S. 128): „Vorgestern hatten wir ein Dejeuner bei Beers -und außerordentlich schönen Gesang -dazu. Eine ganz vortreffliche Komposition von Meyerbeer löste zu meiner Freude Rossini ab. Im Sommer bin ich lieber bei Beers als im Winter, denn der Garten geht mir über den Salon. Endlich konnte ich den Leuten sagen, daß Du bald unterweges sein würdest." Die oben mitgeteilte Stelle -bezieht sich -auf Shakespeares „Macbeth", und zwar auf den 4. Auszug, erste Szene. In der dort mitgeteilten Herenszene hat die dritte Here folgendes zu sprechen: „Drachenfchuppe, Wolfsgebiß, — Hexenmumie, Maul und Füß — von des Meers gefräßigem Raben, — Schierlingswurz bei Nacht ergraben; — werft des Lästerjuden Herz — mit Bocksgalle kesselwärts!" Offenbar hat der Schauspieler Labes die dritte Hexe zu spielen gehabt und die Worte „des Lästerjuden Herz" besonders stark betont. (So ist „herausgehoben" zu deuten.) Der Schauspieler Labes wird in den Theaterlericis und in der allgemeinen deutschen Biographie nicht erwähnt. Nach Mitteilung des Herrn Dr. Stümcke bemerke ich folgendes: Es gibt zwei Schauspieler Labes. Der ältere ist Abraham, der 1730 zu Stettin geboren wurde, bei Schuch 1767 in Berlin debütierte, 1787 als Mitglied des Nationaltheaters pensioniert wurde und 1796 in Berlin starb. Seine Frau Anna Maria, geb. Fick, wurde gleichfalls 1787 pensioniert, bezog mit dem Manne zusammen 300 Taler und starb 1804 in Berlin. Der jüngere Labes, Franz Wilhelm Christian, 1767 zu Danzig geboren, war vermutlich ein Kind dieses Ehepaares. Er tanchte in Berlin zum erstenmal 1795 als Gast am Hoftheater auf, gehörte ihm bis 1815 an (Pens. 8. August), kehrte aber im folgenden Jahre noch einmal als Gast aus Prag sowie 1819

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.