Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Zwei Jahre hat er für seine letzte Tat im Gefängnis gesessen, bis ihm, dem einflußreichen Manne in K'ai-föng-su, von guten, einflußreichen Freunden die Freiheit erwirkt wurde. Tschao ist der Anführer von 500 Soldaten und ein Freund des Tutu. Augenblicklich wohnt er außerhalb der Stadtmauer und betreibt eine ausgedehnte Gartenzucht. Von den Stammesgenossen wird er nunmehr als Oberhaupt respektiert, das heißt mehr gefürchtet als geliebt. Als die Missionare das Land von den in bitterster Not lebenden Juden kaufen wollten, da wurde er als Führer diesesmal um Rat gefragt. Er war gegen einen Verkauf an die Mission, und er sandte Emissäre an die Brüder in Schanghai, ob das Land zu behalten sei oder nicht. 2000 Dollar wären genügend gewesen, um diese historische Stätte den Juden zu erhalten. Aber mit leeren Händen kamen die Sendboten zurück. Daraus wurde das Land, wo die Synagoge gestanden, verkauft. Da die Steine, die inschriftlich ihre Geschichte bezeugten, auf dem Platze im Wasser gelegen hatten und. zugrunde gegangen wären, habe er als Führer das Anerbieten der Mission angenommen, dieselben an einem geeigneten Orte in K'aisöng-fu aufzustellen, zu säubern und für die Erhaltung zn sorgen. Auf diese Kunde hin wären die alteingesessenen Bürger der Stadt K'ai-föng-su zum Vizekönig gegangen und hätten sich beklagt, daß er diese einzigartigen Reliquien verkauft habe. Der Vizekönig wollte nunmehr die Steine als in der Erde gefunden für die Regierung reklamieren, Tschao aber habe sich diesem ganz energisch widersetzt und den Standpunkt energisch vertreten, daß die Steine noch der Gemeinde gehörten. Nie würde er es zulassen, daß dieselben verkauft würden. Die Steine sollten nach einem Vertrage nur so lange der Mission verbleiben, bis ein geeigneter Platz gefunden, bis eventuell eine j Synagoge erbaut würde. Für sein energisches Verhalten ' wurde er abermals ins Gefängnis geworfen, und man verl suchte, ihn zu martern. Tschao aber tat dies alles nichts. Heroisch erklärte er der Polizei: „Selbst wenn ihr mich in i einen Kessel voll siedenden Oeles werfen solltet, dann werde i ich nicht zugestehen, daß die Steine der Regierung zukvmmen.; Sie gehören uns und unseren erhabenen Vorfahren." 300 i Dollar, die ihm Bischof White für seine Unannehmlichkeiten j angeboten, habe er energisch zurückgewiesen. Die armen! Glaubensgenossen gehen zwar täglich zur Mission, um Geld! für die Steine zu erhalten, er habe dies aber streng verj boten. Mit besonderer Herzlichkeit bat er mich, alle Brüder in Europa zu grüßen, er und sein Haus würden stets zum alten Glauben halten, und als Beweis schickte er mir bald daraus sein Bild mit dem folgenden Briefe, der als Aufruf an alle j Juden gedacht ist: i! An unsere Brüder! Wir wollen nicht in unnötige Diskussionen über irrelevante Punkte eingehen. Unsere väterliche Religion datiert von uralten Zeiten her. Nachher kam sie an die Grenzen von Honan, wo sie seither über 1000 Jahre existiert hat. Die sieben Familien zählen über 1000 Seelen. Die Provinz Honan ist im Verkehr mit allen anderen Plätzen Chinas, und die Menschen werden täglich mehr und mehr zivilisiert. Wenn es möglich ' wäre, Mittel zu finden, um unsere alte Religion wieder herzustellen, dann würden unsere Lehren nicht ganz vergessen werden, und die Menschen hier würden etwas haben, um mutig! in die Zukunft zu schauen. Gegenwärtig erfreuen wir uns der j religiösen Toleranz des Landes. Wenn der verblichene Ruhm! unseres Glaubens wieder erneuert werden könnte, dann würde derselbe in der Zukunft sich verbreiten (aufs neue erstrahlen) und unser Banner würde noch einmal wehen! Beste Grüße! Um eine Antwort wird gebeten. P. S. Da die Glaubensgenossen sschon io] lange Jahre in Honan sabgeschnitten von allem] leben, so ist die Religion sLehre und Kultus] z.T. vergessen. Ach! Wir haben keine Lehrer gehabt, und darum sind unsere Glaubensgrundsätze zerstoben wie Wolken vor dem Winde. Hoffentlich wird etwas getan. Die Schritte, die unternommen werden, bitte, dem Schreiber -diesesbekanntzugeben. gez. Tschao Mn-tschung und Genossen. Wehmütig habe ich nach einiger Zeit K'ai-feng verlassen, nicht, ohne vorher Tschao gelobt zu haben, alles, was in meinen Kräften ist, für ihn und seine Brüder zu tun. Vor zirka sechs Jahren noch war bereits eine Bewegung zugunsten der verlassenen Gemeinde im Gange. Damals schmachtete Tschao im Gefängnis, und nur einige der minderwertigsten Elemente der niedrigstehcnden Clane wurden nach Schanghai zur Erziehung gebracht, wo sie noch heute anzutreffen sind. Selbstverständlich mußte der Versuch, sie in europäisch-jüdischem Geiste zu erziehen, sehlschlagen, ganz abgesehen davon, daß Schanghai gär nicht über die Lehrkräfte verfügte und auch nicht das Milieu besaß, um Ersprießliches zu erzielen. Nunmehr, da der Führer der Gemeinde an die Judenheit insgesamt appelliert, sollte alles von derselben aufgeboten werden, um diese Stätte für sie zu erhalten. Es sollte für alle Juden eine Ehrensache sein, diesen ihren Brüdern zu helfen. Alle, die Sinn für Geschichte haben, müßten zu diesem Werke der Rettung beisteuern. Es gilt eine seit Jahrhunderten verabsäumte Pflicht nachzuholen, es gilt einen der ältesten Außenposten semitischer Kultur vor dem Niedergang zu bewahren. Hoffentlich kann ich Tschao Wn-tschung, der jetzt voll Trauer ist, demnächst bei meinem Zweiten Besuch die ersehnte Chinesischer Jude aus dem Stamm Li mit Mutter, Fran und Kind. 1 ~ ,v.