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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-20 · Heft 12 (20.3.1914) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 12 (20.3.1914)
Date
1914-03-20
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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187 Adepten, dann aber — wie fast immer in der Geschichte auch sonst anzutreffen ist — aus Ohnmacht über sich selbst über diejenigen ' hergefallen sind, die ihnen M allem verholfen hatten. Als ich aus dem Konfuziustempel, wo sich ebenfalls einige Stücke der Synagoge befinden, nach dem Platze zusteuerte, da Jahrhunderte hindurch der einzige, eine Gott verehrt wurde, da sah ich mehrere Gestalten, die durchaus semitischen Typ zeigten. Auf dem Platze selbst, der ganz in der Nähe des Konfuziustempels liegt, ist jetzt fast nichts zu sehen. Derselbe ist jetzt aufgeschüttet und Eigentum der anglikanischen Mission. Nur ab und zu kann man Männer, Frauen und Kinder unverkennbar jüdischen Aussehens antreffen. Ich sprach auch einige an. Auf dem Wege zu meinem Hotel zurück sah ich, trotzdem ich schon an mancherlei gewöhnt war, Szenen, die unbeschreibbar sind. Menschen, wie Fliegen umfallend, zu meinen Füßen tot hinstnkend! O, alle die Juden, welche in Rußland, Rumänien und jetzt auf dem Balkan Not, Elend, Geißelung und den Tod erleiden, sind nichts gegenüber diesen Juden. Seit Jahrhunderten ertragen sie still ihr Leid. Der Tod in Gestalt des Hungertyphus, der Cholera, der Pest und dergleichen lauert da in jedem Winkel. Keine Hütte, keine Kleidung, keine Nahrung! Vergessen und verschollen sind diese Aermsten! Und am nächsten Tage sollte ich den Schmerzensschrei hören, der mir noch heute in den Ohren gellt. Wo immer ich auch stehe und gehe, er verläßt mich nicht! Am nächsten Tage nämlich, pünktlich, wie die Verabredung lautete, kam ein Mann zu mir, ein Riese von Gestalt, ein Krieger, robust und stark, eine Art von Makkabäer, ein Held, der ein Martyrium hinter sich hat, ein Großer! Es war Tschao Hün-tschung, das Haupt der Gemeinde, der für sein Volk gelebt und gelitten hat wie selten einer, und der in der Geschichte seiner Nation fortleben sollte als einer der erwählten. Wenn man bedenkt, daß alle diese Inden seit Jahrhun-! derten und zwei Jahrtausende vielleicht abgeschnitten von jeder jüdischen Kultur gelebt, wie sie nur auf sich selbst angewiesen waren, so kann man es ermessen, wie stark und felsenfest, wie zähe und ausdauernd das Band gewesen sein muß, das sie zusammengehalten. Nirgends in der Welt, aber auch nirgends, j hat das Judentum seine Stärke zeigen können tvie hier. Kultus i und Riten konntm in Ermangelung von Lehrern und geisti- - gen Führern allmählich in Vergessenheit geraten. Aber das! eine mußte bleiben: der nationale Gedanke, der Stamme s g e d a n k e, er allein konnte nicht erlöschen, er t st geblieben! Als Tschao Mn-tschung in das Zimmer trat und mir gegenüber stand, konnte er anfangs vor Aufregung gar nicht sprechen. Ich selbst war tief bewegt und brachte auch nichts hervor. Stumm standen wir uns gegenüber, und eine Träne rann aus den Augen des Chinesen. Mir wird dieser Augenblick unvergeßlich bleiben, da ich aus dem Westen diesem Mann aus dem Osten gegenüberstand. Wie herzlich begrüßte er mich dann als seinen Bruder, und seine erste Frage galt unserem Bruder Pai. Derselbe wäre vor etwa zehn Jahren aus England zu ihm gekommen und hätte ihm versprochen, für die Gemeinde bei den Glaubensgenossen in England und auch sonst etwas zu tun. Zum Andenken und als Beweis, daß er von ihnen käme, hätte er sich den heiligen Schrein mit der ältesten und letzten Thorarolle ausgebeten. Bis heute hätte er aber nichts von sich hören lassen. (So viel wie ich weiß, war zuletzt Oliver Bainbridge bei ihnen und hat auch einiges von ihnen mitgebracht. Sollte Bainbridge mit Pai identisch feind) Hierauf sprach er noch über dies und das, aber ich merkte aus seinen nervösen Gesten und dem verlegenen Spielen mit seinem Fächer, daß er etwas auf dem Herzen hatte, und auf meine Bitte hin begann er mir das Drama seines Lebens zu erzählen. Wie vor etwa 20 Jahren der Führer des Stammes Kao der bittersten Not der Leute dadurch steuern wollte, daß er den alten Tempel respektive dessen Ueberreste veräußern wollte, und wie sein Vater Tschao sich diesem ganz widersetzt hatte. Sein Vater war ein in seiner Religion ausgewachsener und auch kundiger Mann. Kao aber drängte immer mehr zum Verkauf und drohte zuletzt, den Betreffenden, der sich dem Verkauf widersetzen würde, zu töten. Der alte Tschao aber wachte über sein Kleinod, und eines Tages geschah das Entsetzliche: Tschao wurde von Kao getötet. Er, der junge Tschao, war damals noch zu jung, um den Tod seines Vaters zu rächen. Dann einige Jahre später aber mußte er als nunmehriger Führer des Clans Tschao den Tod seines Vaters rächen. Mit leiser, kaum vernehmlicher Stimme schilderte -mir Tschao, wie er das Blut seines Vaters gerächt habe, wie er Kao töten mußte und ihm die oberen inneren Teile, unter anderem das Herz, herausnehmen mußte. Dafür kam Tschao ins Gefängnis. Drei Jahre schmachtete er in demselben, und erst, als der Reformkaiser Kuang-Hsü den Thron bestiegen, wurde er sreigelafsen. Kaum genoß er die goldene Freiheit und hatte die Führung der Gemeinde übernommen, da lauerten ihm eines Abends die Leute des Stammes Kao in der Ku-lu-tschieh-Straße auf und wollten nunmehr den Tod ihres Clanoberhauptes rächen. Tschao aber wehrte sich seines Lebens: sieben Mann stürzten verletzt aus die Straße, einer wurde getötet, und die anderen entslohen. Entsetzt starrte ich in dasGesicht desTschao, und mit zitternder Stimme bat er mich, ihn nicht als Mörder zu betrachten, die Sitten des Landes (Blutrache), für die er nicht konnte, hätten es so gefügt, und dann war ja die eigentliche Ursache von allem das Festhalten an seinem alten angestammten Glauben gewesen. .... *.-■ Tschao Mn-tschung Haupt des Clans Tschao und Führer der ganzen jüdischen Gemeinde zu K'ai-feng-su (Provinz Honan). Ans-

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