Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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184 sind, in keinem anderen Buch treten die irdischen Rücksichten, die Profanen Absichten und weltlichen Beweggründe so sehr in den Hintergrund wie in diesem Buch. Liegt nicht zum Beispiel ein tiefer Sinn, eine achtungswerte Pietät darin, wenn ein Volk die Helden seiner Religion, die Gründer seiner Kultur, seine Vorbilder im Leben, im Glauben, in seiner Sitte, mit dem Glanz der Wunderkerzen umgibt? Es ehrt sie mit dem Besten, was es hat, mit seinem Gemüt, mit seiner begeisterten Phantasie, mit der Inbrunst seiner gottgläubigen Poesie. So hat die Phantasie des jüdischen Volkes das Leben Abrahams mit einem wunderbaren Sagenkranz geschmückt. Der wissenschaftliche Forscher wird die Geschichte scharf von der dichterischen Ausschmückung sondern. Allein der religiöse Mensch, wenn er anders nicht seinen Geist durch Ueberkultur verdorben hat, wird sich auch heute noch an den Bildern und Sinnbildern der Erzählung erfreuen und erbauen. Es ist nicht wahr, daß wir auf diesem Boden bloßer religiöser Erdichtung begegnen. Der Bolksgeist dichtet nicht ins Leere hinein. Die urgeschichtlichen Heldengestalten sind wohl wie altes Gemäuer von dem Efeu der frommen Volkssage umwunden; aber durch den Vorhang blickt das ursprüngliche Lebensbild immer noch erkennbar hervor. Denn namentlich ist ein vielbewegtes, vielgeprüftes und erfahrungsvolles Leben, wie es das Leben unserer Patriarchen war, geeignet, den Menschen ein Wesen ahnen zu lassen, das außerhalb seines menschlichen Wirkens wirkt, das außerhalb einer sichtbaren Weltordnung über alles menschliche Berechnen die Erfolge leitet. Hier lernen wir kennen, wie schwach und unzureichend die menschliche Kraft ist, wie verfehlt des Menschen Berechnungen, wie irrig seine Beschlüsse, und wie es ganz andere, unsichtbare Mächte sind, die über uns walten. Wer einen Gott in der Philosophie, auf dem Weg spekulativen Forschens sucht, sucht ihn vergeblich; wer ihn aus dem Leben der Erfahrring wegzuleugnen sucht, leugnet ihn vergeblich. Mit dem Seziermesser der Vernunft schleicht der Mensch hinter der Vernunft einher, sie nach ihren Atomen zu analysieren, nach ihren Bewegungen zu berechnen, sie in ihrem Innern zu belauschen und nach ihren Gesetzen zu ergründen. Und wo die Vernunft ihn verläßt, beim Keim der Bewegungen, beim Urheber dieser Gesetze, da sollte er erst das Nichtbegründete durch das Unergründliche, das Nichterforfchte durch das Unerforschliche sich zu erklären suchen. Das Gottesbuch läßt daher unseren Helden seinen Gott nicht auf dem Boden spekulativen Forschens, nicht, wie die Legende, auf dem Wege der äußeren Naturbetrachtung suchen, sondern in seinem vielbewegten, vielgeprüften, erfahrungsvollen Leben. Abraham spricht bei seinen vielfachen Prüfungen und Versuchungen nicht in heidnischer Weise von tückischen und neidischen Mächten, auch führt er nicht im Sinn der modernen Aufklärung die Worte „Schicksal", „Zufall", „Unabänderliches Naturgesetz" im Mund, Worte, die in ihrer Unpersönlichkeit, Unfaßlichkeit uns gar nichts sagen und gar nichts erklären, sondern er spricht nur von einer Prüfung Gottes. Er war überzeugt, daß nicht Grausamkeit regiert, sondern das Recht, daß alles in der Welt eine Lösung, alles seine Deutung haben müsie. Die Kritik hat sich herausgenommen, ihre Zweifel auch auf die Gestalt Abrahams auszndehnen, indem sie diese Gestalt als eine mythische Darstellung betrachtet und glaubt, damit alles abgetan zu haben, ohne sich ein einziges Mal klare Rechenschaft darüber zu geben, was eigentlich unter Mythus zu verstehen sei. Mythus ist nicht Erdichtung; Mythus ist die Darstellung unseres inneren Seelenlebens in dem Gewand einer äußeren Geschichte, die eben rein von allem Zufälligen uns dieses Seelenleben ausdrückt. Wir wollen dieses näher erklären. Alles, was wir äußerlich tun, ist der Ausdruck und Abdruck unseres innersten Seelenlebens; wir durchleben alles zuerst innerlich, ehe wir es äußerlich durchleben können. So ist unser äußerliches Leben nichts anderes als der Abdruck unseres Innern, und alle Geschichte wäre demnach Mythus und aller Mythus Geschichte. Allein, die äußere Geschichte hängt nicht ganz von uns ab. Bei unserem Tun greisen wir in eine schon vorhandene geistige Welt ein. Wir wirken aus die Verhältnisie ein, die andere gemacht, die also schon das Seelenleben anderer ausdrücken. Diese Verhältnisse, so wie sie sich von uns umgestalten lassen, leisten doch auch diesem unseren Umgestaltungsgeschäft Widerstand. So unterscheidet sich Mythus von Geschichte darin, daß der Mythus unser innerstes Seelenleben ausdrückt, während bei Geschichte immer etwas Fremdartiges beigemischt wird. Kehren wir zu unserem Helden zurück; das äußerliche Geschehen, das Faktische der Geschichte unseres Helden ist allerdings nur das notwendige äußere Gewand, um dem Menschen höhere Wahrheiten zunr Bewußtsein zu bringen, weil die Wahrheit, die für den Menschen sein soll, auch menschlich sein muß, weil er sie erleben muß. Ohne dieses Gewand des äußeren Geschehens können die Engel nicht auf die Erde herabsteigen, kann die Wahrheit, die Vernunft, die alle Welt trägt und zusammenhült, nicht für die Menschen werden. Die Geschichte unseres Helden ist nicht die Geschichte dieses oder jenes Menschen, sondern die innerste Geschichte des Judentums und der ganzen Menschheit. Schon der Umstand, daß ein Volk in einer solch evidenten Erscheinung seinen Urquell erblickt, gleichviel ob dem äußeren Gewand der Geschichte Wirklichkeit innewohnt oder nicht, ist ein vollgültiger Beweis für das, was diesem Volk als Ideal, als Zweck vorschwebt. Nicht Märchen, nicht schwärmerische Phantasie kommen in der Heldengestalt Abrahams zunr Vorschein, sondern die Prinzipien der Theologie, die wichtigsten und höchsten Lebensfragen der Menschheit; sie stellt die Idee der Menschheit dar in ihrer Reinheit und Vollendung, wie sie gleichsam im göttlichen Geist sich abspiegelt. In der idealen Gestalt Abrahams liegt deutlich der Gegensatz des Judentums hinsichtlich der Auffassung der Moral zu den klassischen Völkern des Heidentums. Was nützen zum Beispiel alle schönen Erörterungen eines Sokrates, Plato, Aristoteles über die Moral der Selbstbeherrschung und der Mäßigkeit — sie haben die widerwärtigste Ausschweifung, den schmählichsten Verfall nicht aufzuhalten vermocht. Entweder haben sie weltflüchtige Sonderlinge oder schamlose Wollüstlinge erzeugt und zu öder Bedürfnislosigkeit oder zum geraden Gegenteil geführt. Woran lag das? Weil sie übersehen haben, daß, um das Können sich anzueignen, nicht ein bloßes Wissen, sondern ein Neben, ein Tun erforderlich ist, daß das Sittliche nicht auf dem Weg der philosophischen Theorie, sondern der religiösen und sittlichen Praxis zustande kommt. Man rede zu dem Jüngling in noch so schönen Wendungen von der Notwendigkeit, seine Triebe zu zügeln, und wie darin der Adel, die Stärke, die Zukunft des einzelnen wie der Völker liege; er wird es begreifen, in seinen Geist aufnehmen wie jeden anderen Wissensgegenstand; ob er aber danach leben, danach handeln wird, das ist noch sehr in Zweifel zu ziehen. Dagegen, lasset ihn erzogen sein in der religiösen Atmosphäre, mit der das praktische Judentum das Leben erfüllt — wahrlich, er wird nicht sobald sündigen, sondern er wird dastehen wie ein Fels, von dem alle stürmischen Wellen des Lebens wirkungslos zurückprallen; er wird nicht nur wissen, was tugendhaft sei, sondern er wird es auch können. In diesem Sinne ist die talmndische Stelle aufzufassen, die lautet: Wir finden, daß Abraham die ganze Thora geübt, noch ehe sie gegeben war. Das will sagen: in der idealen Gestalt