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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-20 · Heft 12 (20.3.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 12 (20.3.1914)
Date
1914-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang. Nr. 12 Allgemeine Berlin, 20. März 1014 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich Jltl.- Postscheckkonto 224. Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/40, zu richten. Verlag von Rudolf «rosse, Berlin. Die wissenschaftlich-kritische und religiöse Beurteilung der Bibel. Von Dr. B. Seligkorntz, Cvthen. — Die Woche. — Die Juden im Innern Chinas. Von Bruno Schindler. — Theatralia. Von Ludwig Geiger. — Die Sitzung des Profalaschakoinitees in Frankfurt a. M. — Feuilleton: Aus der Zeit der Schutzbriefe. Bon Louis Uhlfelder, Wilhermsdorf. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechwal. Der Genreitrdebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Elbing, Könitz, Aus der Provinz Posen, Rogasen, Hamburg, Köln, Beckum, Kissingen, Osnabrück, Bad Nauheim, Straßburg i. E., Wien. — Von Nah und Fern. Die willealchaktilch-kritilche und rrttgwlr Beurteilung der Videt. Von Dr. B. Seligkonitz, Cöthen. nter den verschiedenen Schlagworten, die für das letzte Jahrhundert ausgegeben worden sind, hat sich die Angabe, daß wir in dem Zeitalter der Naturwissenschaften stünden, des meisten Beifalls zu erfreuen gehabt. Dennoch glauben wir nicht, daß man dereinst wirklich in dieser Bezeichnung das wesentliche Charakteristikum unserer Tage erblicken wird, denn das Zeitalter der Naturwissenschaften hat keineswegs erst im letzten Jahrhundert begonnen, sondern bereits mit jenen Tagen, da der Naturforscher Galilei für diese Wissenschaft eine auf Mathematik begründete sichere Methode schuf. Und wenn auch nicht zu leugnen ist, daß im letzten Jahrhundert die naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse unter günstigeren Bedingungen in ungeahnter Fülle hervorgetreten sind, so ist die moderne Weltauffassung dadurch doch nicht viel anders gestaltet worden, als sie bereits Kant in seiner Naturgeschichte des Himmels vorgezeichnet hat. Vielmehr wird das letzte Jahrhundert durch etwas anderes von der vorhergehenden Geistesperiode, dem sogenannten Zeitalter der Aufklärung, abgegrenzt: durch das intimere Verständnis geschichtlicher Vergangenheit und ihre unbefangene Würdigung. Der historische Sinn ist es, der die geistige Eigenart der letzten Generationen ausmacht, und man ist heute recht mitten in der Arbeit einerumfassenden Rekonstruktion geschichtlicher Vergangenheit. Der deutlichste Beweis hierfür sind die eingehenden Untersuchungen über die altorientalischen Kulturvölker. Die Geschichte des alten Orients war bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts ein völlig dunkles, kaum hier und da durch einen Lichtstrahl erhelltes Gebiet. Erst die gewaltigen Entdeckungen der Nerrzeit, die Erforschung der Monumente und Literaturen Aegyptens, Assyriens, Babyloniens, Persiens haben uns die Möglichkeit genauer Kenntnis gewährt. Nun hat von allen diesen Völkern keines nachhaltiger aus die westeuropäische Kultur eingewirkt als das israelitischjüdische. Es ist daher natürlich, daß man der wissenschaftlichen Erforschung der Religion und Kultur dieser Nation das meiste Interesse znwendet. Und in der Tat sind von allen biblischen Untersuchungen seit Vatke und Reuß keine von größerem Erfolg begleitet gewesen als die wissenschaftliche Durchforschung des Alten Testaments. Wohl sind noch nicht alle Winkel durchleuchtet, aber die helle und scharfe Sonne der Forschung hat doch die graue Nebeldecke zerrissen, die sich seit Jahrtausenden über diesen Gegenstand gelagert hatte. Es wird erzählt, daß in den Frühlingstagen 1832 zwei junge Gelehrte, David Strauß und Wilhelm Vatke, sich im Tiergarten ergingen, noch trauernd über den allzu frühen Tod ihres Meisters Hegel. Sie fühlten sich berufen, die religionsphilosophische Arbeit ihres Lehrers fortzusetzen, und da soll Strauß in der Nähe eines Bildhauerateliers von plötzlicher Begeisterung entfacht ausgerusen haben: „Ich reise jetzt nach Tübingen zurück und schreibe ein Leben Jesu nach meiner Idee." Das Werk erschien 1835 und regte nicht nur die Vertreter theologischer Wissenschaft, sondern auch die weiteren Kreise der Gebildeten bis in die Tiefen auf. Unterdessen arbeitete Vatke, stilleren Gemüts, an der Lösung alttestamentarischer Fragen und beendete im Oktober desselben Jahres sein Buch „Die Religion des Alten Testaments". Bei dem gewaltigen Sturm, den das Buch von Strauß aufwirbelte, blieb das Werk Vatkes fast unberücksichtigt. Erst ein Menschenalter später etwa trug der Same, den der Berliner Gelehrte ausgestreut hatte, reife Frucht. Gras und Wellhausen haben die Ideen Vatkes weiter verfolgt und allgemeiner bekannt gemacht. Seit der Tübinger Schule ist das, was man sonst Einleitungswissenschaften nannte, nämlich die Frage nach Authentie und Abfassungszeit der einzelnen Bücher, Gestalt des Textes, Entstehung des Kanons der eigentliche Mittelpunkt der modernen Theologie geworden, auf den sich das ganze Interesse konzentriert. Dabei dreht sich der Streit nur darum, wie man die Absassungszeit der erzählten Begebenheiten herabsetzen könne, und wieviel nach dem natürlichen Zusammenhang der Dinge begreiflich genug erscheine, um ebenfalls noch als echte historische Ueberlieferung gelten zu können. Daß hierbei mitunter lediglich subjektiver Geschmack und Neigung den Ausschlag geben, liegt in der Natur derSache. Wer einen Begriff hat von dem Umfang dieser Untersuchungen mit ihrem ungeheuren gelehrten Apparat, ihrer Musterkarte von Hypothesen, Konjekturen, Behauptungen oder gar gesicherten Resultaten, die doch nur einen akademischen Wert haben, der weiß, daß er hier vor einem Labyrinth steht mit der Ueberschrift: „Laßt alle Hoffnung hinter euch." Es kann daher gar nicht oft und eindringlich genug wiederholt und hervorgehoben werden, daß .die biblischen Bücher zunächst nicht einem historischen Interesse ihre Entstehung verdanken, sondern in erster Linie aus einem religiösen Interesse hervorgegangen sind. Auf diesem Umstand beruht die Stärke der Bibel. Denn in keinem anderen Buch der Welt findet sich ein solcher Reichtum von Gedanken, die aus tiefer Frömmigkeit,, kindlicher Gottesfurcht, heiliger Begeisterung entsprungen

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