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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-13 · Heft 11 (13.3.1914) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 heute noch, trotz ihrer fast 80 Jahre, lassen sie es sich nicht nehmen, bei eintretenden Krankheiten zur Stelle zn sein. Und so ermahne er die jüngeren Damen des Vereins, den beiden Jubilarinnen nachznahmen und sich, wenn es nötig, bei den Jubilarinnen Rat zu holen, diese würden ihnen gern zur Seite stehen." Herr Bürgermeister Dr. Hettlage erwiderte auf die Begrüßungsrede des Herrn Meyer, daß er bei Kenntnisnahme der bevorstehenden Feier sich gesagt habe: „Da muß ich auch bei sein." Die Religion spiele bei ihm keine Rolle, und die Bürger der Stadt seien ihm alle lieb und wert, gleich welcher Religion sie auch angehörten. Alsdann wandte er sich zu den Jubilarinnen, um seine und der Stadtverwaltung Glückwünsche zu überbringen. Unter Harmoniumspiel wurde alsdann das Jubelpaar in den eigentlichen Festsaal geführt, woselbst ein Festessen stattsand, woran 120 Personen teilnahmen. Zur Freude des Vereins wurden dann von den Kindern der Frau Johanna Stiel dem Verein 1000 Mark gestiftet, ebenso eine Summe von den Kindern der Frau Elkan. Theateraufführungen mit anschließendem Festball bildeten den Abschluß der herrlich verlaufenen Feier. F. Z. Frankfurt a. M., 6. März. Zum erstenmal hielt ein größerer studentischer Verband in Frankfurts Mauern seine Tagung ab. Der Kartell-Convent der Verbind u n gen deutscher Studenten jüdischen Gla.ubens (K. C.) war es, der seine Alten Herren, Inaktive und Aktive am 1. und 2. d. M. hierher zusamrnengerufen hatte. Die dem Verbände angeschlossenen neun Verbindungen waren sämtlich zahlreich vertreten. Den Höhepunkt der Veranstaltungen bildete der Festkommers in: Kaufmännischen Vereinshaus. An 1600 Teilnehmer, darunter etwa 400 Verbandsangehörige, hatten sich zum Kommers eingefunden. Als das erste Lied des Offiziums verklungen war, erhob sich der Vorsitzende des Frankfurter Alten Herren-Verbandes Dr. Max Mainzer zur Begrüßungsansprache. Die Bekämpfung des Antisemitismus, der sich' immer mehr der akademischen Jugend bemächtige, bezeichnete er als das Ziel des K.^C. Sein Willkommen galt vor allen: den Vertretern der Frankfurter israelitischen Gemeinde, der Großloge und des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, mit dem den K. C. Geschlossenheit der gemeinsamen Ideale einige.^Jm Wechsel mit fröhlichen Kommersliedern und exakt geriebenen „Salamandern" folgte dann eine Reihe weiterer Ansprachen. Rechtsanwalt Dr. Holländer, der Syndikus des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hielt die Vaterlandsrede. Als vor drei Jahrzehnten der K. C. ins Leben gerufen wurde, habe er als erste Forderung die Verbindung von Deutschtum und Jndentmn auf sein Programm geschrieben. Die Treue und das Festhalten an dem, was ihm Gewissenspflicht sei und die Liebe zum deutschen Vaterland, das ist's, was der K. C. von seinen Angehörigen fordert. Wir sind keine Pessimistengewiß, wir haben zn klagen: aber es wird besser werden, es muß besser werden durch uns. Wir sind gute Patrioten, aber wir sind keine Chauvinisten, und wir sind vielleicht bessere Deutsche als jene Chauvinisten. Wir arbeiten mit an der Größe unseres Vaterlandes und seines Herrschers, denn seine Größe ist unsere Größe. Der akademischen Jugend galt die nächste Rede, die Reichstagsabgeordneter Dr. L i! dwig H aas, Karlsruhe, hielt. Seid keine Streber! rief er den jungen Kommilitonen zu, aber vergeudet euer Leven nicht in Nichtigkeiten. Als die erste Verbindung im K. C. gegründet wurde, da hatte ein böser Antisemitismus die deutsche Studentenschaft befallen; ein Verband nach dem andern hat die Juden aus seinen Reihen ausgeschlossen. Da entstand unser Verband mit dein Willen, daß unsere akademische Iirgend den ihr aufgedrungenen Kampf selbst führen sollte, und zwar mit den Mitteln, die dein deutschen Stnndenten an die Hand gegeben sind. Es gehört nicht viel Milt zu einer Schlägermensur, es gehört auch nicht viel Mut 31t einer Säbelpartie ohne Binden und Bandagen, aber weil die Gegner gerade darin den Beweis von Milt und studentischer Tüchtigkeit erblickten, war es gut, daß wir ihnen auch auf diesem Gebiet zeigten, was wir können. Es wird heute keiner mehr zn behaupten wagen, der jüdische Student sei körperlich' minderwertig oder feige. .Wir haben den Anspruch aus volle Gleichberechtigung nicht nur auf Grund von Verfassungsbestimmungen, sondern als ein Menschenrecht und auf Grund der lateinischen und nationalen Entwicklung des deutschen Vaterlandes. Der deutsche Jude hat nur ein Vaterland, und dieses Vaterland ist Deutschland. Viele von uns sind eingeborener in diesem Lande als manche von denen, die ihr Deutschtum im antisemitischem Sinne gegen uns ansspielen. Ob uns das Vaterland gut oder schlecht behandelt, das kann an der Tatsache nichts ändern, daß wir dazu gehören. Traurig ist es, daß der von den Antisemiten gezüchtete Rassenwahnsinn anfängt, auch die Reihen der Inden zv ergreifen. Nicht das Blut macht die Nation, sonst müßte ja Deutschland in zwanzig und mehr Nationen zerfallen. Das Land, die Kultiir und die Geschichte, die Kilnst, die Dichtung und die gemeinsame wirtschaftliche Arbeit und die gemeinsame Zukunft machen die Nation. Darf es wundern, wenn in den hundert Jahren der Emanzipation noch nicht alle Vorurteile überwunden werden konnten, die Jahrhunderte aufgetürmt hatten? Wir sind ein gutes Stück vorwärts gekommen. Wir sind Optimisten, und wir haben ein Recht ans die Hoffnung, daß es in Zukunft besser werden wird. Auch wir selbst sind nicht ganz von Fehlern frei. Der Druck, der auf ims gelastet hat, hat in uns große Werte geschaffen, aber er hat auch Werte zerstört. Hier muß ilnsere Erziehungsarbeit einsetzen. In diesem Sinne wollen wir weiter arbeiten, dann werden wir nicht nur dem Judentum, dann werden wir auch dem deutschen Vaterland einen Dienst leisten. (Langanhaltender Beifall.) Dr. Alfred Goldschmidt, Berlin, der Großsekretär der Grostloge für Deutschland, 11. O. B. B., ließ die Gründnngszeit des K. E. lebendig werden. Die Zeiten seien heute ruhiger geworden gegenüber den Stürmen von damals. Mit einer Mahnung an die Jligend zur Einfachheit, aus deren Boden allein wahrer Idealismus erwachsen könne, schloß er seine von innerer Begeisterung getragene Rede. Als Vertreter der israelitischen Gemeinde sprach sodann Justizrat Dr. Plaut, für die Frankfurt-Loge Herr Rothschild, für den Verein Montefiore Rechtsanwalt Dr. Horowitz und für den Zentralvorstand des Zeniralvereins Rechtsanwalt Abel, Essen. Die Rede ans die Alten Herren hielt cand. jur. Alexander, Bonn, die auf die Damen Rechtsanwalt Dr. Kehr, Kaiserslautern. Damit war der offizielle Teil der Feier beendet, eine feucht-fröhliche Fidelität mit allerhand lustigen' Borsührilngen hielt die Teilnehmer noch' lange zusammen. Gesterretch-Anganr. I(. Wien, 6. März. Im Februar waren es hundert Jahre, seit der Vertreter der Israeliten in Wien, Aron L-eidesdorf, der durch 40 Jahre als Verwalter des Krankenhauses der Wiener Juden unermüdlich tätig war, starb. Aus diesem Anlässe wurde vor einigen Tagen das Bildnis Leidesdorfs im Sitzungssaale des Spitals der Kultusgenieinde enthüllt. Zur Feier hatten sich viele Vertreter der Gemeinde eingefunden. Der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Stern eröffnete die Feier mit einer interessanten Gedenkrede, die Streiflichter auf die Geschichte der Wiener Judenschaft warf. Dr. Stern sagte in seiner Gedenkrede, es sei ihm noch aus seinen Kinderjahren erinnerlich, mit welcher liebevollen Begeisterung seine Großeltern und andere alte Leute über Leidesdorf, den sie noch gekannt, gesprochen haben. Er war der Inbegriff alles Guten und Edlen, der Mildtätigkeit. Barmherzigkeit, Ansopferung für die bedrückten Glanbensbrüder. Jeder wußte immer und immer noch Besseres zn erzählen, und alle überboten sich an Lobeserhebungen. Die Wiener Jndengemeinde hatte damals noch nicht bestanden. Erst 1764, also genau vor 150 Jahren, war im Wege einer kaiserlichen Verordnilng bestimmt worden, daß Juden unter gewissen Bedingungen der Aufenthalt in Wien auf Lebensdauer zu gestatten sei. Bis dahin war die Dauer des Aufenthaltes eines Juden in Wien von der Willkür der Behörden abhängig: von lebenslanger Dauer war keine Rede. Dann folgte das Toleranzpaient, von dessen geradezu die Begeisterung, die stürmische Dankbarkeit der Juden auslösender Wirkung man sich heute keine Vorstellung machen kann. Als der Juden mehr wurden — man zählte damals 83 ansässige Familien- Häupter mit ungefähr 550 Angehörigen und Bediensteten —, denen der ständige lebenslängliche Aufenthalt in Wien unter verschiedenen Einschränkungen gebührte, ltnb als sie daran gingen, neben ihrem uralten Friedhofe in der Seegasse auch ein vorhandenes kleines Krankenhaus umzugestalten, mußte ein Rechtssubjekt geschaffen werden: es erfolgte die Anerkennung der Judeuschaft Wiens zwar nicht als Gemeinde, aber die Anerkennung der Judenschaft als solche, ivelche zunächst durch drei alljährlich aus ihrer Mitte zu wählende Vertreter handlungsfähig wurde. Und einer dieser drei Vertreter war Leidesdorf, Dr. Sterns Urgroßvater, dessen Bild auch an der Wand des Sitzungssaales der Gemeinde in der Reihe der um sie hochverdienten Männer prangt. Nun folgt die Geschichte der Wiener Gemeinde, ihrer Entwicklung, ihres Aufschwunges, der Bedeutung, welche sie erlangte und heute als die bedeutendste jüdische Gemeinde Mittel-

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