Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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«WWW beachtenswerte Ziffern auf. Als Folge der ungünstigen Lage des Arbeitsmarktes weist die Zahl der Aufnahmen die in keinem früheren Jahre erreichte Höhe von 9 9 2 Mann auf. Seit Bestehen der Kolonie hat dieses Institut 7 0 0 0 ledige Männer beherbergt und ihnen die unschätzbare Wohltat eines ruhigen Obdachs, körperlicher und seelischer Kräftigung und besserer Ausrüstung für den Daseinskampf übermittelt. In der Kolonie herrscht ein guter jüdischer Geist, dem die nachweislich guten Erfolge ihrer Insassen im späteren Leben zu danken sind. Leider ist die finanzielle Lage des Vereins eine ungünstige: er hat noch in diesem Jahre mit einem Defizit von 6241,54 Mark gearbeitet und würde, wenn ihm nicht von Freunden wirksamer sozialer Hilfsarbeit größere Zuwendungen zuteil werden, in naher Zeit in eine für seine segensreiche Wirksamkeit gefährliche Verschuldung geraten. An dem ungünstigen wirtschaftlichen Ergebnis sind verschiedene Faktoren beteiligt: die durch die allgemeine Arbeitslosigkeit notwendig gewordene Aufnahme minder leistungsfähiger Persollen, die Verteuerung der Lebensrnittel, der Zwang, sowohl an den jüdischen wie an den staatlichen Ruhetagen zu feiern. Angesichts des Segens, den das Jnstitllt einerseits d u r ch seine Hilfe an den Arve i t s l n st i g e n , andererseits durch Verminderung d e s u «würdigen W a n d e r b e t t e l s stiftet, verdient es die Förderung aller Menschenfreunde. Möge sie ihm in reicherem Maße als bisher zuteil werden! Willkommen sind auch alle Naturalienznwendnugen, insbesondere von gebrauchten Kleidungsst ü ck e n. K. S. Berlin, 10. März. Am 2. d. M. fand die letzte der Montagsrorl-esnugeu zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums statt. Herr Rabbiner Dr. I. L e w k o w i tz iprach über „Religion und Nationalismus". Die Parteikämpse der Gegenwart blieben außer acht. Redner behandelte seine Aufgabe mehr vorn systematischen als vom geschichtlichen Standpunkt. Das subjektive Gefühl der nationalen Eigenart fehlte den alten Völkern anher den Inden, Griechen und Römern. lieber die staatlicher! Grenzen ging die Religion nicht hinaus. In Babylon usw. waren die Gottheiten Lokalgottheiten. Gott hat Israel! erwählt, um mit ihm in einen inneren Zusammenhang zu treten. Während bei den Griechen die schöpferische Kraft in Kunst und Wissenschaft, bei den Römern in Recht und Staatserhaltung lag, so lag sie bei den Juden in der Religion. Sittliche Bande verknüpften das Volk mit seinem Gott. „Wenn ihr in meinen Wegen wandelt, will ich euer Gott, und ihr sollt .mein Volk sein." Wenn auch die griechisch-römische Religion später auf andere Völker überging, so hing dies nicht von religiösen, sondern lediglich von politischen Gesichtspunkten ab. Die christliche Religion ist nicht national, sondern individualistisch: sie wurzelt nicht auf dem Boden eines einzelnen Volkes. Aber trotz dieser Universalität schließt das Christentum diejenigen, welche nicht an Christi versöhnenden Opfertod glauben, vom Gottesreich ans. Anders bei den israelitischen Propheten, welche auf die kommende Weltreligion Hinweisen. Gott liebt alle Menschen ohne Unterschied der Abstammung und religiösen Meinungen. Dazu kam. daß das Judenvolk nach dem babylonischen Eril immer mehr über die ganze Erde zerstreut und so gewissermaßen znm Sauerteig unter den Völkern wurde. Das Interesse für profane Tinge geht den Propheten ab. Sie setzen das nationale Empfinden als selbstverständlich voraus, und die Wiederherstellung des jüdischen Staatswesens ist eine an die Religion geknüpfte Bedingung. Die Frage, ob sich das Judentum als Religion in der Diaspora erhalten kann, ist mehr eine politische als eine religiöse Frage. Ganz lassen sich die nationalen Gesichtspunkte ans den Propheten nicht ausschalten. Aber die Wiederherstellung eines jüdischen Staates ohne die Grundlage der jüdischen Religion würde einen völligen Bruch mit der Vergangenheit bedeuten und sich wohl kaum verwirklichen lassen. Die scharfsinnigen und klaren Ausführungen des Redners machten aus die lautlos lauschende Zuhörerschaft einen liefen Eindruck. <r/D Oppeln, 6. März. Der Regierungspräsident v. S chwe rin in Oppeln hat bezüglich des Schachtend in öffentlichen Schlachthäusern folgende aufsehenerregende Verfügung erlassen: „Das Schächten ist seit einer Reihe von Jahren von den verschiedensten Seiten, namentlich von Dierschutzvereineu als Quälerei bekämpft worden. Ich lasse die Frage offen, ob mit dein Schächtschnitt selbst eine Quälerei verbunden ist, obwohl die Schtachthvftierärzte, die als die erfahrensten Sachverständigen in dieser Hinsicht gelten können, fast durchweg auf diesem Standpunkte stehen. Unzweifelhaft ist jedenfalls, daß wenigstens die dem Schächten vorangehenden Vorbereitungen mit weit mehr Quälerei und Beängstigungen der Echlachttiere verbunden sind als die gebräuchlichen Verfahren zur Betäubung, und daß deshalb im Interesse des Tierschutzes sowie auch aus anderen Gründen die Tötung nach vorangegangener Betäubung dein Schächten unter allen Umständen vorzuziehen ist. Diese Erwägung läßt es angezeigt erscheinen, daraus hinzuwirken, daß das Schächten auf das für den jüdischen Bedarf wirklich notwendige Maß eingeschränkt wird und zum Beispiel nicht auch an Tieren zur Ausführung gelangt, von denen vielleicht nur Teile oder einzelne Stücke für ben jüdischen Bedarf abgegeben werden sollen. Zur Erreichung dieses Zieles hat man in verschiedenen Schlachthausgemeinden mit guten! Erfolge erhöhte, und zwar doppelte oder dreifache Schachtgebühren für das Schächten festgesetzt. Diese Maßnahme ist unbedenklich und sachlich berechtigt, da das Schächten die Beschaffung und dauernde Instandhaltung von besonderen Einrichtungen erforderlich macht, mehr Zeit in Anspruch nimmt - und in der Regel auch eines größeren Platzes im Schlachthanse benötigt. Aus denselben Gründen erscheint es gerechtfertigt, den jüdischen Gemeinden die Beschaffung und Unter-. Haltung der Schächtmittel aufzuerlegen sowie das Schächten auf besondere Tage oder Tageszeiten zu beschränken. Ich ersuche, diese Fragen einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und mir nach Jahresfrist zu berichten, was dort zur Einschränkung des Schächters veranlaßt worden ist, gegebenenfalls, welche Erfolge dabei z!l verzeichnen waren." Den Anschauungen des Herrn Regierungspräsidenten in Oppeln stehen Hunderte von Gutachten anerkannter Autoritäten gegenüber, die das jüdisch-rituelle Schächten als die leichteste Tötungsart bezeichnen. Was den sonstigen Inhalt der Verfügung betrifft, so zweifeln wir nicht, daß der Verband der deutschen Juden ihm die nötige Aufmerksamkeit widmen wird. Altewalde (Kreis Reiste), 6. März. Am 23. v. M. starb hier der Kaufmann Simon Goldmann im Alter von 90 Jahren. Durch seinen biederen Lebenswandel hat er sich in dem sonst vollständig katholischen Dorfe bei seinen Mitbürgern sehr beliebt gemacht. Der katholische Pfarrer Maliski verkündigte in der Kirche von der Kanzel seinen Gemeindemitgliedern das Ableben des Seniors des Dorfes und schaltete nach der Messe für denselben ein Gebet ein. Er sprach von den Makkabäern und verglich die jüdische mit der katholischen Religion, die vieles gemeinsam hätten. Am offenen Grabe hielt Herr Rabbiner Elguther eine ergreifende Trauerrede, nach ihm sprach Herr Pfarrer Maliski noch tröstende Worte. Ein großer Teil der Dorfbewohner, sowie Kriegerverein, Vertreter der Geineinde und Kirche gaben dem Toten das letzte Geleit, obwohl er auf dem iy2 Meilen entfernten jüdischen Friedhof in Reiste beerdigt wurde. Auch ein großer Teil der jüdischen Gemeinde Reiste erwies dem Verstorbenen die letzte Ehre. M. H. Eschweiler b. Aachen, 6. März. Der hiesige israelitische F r a u e n v e r e i n feierte am 15. v. M. das Fest feines 50jährigen Bestehens. Besonderer Anlaß zur Feier war, daß auch zwei Mitbegründerinnen des Vereins, Frau Johanna Salomon und Frau Johanna Stiel, in geistiger Frische und Rüstigkeit das Fest noch mitfeiern konnten. An den Festakt, eingeleitet durch ein Präludium von Mendelssohn, nahmen über 250 Personen ou§ allen Kreisen teil. Während des Harmoninmspieles wurden die beiden Jubilarinnen, welche inzwischen von ihren Wohnungen Per Wagen abgeholt waren, in den Saal geführt. In diesem Augenblick erhob sich die ganze Versammlung, um den beiden alten Damen einen stillen Gruß entgegenznbringen. Alsdann begrüßte die Vorsitzende des Vereins, Frau Emma Stiel, die Erschienenen und wies darauf hin, was der Verein in den 50 Jahren seines Bestehens geleistet, insbesondere aber, daß der Verein seinem Zweck entsprechend der Wohltätigkeit seine Kräfte widmete. Zugleich teilte sie mit, daß der Verein die beiden Jubilarinnen zu seinen Ehrenmitgliedern ernannt habe. Sodann feierte Herr Lehrer S ch o e m a n n den Verein in wohldurchdachter Rede. Nachdem von den Vorstaudsdamen und Deputationen in sinniger Weise den Jubilarinnen einige Ehrengaben (Goldkranz, Blumengebinde und Diplom) überreicht waren, ergriff Herr Marens Meyer als offizieller Vertreter der israelitischen Gemeinde das Wort. Er begrüßte den zum Festakt erschienenen Herrn Bürgermeister Tr. Hettlage und hob hervor, daß es den Herrn Bürgermeister wie auch die israelitische Gemeinde selbst ehre, daß es eine konfessionelle Scheidewand in Eschweiler nicht gebe. Sodann wandte sich Herr Meyer zu den Jubilarinnen, um deren Tätigkeit als Mitglieder des Vereins in richtiger Weise zu würdigen. „Auch