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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-13 · Heft 11 (13.3.1914) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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129 Quelle für ihre historischen und kulturhistorischen Forschungen geworden, und die Geschichte der deutschen Juden im 17. Jahrhundert hat aus ihm eine wesentliche und unschätzbare Bereicherung gewonnen. Aber auch die Gestalt der Memoirenschreiberin selber hat sich als eine jener seltenen Persönlichkeiten erwiesen, deren Zauber immer wieder aufs neue gefangen nimmt. Aus dem Dunkel der Geschichte taucht da eine Frau auf, die ganz eigenartig und einzigartig ist. Man sucht vergeblich — auch in der nichtjüdischen Literatur — nach einem Frauenbild, das sich mit dem ihrigen vergleichen ließe. Wovon sie in ihrem Tagebuch berichtet, sind freilich nur schlichte Lebens- Verhältnisse, widrige Schicksale, wie sie häufig Vorkommen, Sorgen und Nöte tagtäglicher Art in Haus und Geschäft, kurz ein Dasein, das sich kaum über das von Tausenden hinaushebt und durch die Enge des jüdischen Lebens der vergangenen Jahrhunderte erst recht nach außen hin bedeutungslos bleibt. Und doch eine scharf ausgeprägte Persönlichkeit, keine Dutzendgestalt, ein rechter Mensch, der nach des Dichters Wort mit erhabenem Sinn das Große in das Leben legt und es nicht darin sucht, darum auch das eigene engumsponnene Geschick, und zwar ganz unbewußt, in erhabener Darstellung zeigt. Diese Frau voll sonniger Herzensfrömmigkeit, voll Bescheidenheit in guten und voll Seelengröße in schlimmen Tagen, verbindet die keuschesten weiblichen Empfindungen mit kraftvoller männlicher Geistes- und Willensstärke, eint ein von Liebe überströmendes Herz mit eiserner Energie des Denkens und Handelns, geht am Tage in der aufreibendsten Sorgentätigkeit auf und flüchtet sich in der Nacht zur Beschäftigung mit gelehrten und erbaulichen Dingen, führt tagsüber die Elle des Kaufmanns und in der nächtlichen Einsamkeit die Feder des Schriftstellers und bleibt trotz aller bitteren Erfahrungen und trotz traurigen, ja tragischen Geschickes voll ungebrochenen Edelsinns und Idealismus. Es ist ein Zeichen für die sittliche und religiöse Kraft des Judentums, daß es im Jahrhundert seines tiefsten Kulturabstieges eine solche Frauengestalt erstehen lassen konnte, und es scheint sich auch an unserer Glücket wieder zu bestätigen, daß die Vorsehung demjenigen, dem sie einen Ehrenplatz in der Geschichte bestimmt hat, ihn freihält, bis er ihn einnehmen kann, daß auch der Schutt der Jahrhunderte die Quelle der Unsterblichkeit nicht zuzudecken vermag. Sie sickert doch hindurch und bricht eines Tages aus nie gesehenem Spalt hervor, angestaunt von späteren Geschlechtern! Seit dem Erscheinen der Kaufmannschen Publikation habe ich in einer Reihe von Vorträgen in den verschiedensten Gemeinden Deutschlands die Bedeutung der Memoiren dargelegt und das Bild der Glücket gezeichnet. Ich habe mich selber immer wieder dabei an dem Eindruck erhoben, den dasselbe hervorrief. Ein jeder der Zuhörer wollte gern das Buch zu lesen haben, das sie hinterlassen, und es gab jedesmal eine sichtliche Enttäuschung, wenn ich erklären mußte, daß leider noch keine Ausgabe für das große Publikum vorhanden sei. In den letzten Jahren konnte ich wenigstens mit dem Hinweis trösten, daß eine solche Bearbeitung in Aussicht stehe. Die im Jahre 1910 erschienene Uebertragung der Memoiren ins Hochdeutsche, welche Fräulein Berta Pappenheim besorgt hat, ist freilich nur für diejenigen Familien bestimmt, die Glückel von Hameln als Ahnherrin zählen; sie war in deren Auftrag unternommen und mußte als ein ausdrücklich bezeichneter Privatdruck aus dem öffentlichen Gebrauche ausscheiden. Nun liegt aber endlich auch die langersehnte öffentliche Ausgabe vor*) und darf mit um so größerer Freude begrüßt werden, als sie trotz aller notwendig gebotenen Bearbeitung die Originalität des Urtextes zu erhalten sucht und sich doch dabei in trefflicher Weise liest. Der *) Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln, aus dem Jüdisch- Deutschen übersetzt, mit Erläuterungen versehen und herausgegeben von Dr. Alfred Feilchenfeld. Jüdischer Verlag, Berlin 1918. Herausgeber, Dr. AlfredFeilchenfeld, derzeitiger Direktor der israelitischen Bürgerschule in Fürth, hat sich durch frühere Spezialforschungen zur Geschichte der Hamburger Juden bekanntgemacht. Es lag nahe, ihn für das Werk der Glückel zu gewinnen, das zum größten Teil auf Hamburger Boden entstanden ist llnd eingehend Hamburger Verhältnisse behandelt; denn Glücket verbrachte nur kurze Zeit in Hameln, wohin sie geheiratet hatte, kehrte vielmehr bald wieder mit ihrem Gatten Chcrjim Hameln in ihre Geburtsstadt Hamburg zurück und verblieb dort vier Jahrzehnte, bis ihre zweite Ehe sie zu ihrem oft und bitter genug beklagten Unheil nach Metz führte, wo sie 1724 im Alter von 79 Jahren verstarb. Auch ihr Jargon spiegelt den Hamburger Dialekt wieder, und wie alles in ihren Memoiren, ist auch diese ihre Sprache mit Recht Gegenstand eindringlicher und wertvoller Forschung geworden. Feilchenfeld hat diese Vorarbeiten, die bisher auf sprachlichem und historischem Gebiete an Glückels Tagebuch geleistet worden sind, gewissenhaft genutzt. Aber feiner selber harrte manche andere Arbeit, die zu bewältigen war. Vor allem mußte der intime Reiz der Darstellung gewahrt bleiben. Er liegt in dem schlichten, kindlich naiven, rührenden Plauderton, den die Erzählerin schon darum einschlägt, weil sie zu ihren Kindern in vertrauter Weise spricht und ihr natürlich jede Absicht literarischen Ehrgeizes völlig fernliegt. Diese Intimität der Sprache wird aber gerade durch die Anwendung des jüdisch-deutschen Jargons noch verstärkt; mit seinen typischen Wortbildungen, seinen zahllosen, oft unübersetzbaren Empfindungsallsrufen — wie gern gebraucht Glückel die Ausdrücke: nebbich, Gott behüte, soll leben nsw.? , mit seinen fortwährenden Sprüngen aus dem Deutschen ins Hebräische, die besonders dann eintreten, wenn irgendeine biblische oder talmudische geläufige Phrase den drängenden Gedanken am schlagendsten wiedergibt, erscheint er in den Memoiren als der natürlichste und gegebenste Ansdruck der ganzen Denk- und Gefühlsweise einer Glückel, mit dessen Umsetzung in ein anderes Idiom leicht der eigenartige Schmelz des Ganzen zerstört werden kann. Wenn sie zum Beispiel davon berichtet, daß in Hamburg ansangs jüdischer Gottesdienst verboten war und nur heimlich abgehalten wurde, so kann keine Uebertragung die Elegie zum Ansdruck bringen, die in den wenigen Worten liegt: Das Nachspionieren hat eine Zeitlang gewährt, „dann sennen wir nebbich wieder in unsere Schülcher gekrochen". Und wenn sie wiederum erzählt, so oft Briefe von dem angeblichen Messias Sabbatai Zewi eintrafen, seien die portugiesischen Juden Hamburgs „mit Pauken und Reigen" in ihre Bethänser gezogen, und es habe „Freude wie beim Wasserschöpfen" geherrscht, so lassen sich natürlich in einer Uebersetzung ebensowenig die Gedankenassoziationen wiedergeben, die mit diesen hebräischen Zitaten im Kenner anfsteigen. Feilchenfeld hat sich in der Einleitung, die er seiner Ausgabe der Denkwürdigkeiten vorausschickt, leider nicht über seine Uebersetzungsprinzipien ausgelassen, aber ersichtlich mit vielem sprachlichen Takt sich über alle diese Schwierigkeiten hinwegzusetzen gewußt. Der deutsche Text liest sich gut und flüssig, und erläuternde Anmerkungen tun das ihrige zum möglichsten Verständnis der originalen Ausdrücke und Zitate. Auch die altertümlichen deutschen Redewendungen Glückels sind vielfach beibehalten; ja, hierin hätte der Herausgeber ohne Schaden für das Verständnis und zur Kennzeichnung des Originellen noch manches belassen können, was er geglättet oder gestrichen hat. Wenn Glückel erzählt, sie seien bei der Nachricht vom Anrücken -der Schweden gegen Altona aus den Betten gesprungen und „nackt und bloß" nach Hamburg gelaufen, so bleibt die Uebersetzung „halbnackt" (S. 17) hinter dem Original zurück. Wenn sie von ihrer Schwester Hendele erzählt, sie habe die „prinzipalste" Heirat in ganz Deutschland gemacht, so ist dieser Ausdruck

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