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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-13 · Heft 11 (13.3.1914) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 m und sozial eine Enklave bildete, innerhalb welcher es an seinereigenen Erhaltung arbeiten durste". Um das zu erreichen, hat er die Thor a als geschriebene Autorität in den Mittelpunkt des jüdischen Denkens, Fuhlens und Wollens gestellt. Sie sollte die Richtschnur für das persönliche Verhalten eines jeden einzelnen Juden sein. Sie sollte die Scheidewand bilden zwischen Israel und den Völkern. Um aber jeden einzelnen Juden in den Stand 31t setzen, sein Leben nach den Vorschriften der Thora einznrichten, mußten Männer erstehen, welche die Thora studieren, deren Inhalt erläutern und erweitern sollten, um denselben auch auf solche Fälle anwenden zu können, welche dort nicht direkt vorhergesehen sind. Diese Aufgabe erhielten die Svpherirn, die Schristgelehrten. Um einer schrankenlosen Freiheit in der Auslegung vorzubeugen, muhte eine zentrale Autorität eingesetzt werden, an die man appellieren konnte, deren Entscheidungen als einzig maßgebend anerkannt wurden. Möglicherweise zielt auf dieses Tribunal hin, was im Talmud über die Männer der großen Synagoge berichtet wird. Sicher ist indessen, daß die diesen Männern zugeschriebenen drei Sätze bereits das ausdrüüen, was den Zeitgenossen Esras besonders am Herzen lag. Herford gibt eine zeitgeschichtliche Erklärung der drei Aussprüche: Seid vorsichtig im Urteil, bildet viele Schüler aus und machet einen Zaun um die Lehre, die wir hier übergehen. — Nach diesen! Programm haben die Sopherim mit Erfolg an der Entwicklung der Thora und an der Verbreitung derselben gearbeitet. Ihr Einfluß wuchs mit jedem Tage. Dazu trug nicht wenig eine der wichtigsten Institutionen des Judentums bei; die Einrichtung der Synagoge. Hier kamen sie in enge Berührung mit dem einzelnen Juden unb machten sich demselben unentbehrlich. „Aus diese Weise wurde die Religion der Thora nach den Grundzügen Esras die Religion der Mehrheit des Volkes." Von großer Gefahr für die Religion der Thora wurde das „Gift des Hellenismus", das in die jüdische Nation eindrang. „Wahrscheinlich gab es keine Gesellschaftsklasse, die völlig frei davon war." Als strenge Eiferer für die Religion entstanden jetzt die Chassidim. Sie repräsentierten die äußerste Rechte im Gegensatz zu den Hellenisten, die die äußerste Linke bildeten. Durch die Verweltlichung der Makkabäerfürsten, namentlich durch ihr Paktieren mit dem Priesteradel, erhielt die regierende Klasse den Namen Sadduzäer, während diejenigen, welche die Religion der Thora aufrechthielten, Pharisäer benannt lvurden. „Letztere waren die wiedererstandenen Chassidim unter einem anderen Namen." Diese und ihre Nachfolger haben die Religion der Thora erhalten. „Nicht als ob die Sadduzäer nicht um die Religion der Thora besorgt gewesen wären, sondern weil die Pharisäer, so sonderbar es klingen mag, die Religion der Thora als ein lebendes Prinzip betrachteten, das der Anpassung an neue Entwicklungen des religiösen Lebens fähig und bedürftig war, während die Sadduzäer sich an den Buchstaben der Urschrift hielten und Neuerungen ablehnten." Was die Essäer betrifft, so haben diese nur „einen geringen oder gar keinen" Einfluß auf den Pharisäismus ausgeübt. Sie waren Asketen, Mouche von mehr als pharisäischer Strenge. Am wenigsten beeinflußt von den Pharisäern blieb die Klasse des „Am-ha-arez" („das Landvolk"). „Und das waren nicht bloß die Leichtfertigen und Gleichgültigen, sondern auch diejenigen, welche ans höheren Gründen nicht geneigt waren, das System der Pharisäer mitzumachen, oder denen die Religion in der von ihnen gebotenen Form unannehmbar erschien. Diese Leute sind hauptsächlich gemeint, wenn gesagt wird, daß Jestls das Volk sah „wie Schafe ohne Hirten." „Und es ist nur wahrscheinlich, daß diejenigen ihm am freudigsten zuhörten, die am wenigsten geneigt waren, den Pharisäern zu folgen." Im zweiten Kapitel wird der Theorie der Thora eine ausführliche Behandlung gewidmet. Zunächst wird daraus hingewiesen, baß wir kein Wort besitzen, das den vollen Inhalt des Begriffes Thora, wie ihn die Pharisäer gefaßt, wiedergeben könnte. Entschieden falsch ist es, für „Thora" „Gesetz" zu sagen. Thora ist vielmehr „göttliche Belehrung über alles und jedes, was die Religion betrifft". „Sie beschränkte sich nicht aus Gebote positiver und negativer Art, sondern sie umschloß alles, was irgend auf Religion Bezug hat. Das ist schon aus ihrer äußeren Gestalt ersichtlich, weil im Pentateuch (der geschriebenen Verkörperung der Thora) außer Vorschriften auch noch vieles andere enthalten ist." Zur Thora gehört die Tradition der Aeltesten, die mündliche Lehre. Diese Thoraauslegungen „waren nicht ein rein menschlicher Zusatz zur Thora, der im Gegensatz zur göttlichen Autorität stand. Sie waren eine allmähliche Herausschälnng dessen, was von Anfang an in der Thora verborgen lag. Der einzelne Lehrer, der diese und jene Auslegung gegeben hatte, sprach damit mir in Worten aus, was bis dahin unausgesprochen in der Thora enthalten war". „Das geschriebene Wort und die ungeschriebene Tradition machen zusammen die Thora aus." „Das bedeutet nichts Geringeres, als daß die Thora nicht bloß in der Theorie, sondern auch in der Praxis zum vollkommenen Führer fürs Leben gemacht werden sollte." „Das Resultat dieses Verfahrens war eine detaillierte Angabe, daß die und die Handlungen von jedem ausgeführt werden müssen, der in rechter Weise Gott dienen wolle, weil Gott selbst sie in der Thora als seinen Willen gelehrt habe. Diese detaillierte Regelung des richtigen Verhaltens ist es, die man mit dem Namen H a l a ch a bezeichnet." „Und die Autorität der Halacha war der Wille Gottes. Es ist leicht, aus der Mischna Belege für die minutiöse Regelung anscheinend ganz unwichtiger Dinge heranszuklauben,- wie zum Beispiel die über das am Feiertage gelegte Ei. Wenn ein Pharisäer über diesen oder einen ähnlichen Fall sich zu verantworten hätte, würde er sagen: Die Thora, die göttliche Offenbarung, erstreckt sich über das ganze Leben, und die aus ihr abgeleiteten und auf diesen besonderen Fall angewandten Prinzipien ergeben die Resultate, welche in der darauf bezüglichen Halacha angegeben sind. Der göttliche Wille in betreff dieser Sache ist mir gelehrt worden, und was mich angeht, ist nur die Erfüllung des göttlichen Willens und nicht die Kleinheit des Gegenstandes." Daß diese Kasuistik dem Geiste die Freiheit und dem Herzen die Innerlichkeit ließ, des ist Zeuge der Gottesdienst in der Synagoge. Dieser ist eine der Erstlingssrüchte desjenigen Judentums, welches, Esras Leitung folgend, sich auf die Thora stützte. Er ist es, „welcher dem christlichen Kultus als Typus und Vorbild diente." „Die Männer, welche das Riesengebäude talmudischer Kasuistik aufführten, waren Männer, welche zu ihrem Vater im Himmel beteten . . . und welche in Herzenseinfalt „ihm im Geist und der Wahrheit dienten". Die Denikwürdigkeilrn der Glücke! von Hameln. Bo» Dr. M a r Jy r e it b c n 11) a I. avid Kaufmann hat bekanntlich die Memoiren der Glücke! von Hameln ans dem handschriftlichen Privatbcsitz, in dem sie bis dahin als ein teures und treubehütetes Gut ungenützt geschlummert, ans Tageslicht gezogen und sie durch eine Publikation in der Originalsprache im Jahre 1866 der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht. Seitdem ist dieses hochinteressante Tagebuch den Fachgelehrten eine gewichtige

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