Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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130 origineller und ebenso verständlich >vie die Uebersetzung: die feinste Hciratspartic (2. 20). Wie schon ist es, wenn ihr Vater die aus dein Sterbebett liegende Schwiegermutter init den Worten anspricht: „Meine liebe Schwieger und Mutter!" In der Uebertragung (S. 33) heißt es nur: „Meine liebe Schwiegermutter." Ihr Mann sagt zu ihr: „Glückelchen, was däucht dich!"; sicher schöner als: „was meinst du" (S. 59). Wenn sie von einer „Polakin" spricht, so liegt in diesem Wortgebrauch bekanntlich noch ein anderer Klang als in der Uebersetzung „Polin" (S. 6(5). Von ihren: kleinen Töchterlein berichtet sie, es sei ein schönes „leidiges" Kind gewesen, das heißt ein Kind, das jeder leiden mochte, nicht „zutunlich", wie in der Uebersetzung (S. 73). Einen Verwandten (vollen sie in einer geschäftlichen Angelegenheit anderen Sinnes machen; „aber das alles hat nichts helfen wollen, er ist bei seiner Geige geblieben". Es war nicht nötig, dafür zu setzen (S. 93): „er ist bei seinem alten Lied geblieben." Ter Ausdruck: „man kann sich denken, wie mich das abgemartert hat", ist lvieder origineller und besser als die Umwandlung in: „wie mich das gequält hat" (S. 166); ebenso der Ausdruck „inildreich", nicht „gnadenreich" (S. 216). „Ich bin bei meinem Mann in so großen Würden gewesen", erzählt Glücket mit Tränen im Auge; die Uebersetzung hat (S. 177): „Ich hatte in so großen Ehren bei ihm gestanden." Die hier gegebenen Beispiele sind kleinlicher Art und doch zeigen sie, wie vorsichtig der Bearbeiter zn verfahren hatte, um nicht unnötig die Tönung des Ganzen zu beschädigen. Recht tat er daran, daß er verschiedenfach Wiederholungen der redseligen Frau gestrichen, zerstreute Stücke zusammengesetzt, die Jargonwortstellung in den Sätzen verbessert, ebenso daran, daß er die vielen und langausgespvnnenen Parabeln und Moralerzählungen, an denen sich Etückel gar nicht genug tun kann, als Unterbrechungen des fortlaufenden Berichtes gänzlich wegließ und nur Proben im Anhang gibt. Aber es wäre richtig gewesen, an den betreffenden Stellen in einer kurzen Anmerkung jedesmal auf den Inhalt der eingefügten Parabetn und auf die Quelle hinzulveisen, aus der Glücket sie entnommen hatte. Sie gibt selber oft in interessanter Weise diese Quellen an und setzt dabei in Erstaunen ob ihrer Belesenheit in jüdischer und nichtjüdischer Erzählungsliteratur. Der Hinweis auf diese Einschübe am betreffenden Orte hätte auch deutlich gemacht, wie Glücket sich nie mit der bloßen Aufreihung der Vorgänge begnügt, sondern sie immer von einem höheren religiösen oder sittlichen Standpunkt zu erfassen sucht, sie gleichsanr sub specie aeternitatis, unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit, betrachten will. Das ist das Interessante an dieser schlichten Frau, daß ihre ganze geistige Eigenart, ihr unbewußtes Streben nach einer zusammenhängenden und zusaminenfassenden Weltanschauung auch diesem bescheidenen Tagebuch seinen charakteristischen Stempel ausdrückt. Der Uebergang auf S. 13 und die plötzliche Erwähnung Svlons (S. 170) sind übrigens jetzt durch den Mangel eines solchen Hinweises nicht recht verständlich. Auch von den anderen kleineren Auslassungen hätte manches erhalten bleiben können. Wie schön ist zum Beispiel die Stelle (S. 13 der hebräischen Ausgabe), da Glücket ihre Kinder selber zur Lektüre im deutschen „Brandspiegel" und in hebräischen Mnssarbüchern anregt und ihnen als Hauptlebensregel die Mahnung, geduldig zu sein in allen Schicksalsfügungen, mitgibt! Trefsliches hat Feilchenfeld in der Entzifferung schwieriger Abkürzungen, schwer verständlicher Lesarten, geographischer und ethnographischer Begriffe geleistet und vielfach Kaufmann darin verbessert. Bezüglich der hebräischen Namen hätte noch nranches getan werden können. Für den Namen Ulk zum Beispiel hat Feilchenfeld (S. 26) die Erklärung Kaufmanns übernommen, daß er mit Ulrike Zusammenhänge; sicher aber ist es eine Abkürzung von Elka, Clkele und dieses die weibliche Ummodelung des Männernamens Elkana, Man. Der Por» tugiescnnamc Vas (S. 165) ist gewiß Paz zu lesen. Eine Iaht anderer Namen ist noch nicht genügend aufgeklärt. Die Erklärung der Ortsnamen Hainholz und Hayen stammt von L e w i n s k y in „Z. f. H. B." 1897; mir scheint, als ob statt des letzteren besser, wie Lewinsky vorschlägt, Lochem oder vielleicht Hagen (im Hannövevschen) zu lesen fei. Zur Familiengeschichte hat Feilchenfeld fleißig die unterdessen erschienene Literatur verwendet. lieber den S. 151 erzählten Tod des Mendel Speyer auf der Leipziger Messe und seine Ueberführung nach Dessau habe ich in der Monatsschrift 1898, S. 140, einige Ergänzungen gegeben. Zum Tod der Hendele, der Tochter Glückels in Berlin, sei bemerkt, daß dieselbe nach dem Landshuthschen Grabinschriftenverzeichnis (Nr. 49) am 11. Tammus gleich 4. Juli 1694 verstorben ist. Auf die von mir in der Monatsschrift 1901 veröffentlichten Leipziger Meßlisten hat der Herausgeber des öfteren hingewiesen. Wenn man dieselben genauer durchforscht, so findet man die Angehörigen der Glücke! auch an anderen Orten als Hamburg unter dem Namen G o l d s ch m i d t verzeichnet; so ihren Sohn Samuel in Bamberg, ihre Söhne Loeb und Markus in Berlin, ihren Gatten Chajim Hameln als Heine Goldschmidt auch von Frankfurt am Main und Halberstadt her mit seinen Söhnen zur Messe nach Leipzig ziehend, alles Bestätigungen der von Glückel im einzelnen gebotenen Schilderungen. Der von ihr mehrfach erwähnte angesehene Bruder ihres Gatten, Isaak Hameln in Frankfurt am Main, ist kein anderer als der von Dietz im Stammbuch der Frankfurter Juden unter Nr. 200 ausführlich mit seiner Nachkommenschaft dargestellte Isaak Goldschmidt zum Korb und zur Wanne; die Identifizierung ist nicht bloß Dietz und Feilchenfeld, sondern auch Gronemann in seinen soeben erschienenen genealogischen Studien über die alten jüdischen Familien Hannovers entgangen, in denen er eine Geschichte j der Familie Goldschmidt-Hameln gibt. I Alle diese Bemerkungen sollen dem Werke Feilchenselds keinen Abbruch tun, sondern vielmehr zeigen, wie stede erneute Beschäftigung mit den Denkwürdigkeiten der Glückel auch aufs neue wieder Gelegenheit zu weiteren Forschungen und Aufhellungen in der Kultur- und Personengeschichte der deutschen Juden im 17. Jahrhundert bietet. Darum werden auch, die Geschichtsforscher gern die von Feilchenfeld besorgte Ausgabe der Memoiren zur Hand .nehmen. Gang besonders aber sei sie der Lektüre weiterer Kreise empfohlen, für die sie bestimmt ist. Jeder Leser wird sich erbauen und erheben an dem reizvollen Zauber der edlen Frau, der wir diese Aufzeichnungen verdanken, und die wir mit Stolz zu den unsrigen rechnen können. Wir haben alle Ursache, Herrn Dr. Feilchenfeld für die mühevolle, gelungene Arbeit sowie dem Jüdischen Verlage, der die Memoiren in ein so würdiges Gewand gekleidet hat, herzlich dafür -dankbar zu sein, daß sie diesen köstlichen Familienschatz der großen Welt zugänglich gemacht haben. Sinsgoss de! Trsnüto. Toledo. noch sind gehöhlt vom Knien am Jaum Hadin, Tag des Gerichts, die ockerroten Fliesen, wie Felsen ragen schrossgetürmt darin die Särge derer, die uns weggewiesen. Nächtliche Herzen, wahnbetörter Sinn!' Wo Widderhörner zur Zerknirschung bliesen, schläft herb der Stolz des Alkantaraordens nach Mühn der Folterungen und des Mordens.