Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Niemand hat aus sie geachtet; seither sind die reichen jüdischen Seidenkaufleute aus der Stadt fortgezogen, und matt findet sie heute über ganz China verstreut. (Ich selbst habe solche in Peking und Tientsin konstatieren können.) Zurückgeblieben sind nur die Aermsten der Armen, die Minderbeinittelten der sieben Clane: Li, Tschang, Ai, Tschao, Teh, Schih, Kav (ursprünglich waren es 26!). Als ich das Hauptstadttor erreicht hatte — die Stadt :it natürlich, wie alle chinesischen Städte, von einer Mauer umgeben — wurde ich von einigen Soldaten nach meinem Reisepaß gesragt. Unglücklicherweise lag derselbe noch in Peking. Ich parlamentiere mit den Leuten hin und her, indem ich ein paar Tilbermünzen zur Beruhigung offeriere. Vergebens. Man fragt mich nach meinen Personalien aus, und ich muß berichten, daß ich chinesisch „scben" heiße (was soviel wie „Geist" bedeutet) und daß ich aus tekuo (Deutschland) sei. Man läßt mich endlich passieren, aber nur in Begleitung einer Eskorte. Sv geht es über zwei englische Meilen lang durch die engen und stinkigen Gassen zwischen Menschen, Maultieren, Lastwagen, Schweinen und Hunden usw. hindurch, an Sänften tind Wagen vorbei, dicht die ausgelegten Waren der Händler streifend, überall als Europäer angestaunt (K'ai-feng-fu war eine der letzten Städte, die sich den Fremden vor zirka dreizehn Jahren geöffnet hat). Schwärme von halbnackten Bettlern, männlichen und weiblichen Geschlechts, jeglichen Alters, mit und ohne Kleidung, mit ihrer üblichen Geste und dem Geschrei, begleiten mich. Dazwischen Rikschakulis mit ihrem Gebrüll: Platz da! Platz da! (Tsieh-kvvang, tsieh-kwäng.) In dem Sande liegen müde die Menschen. Ab und zu fällt einer um und ist tot. Typhus, Pest, Cholera und was dergleichen mehr ist, grassiert hier. Niemand fragt lange. Was ist auch ein Menschenleben in China! Endlich lande ich vor meiner Herberge, die mir empfohlen worden. Lesezimmer, Foyer usw. sind vorhanden, und das in einem Hotel inmitten Chinas! Wer die Wanzenlager der Gasthäuser in China kennt, weiß, was dies bedeutet. Ein feister Wirt (Falstafffigur) empfängt inich, zeigt mir die Appartements für mich und meinen Diener. Ein ausgezeichneter Mensch ist dieser Wirt, ehemals Provinzbeamter unter den Mandschus, ist er nach dem Ausbruch der Revolution nach Hankow, Schanghai, Hongkong gereist, hat sich in chinesischen und europäischen Hotels umgetan, und hier ein wundersames, reinliches Gasthaus ausgemacht, das zu dem umgebenden Schmutz und Elend doppelt angenehm kontrastiert. Müde und halbtot, will ich mich endlich zur Ruhe begeben, als an meiner Tür energisch gepocht wird und „ein Leutnant mit zehn Mann" eintritt und mich noch einmal einem Verhör unterzieht. Sehr höflich ist der Herr, aber ich inöchte schlafen und bitte ihn unter Hinweis auf meine Empfehlungen an den Tutu (Vizekönig, Gouverneur) der Provinz Honan morgen noch einmal vorzusprechen. Am nächsten Tage begrüßt mich der Wirt zunächst mit der Meldung, daß unser Haus umstellt sei. Ich frühstücke ruhig, lasse mir die Eier und den Tee ausgezeichnet munden und erkläre dem Offizier, daß ich augenblicklich dem außerhalb der Stadtmauer wohnenden anglikanischen Bischof White einen Besuch abstatten inöchte, was nach langem Paktieren gewährt wird. Unter Bedeckung gelange ich mit Hilfe eines Jangtscho, d. h. einer Rikscha (NB. ohne Gummireifen), zerschlagen an mein Ziel. Der Bischof ist hocherfreut, mich zu sehen. Ich werde in ein schönes, ruhiges, behagliches Zimmer geführt, und beim Tee entpuppt er sich als chinesischer Gelehrter, ist übrigens ein reizender Causeur, sonst der Typ eines English gentleman. Langsam erzählt er mir die Geschichte der Juden, ihre augenblickliche Lage, warum er die Steine mit den Inschriften in Verwahrung genommen und das Land, wo die Synagoge gestanden, angekauft, und wie er die Juden vorgefunden, mit ihnen verhandelt habe und noch verhandelt. Sehr pessimistisch aber sehr taktvoll spricht er — offensichtlich in diesem Punkte von seinem Standpunkte aus — über die religiöse Seite der Juden und ihre Zukunft. Auch über ihre Sitten und ihre Moral ist er nicht sehr erbaut; nur vor einem Manne der Kolonie hat er Respekt und Hochachtung: es ist Tschao Jüntschung, der Führer des Clans Tschao und Haupt der ganzen Familie. Diesen Manu muß ich zuerst kennen lernen. Und während ich noch einige Reliquien aus der alten Synagoge: den Schläger, der das Zeichen zum Beginn des Gottesdienstes im Tempel gab, der vom Führer des Clans Li vor etwa 30 Jahren bei einem Chinesen für 100 Dollar verpfändet gewesen und seither von der Witwe täglich mit der Bitte geschlagen worden war, das Geld wieder zurückzuerhalten, und was auch mit Hilfe von Bischof White endlich geschehen war; den Lotos st and mit dem Becken zum Waschen, die hohlen oblongen G e st e i n e, anscheinend Ruhebänke (für Musikanten) usw. usw. bewundern kann und einen Blick auf ein kürzlich erschienenes, voll Jrrtümern strotzendes englisches Elaborat über „The Jews of China", das mir der Bischof lächelnd überreicht hatte, werfe, erinnere ich mich plötzlich der armen Begleitmannschaft draußen und frage den Bischof um Rat wegen des Passes. Ohne viel zu sprechen, überreicht er mir seinen eigenen Paß, den er noch nie benutzt hatte. Aber der chinesische Offizier ist damit nicht zu fangen. Mit schelmischem Blick und begleitendem Text dazu gibt er ihn mir retour. Es bleibt mir nichts übrig, als zum Tutu (Vizekönig) zu gehe::. Aber vorerst muß ich die Steine sehen, welche die Geschichte der Juden erzählen, jene Zeugen von verschwundener Größe und Pracht. Lange waren sie nach der Zerstörung der Synagoge Wind und Wetter preisgegeben, haben inmitten eines Wassertümpels gestanden (vgl. Abbildung S. 125). Im Hause der Mission neben der Kirche und Schule zu beiden Seiten stehen die zwei Steine, jetzt wohlgesäubert und wohlgeschützt. Der eine Stein enthält zwei Inschriften zu beiden Seiten, deutlich lesbar (in chinesischer Schrift natürlich). Der andere dagegen ist mit Ausnahme einiger weniger Zeichen unlesbar. Er hat zu lange im Wasser gestanden. Ueber diese Steininschriften, von denen ich Abklatsche genommen und mit den bereits veröffentlichten (bei Tobar: „Inscriptions juives de K‘ai-fong-fu. Chang-hai, 1900, p. 36 ff.) kollationiert habe, werde ich, wie oben bemerkt, an anderer Stelle zu handeln haben. Ein dritter Stein fehlt übrigens noch. Reverend Simons, ein anderer Missionar, der mir sehr freundlich entgegengekommen, hat im Verein mit Bischof White sich vergebens bisher um die Auffindung bemüht. Ich muß mich von diesen Steinen sortreißen, denn meine Soldaten drängen dazu. Nach dem Lunchon, notabene Eierspeise und vorzügliches Gemüse, begebe ich mich in Gala zum Gouverneur. Empfehlungen von dem Hauptratgeber vom Präsidenten Uuan-Shi-Kai in Peking, etlichen anderen Vizekönigen und hohen Würdenträgern sichern mir einen äußerst netten Empfang. Nach Austausch der üblichen Höflichkeiten unterhalte ich mich gemütlich bei Tee und Pfeife über Politik, Literatur usw. (auch über die Juden in K'ai-feng), und beim Abschied habe ich die Erlaubnis zum freien Herumstreifen in der Provinz Honan in der Tasche. Nur meine Malaria wird ärger, meine Ruhr hat mich noch nicht ganz verlassen. Gnädigst und sreundlichst dagegen empfehle ich mich jetzt von meinen militärischen Beobachtern, die mir den wahren Grund der etwas strengen Maßnahme nunmehr nicht mehr vorenthalten. Mit mir zugleich war nämlich ein japanischer Offizier in KNi-fcng angekommen, der auf seinen Spionagen entdeckt worden war, übrigens ein netter Mann, mit dem ich später in Tscheng-tschou, dem Kreuzungspunkt der Strecken