Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
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125 Provinz Schensi) gefunden ward, gab ihm Kunde von der einst blühenden Gemeinde, die sich durch Westturkestan über Samarkand, Ferghana, Kaschgar, am Rande des Tarimbeckens entlang, durch Kansu Schansi bis nach Peking hin erstreckt hatte. Das C h r i st e n t u m konnte und kann sich auch heilte noch nicht gegen jene andere — der Psyche der Chinesen übrigens absolut nicht Zusagende — Weltreligion, den Isla m, behaupten. Wie nach dem Urteil des besten Kenners seiner Geschichte das Christentum am Anfang seiner Entwicklung im Orient schnell Wurzel geschlagen und sich verbreitet hatte, um dann vom Islam vollständig weggewischt zu werden, während die viel weniger zahlreichen Juden Zäher geblieben sind, so hat derselbe Entwicklungsprozeß auch in China stattgefunden. Es ist verschwunden, und von neuem eingeführt, kann es sich heilte, in zahlreiche Sekten gespalten, seiner inneren Kraft beraubt, seine in Europa und auch anderswo zerrüttete Position nur durch die Lockspeise und,chen Ködernder sozialen Fürsorge (Krankenpflege, Schulen usw.) mit Hilfe von ungezählten Millionen Mark Zllr Mühe und Not gerade aufrecht erhalten. Das I u d e n t u m hat als solches niemals die Gastfreundschaft des „Reiches der Mitte" in Anspruch genommen. Proselytenmacherei war ihm fremd. Nllr die Juden in ihrer Eigenschaft als Kaufleute haben frühzeitig das gastfreie Land ausgesucht. Beim Handel über Land, sowohl im Norden durch Turkestan, besonders von Kaschgar bis Oamul (Hami) durch das Nephrittor, die Jü-men- Passage, als auch bei dem im S ü d e n zu Lande über Bhamo nach Jung - tschcrng (Jünnan) und so fort und Zur See nach den Hafenstädten Kanton, Hang-tschou, Ning-po uslo. waren sie beteiligt; ja derselbe lag zu Lande Zum größten Teil vor dem Einstürmen der türkischen Stämme und der Araber in ihren Händen. Ueber den Ursprung, die geschichtliche Entwicklung, Religion, ehemaligen Kultus, Sitten, Gebräuche usw. der Juden in China werde ich demnächst Zusammenhängendes bekanntgeben. Hier sollen vorläufig nur ganz kurz mit ein paar Strichen ein paar Ereignisse geschildert werden, die ich auf meiner Studienreise nach K'ai-feng-fu erlebt habe und die mir charakteristisch erscheinen. Vom Lung-mon, dem Drachentor am N-Fluß mit seinen wunderbaren buddhistischen Steinfiguren, kommend, auf dem Wege nur von ein paar Inschriften Abklatsche nehmend, zuweilen hier und da in Höhlen auf kleine, höchst wahrscheinlich als Totenbeigaben benutzte Steinfiguretten stoßend, sonst aber neben der buddhistischen Künstleratmosphäre nur seinen Kies, Sand, Staub — von der Wüste Gobi (so sagt man) und vom aufgewirbelten Lößboden her — atmend, glaubte ich manchmal gar nicht, die alte und hoch berühmte Hauptstadt, vornehmlich der Sung-Kaiser (960—1278) K'ai-seng-fu (das alte Püen-liang) zu erreichen. Ist es schon keine angenehme Sache, bei Gluthitze und Staubstürmen in den federlosen Karren (genanur Wagen) auf zum Teil ungangbaren Pfaden dahini zutrotten, um so viel weniger angenehm für einen mit Ma-! laria, Ruhr und, last but not least, steifem Hals Behafteten!! Ein Beschwörer aber, auf Magie und Volksmedizin etnj geschworen, sollte mir das Fortkommen erleichtern. Seine i Radikalkur gelang (trotz der Beschwörungen), und getrost i konnte ich der historischen Stätte näherkommen. Endlich war! die Stadt in Sicht. In einer großen, fruchtbaren Ebene, un-! gefähr fünf bis sechs englische Meilen vom Huang-Ho oder j „Gelbem Fluß" entfernt, lag die alte Metropole. Grau, völlig j ohne Baum und unheimlich öde lag sie da-! „Die Dürr' ward über Maßen groß,! Verdorrend lechzen Fluß und Flühen." Eine schreckliche, lang anhaltende Hungersnot hielt bereits - seit Wochen und Monaten an, die Ueberschwemmung im vergangenen Jahre ablösend. Tausende und aber Tausende von Menschen waren bereits dahingesiecht. Feldlager a 20 000! (Weiber und Kinder, Greise und Krüppel) wurden täglich errichtet, um die hungrigen Mäuler einigermaßen zu stopfen. „Der milde Himmel zürnt ergrimmt, Der Himmel schickt, was uns vernichtet, Er peinigt uns mit Hungersnot, Rings wandert aus das Volk und flüchtet, Heimat und Grenzen sind Zugrund' gerichtet." Unwillkürlich fielen mir diese Verse des Schiking, des Buches der Lieder, ein, als ich die Unglücklichen außerhalb der Stadtmauer sich im Staube wälzen sah, und als ich aus das Flachland und die tiefe Lage der Stadt blickte, da erinnerte ich mich aus der Geschichte der furchtbaren Belagerung derStadt durch den Rebellen Li-Tschang, die im Jahre 1642 stattfand, und aus der die Belagerten sich nur durch das verzweifelte Mittel eines Durchbruchs der großen Dämme zu helfen glaubten. Ter Feind war vernichtet, aber mit ihm auch für immer diese blühende Stadt mit dem wunderbaren kaiserlichen Palaste, jenen großen Gebäuden, Gärten, Kiosken, Teichen, Pavillons. Seit jenen Tagen wurde der Gelbe Fluß „Chinas Sorgenkind", der fast alljährlich seine Opfer fordert. Und diesem wütenden Strom ist auch die jüdische Kolonie erlegen. Taipingrebellion, andere Revolten, Hungersnot, Pest haben ihr zwar im Laufe der Zeit arg mitgejprelt, aber den Todesstoß hat ihr die stets wiederkehrende Ueverschwemmung des Gelben Flusses gegeben. Die Synagoge, der Mittelpunkt der Gemeinde, die ganz in der Nähe des Flusses lag, ward allmählich zerstört. Damit war der letzte Rest des Zusammenhanges in der Gemeinde weggespült. Weit weg von den übrigen (Aaubensbrüdern haben sie zwar noch mehrmals versucht, einen Lehrer herüberzubelommen, der ihnen zu ihrem geistigen und religiösen Mittelpunkte verhelfen sollte. Noch vor zirka 50 Jahren schrieben sie an den britischen Konsul in Jerusalem, Finn, der sie einstens besucht hatte: „Täglich, mit Tränen in unseren Augen, rufen wir zu dem Allmächtigen. Wenn wir nur wieder Rabbiner und Lehrer hätten und unser Gotteshaus in Ordnung, dann würde unsere Religion in uns einen festen Halt haben." Platz in R'ai-feng-fu (Provinz Tonern), wo einstens die Synagoge gestanden. Inmitten des Tümpels die Gedenksteine vor der Entfernung in das Missivnsgebäude.