Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229135--70234-3282569- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
124 Vor kurzem ging der spanischen Regierung eine Eingabe der spanischen Inden von Saloniki zu, in welcher diese, 30 bis 40 000 an der Zahl, sich unter gewissen Umständen bereit erklärten, nach Spanien überznsiedeln. Seitdem nämlich Saloniki griechisch geworden, befürchten die Sephardim eine Schmälerung der unter türkischer Herrschaft genossenen J-reiheiteu und ziehen die Möglichkeit eines Masjennuszugs in Erwägung. Trotz des in Spanien immer noch mächtigen Klerikalismus ist die Aufklärung soweit durchgedrungen, und sind die freiheitlichen Instände so vollkommen, daß die einst vertriebenen Inden hier die gastfreundlichste Aufnahme finden würden. Eine Anzahl von hervvragenden Publizisten, an deren Spitze der bekannte Arzt und Schriftsteller Tr. Pulido steht, macht schon seit langem Stimmung für den Gedanken, dem auch in Negiernngskreisen Sympathie entgegengebracht wird. Sollte die Wiedereiuverleibung der spanischen Juden sich etwa Praktisch nicht durchführen lassen, so wird Spanien durch Gründung von Schulen, Vereinen, Konsulaten itnb Presseorganen in den betreffenden Zentren immerhin dafür Sorge tragen, daß die geistigen Bande zwischen ihm lind den Sephardim gefestigt werden. Lum NN. Geburtstage Osul Lhrlichs (14. Mr; 1914). 2} on DJ1 a 11 i n Iacoby. zzellcnz Paul Ehrlich feiert? am i4. März seinen 60. Geburtstag. Die wissenschaftliche Welt, insbesondere die Aerzteschaft und die Naturforscher begehen diesen Tag als den Ehrentag eines hervorragenden Entdeckers und Wohltäters der Menschheit. Für das Judentum besteht schon deswegen alle Ursache, dieses Tages mit Freude und Stolz zu gedenken, weil der große Forscher uns zugehört. Können wir doch mit nichts würdiger jeder Zurücksetzung und Geringschätzung entgegentreten, als wenn wir darauf Hinweisen dürfen, das; zahlreiche deutsche Glaubensgenossen an dem Fortschritt der Kultur in erster Linie Mitarbeiten. Ehrlichs Leben gehört mit jeder Minute der Arbeit im Laboratorium, nichts konnte und durfte ihn von seiner wichtigen Aufgabe abziehen. Sv ist er auch meines Wissens nie aktiv in Fragen der jüdischen Sache hervorgetreten. Und dennoch bedeutet sein Wirken sehr viel sür das Judentum. Gewiß schon dadurch, daß eine Gemeinschaft dadurch geehrt und gehoben wird, daß sie solche Männer in ihren Reihen zählt. Aber ich habe noch viel unmittelbarere Wirkungen int Auge. Wer die besonderen Verhältnisse der akademischen Berufe kennt, weiß genau, welchen Umfang der Uebertritt zum Ehristentum bei der strebsamen jüdischen Jugend in den letzten Jahrzehnten angenommen hat, und wie bedenklich sür die dem Judentum treu gebliebenen Akademiker gerade der Einfluß dieser Schicht sich geltend zu machen versucht. Wenn man an psychologischen Atomenten nicht vorübergeht, kann man nicht übersehen, lute bedeutsam für diejenigen, welche nicht gewillt sind, sich vom Judentum zu trennen, es sein muß, daß ein großer Wahrheitsfinder auch in seiner äußeren Entwicklung nicht durch seine Zugehörigkeit zum Judentum gehemmt wird. Ich glaube, man soll es bei dieser Gelegenheit deutlich aussprechen, es ist kein Zufall, daß wenigstens in den grundlegenden und führenden Forschungsgebieten, in denen Paul Ehrlich arbeitet, eine stattliche Zahl bahnbrechender Forscher tätig ist, die gute Juden sind und dennoch auch die äußeren Schwierigkeiten der Gelehrtenlaufbahn überwunden haben. Nur einige Namen seien herausgehoben, weil ihr Wirken dem Arbeitsfelde Ehrlichs besonders nahesteht: von Wassermann, Mvrgenroth, Millstätter und Neuberg. Ich bin überzeugt, daß die begeisterte Anhänglichkeit an die Sache, die Sehnsucht nach Erkenntnis, die von Jugend an alle Erlvägungen anderer Art überwiegen muß, wenn große Dinge geleistet werden sollen, bei solchen Naturen die kühlen Berechnungen zurückdrüngt, die andere zum Religionsj Wechsel veranlassen. | , Besonders erfreulich und interessant ist aber für uns i Juden, daß Ehrlich nicht zufällig ein großer Forscher und daneben ein Jude ist. Wer seine Eigenart kennt, weiß, daß sein Geist einen Höhepunkt jüdischer Intelligenz darstellt. Unsere! Vorfahren betrachteten die Rabbiner als ihre Aristokraten, sie ehrten in ihnen die Männer, welche andauernd, ihr Wissen zu mehren sich bestrebten, kenntnisreicher und weiser als die übrigen Glieder der Gemeinde waren. Ohne Pathos gaben sich die Führer, ohne äußere Betonung des Abstandes lebten sie als schlichte Familienväter im Kreise der Gemeinde, die Ehrfurcht wurde ihnen gezollt für ihren würdigen Lebenswandel und ihr ständiges Suchen nach Erkenntnis. So sondert sich auch Paul Ehrlich, ein Hauptrepräsentant der jüdischen Geistesaristokratie unserer Tage, nicht von der Menge ab; sein Privatleben i entspricht dem so oft zitierten, aber nicht ebenso häufig anzutresfenden jüdischen Ideal, einfach in seinem Wesen, kennt er keinen Unterschied zwischen hoch und niedrig. Der Jüngste kann sich an ihn wenden, wenn es sich um wissenschaftliche Tinge handelt. Als innerlich freier Mann hat er stets auch zu den herrschenden Faktoren das richtige Verhältnis gefunden, so daß man ihm auch hier immer Vertrauen entgegengebracht hat und Förderung hat angedeihen lassen. Sv wünschen wir heute auch als Inden, daß der Mann und sein Können noch lange der Menschheit erhalten bleiben mögen, wir wünschen, daß es dem Judentum nie an solchen Vorbildern fehle. Unsere Stellung im deutschen Vaterlande und in der Welt hängt ja doch schließlich von der Summe der Kulturarbeit ab, die von den Juden geleistet wird. Die Juden im Innern Chinas. vorläufiger Bericht aus meiner Reise nach R'ai-feng-fu (Provinz Honan). Von Bruno Schindler. I. hina ist stets das Sammelbecken und der Tummelplatz aller Religionen gewesen. Auf der konfuzianis ch e n Staatsreligion, die sich auf der alten Naturreügion und dem Ahnenknltus allmählich ausgebaut hat, im Norden und dem hauptsächlich auf der Lehre des L a v t s e beruhenden T a o i s m n s vorzüglich im Süden ist schon frühzeitig (4. Jahrhundert v. Ehr.) der aus Indien kommende Buddhismus hergesallen und hat einen ungeahnten Siegeszug gehalten. Später sind dann unter anderem im 6. und 7. Jahrhundert besonders die hui-ho (Uiguren), die Mo-ni (Manichäer), die jetzt bei den Ausgrabungen in Turfan (Turkestan) eine so große Rolle spielen, die Nestori - an er und die Muslem (Hui-Hui) in dem fernen Osten erschienen, aber mit Ausnahme der letzteren ebenso spurlos verschwunden. Noch aus dem Anfang des .13. Jahrhunderts haben wir über das Religionsgewimmel in China das Zeugnis des Erzbischofs Monte Corvino, der da schreibt: „In diesem großen Reiche gibt es Menschen von allen Nationen unter dem Himmel und von allen Religionen, und man gestattet jedem vollkommene Freiheit seiner Ueberzeugung; denn sie haben," so fährt der Erzbischof fort, „die Ansicht, oder vielmehr irrtümliche Meinung (sie!), daß jeder in seiner eigenen Religion selig werden kann. So haben sie auch vollste Freiheit, ohne Schwierigkeit und Hindernisse zu predigen. Unter den Juden und Sarazenen haben wir keine Konvertiten: aber von den Heiden werden viele getauft; doch wandeln viele von den Getauften nicht recht in den Pfaden des Christentums." Von diesen ersten Christen fand Pater Ricci, der Jesuit, der im Jahre 1583 nach Südchina kam, nichts mehr vor. Nur eine j alte Steininschrift vom Jahre 781, die 1623 in Tschou-tschih | (50 Meilen südwestlich von der alten Hauptstadt Si-an-Fu,