Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-13 · Heft 11 (13.3.1914) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 11 (13.3.1914)
Date
1914-03-13
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229135--70233-3282568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-128 - Gegensätze: Jude und Deutsche eine lediglich die äußere Politische Zusammengehörigkeit der Gegenwart. Im übrigen seien beide durch unüberwindliche Schranken getrennt, die auch für die Zukunft unbedingt erhalten bleiben sollen. Neben der jüdischen Religion, die völlig in den Hintergrund gestellt wird, werden dort Verschiedenheiten konstruiert, wie sie bisher lediglich von den außenstehenden Gegnern erfunden worden sind, um dem Juden sein Recht abzusprechen. „Jüdische Nation!" „Jüdische Kultur!" „Fort mit den Phantasiegebilden unserer Zugehörigkeit zum deutschen Volk mW zu deutschen Kultur!" Sv lautet die irrige und gefährliche Losung. Es gehört wirklich eine außerordentliche Verständnislosigkeit für das geschichtlich Gewordene dazu, um zu diesen der Geschichte vieler Jahrhunderte hohnsprechenden Ansichten zu gelangen. Für unseren Abwehrkampf sind aber jene Elemente verloren. Für sie ist der Kampf ums Recht lediglich der Kampf um die formelle Staatsbürgerberechtigung, die uns auf Grund des toten Buchstabens zngesprochen ist. Indem sie uns die Rolle des Gastes in fremdem Wirtsvolk zuweisen, reden sie die Sprache, die im Programm uüserer Gegner geführt wird, wenn sie die „Stellung der Juden unter Fremdengesetze" beantragen. Jene Gruppe ist für unseren Kampf nicht nur verloren, sondern bedeutet Zugleich eine außerordentliche Schädigung unserer Arbeit. Denn die Argumente unserer Gegner gewinnen dadurch, daß sie in unseren eigenen Reihen wiederholt werden, ganz außerordentlich an Stoßkraft und Wirkung. Jene national-jüdischen Tendenzen bedeuten eine Lähmung und Schwächung unseres Abwehrkampfes, die nicht genug zu beklagen ist. Es gilt, in unseren Reihen über alle diese Fragen volle Klarheit zu schaffen, um dem Abwehrkampf die allein gesunde Grundlage zu erhalten. Man komme uns nicht damit, daß der Abwehrkampf eine rein negative Betätigung des Judentums darstelle, daß ihm ein Judentum lediglich von Antisemitismus Gnaden zugrunde liege. Gewiß sind die heftigen Anfeindungen der äußere Anlaß gewesen, der die Juden zu selbstbewußter Abwehr zusammengeführt hat, wie ja letzten Endes nur der Antisemitismus es gewesen ist, der unsere Gemeinschaft überhaupt zu dem rührigen Leben unserer Tage wachgerufen und nicht zum wenigsten auch den Zionismus selbst erzeugt hat. * Aus Oesterreich schreibt man uns: Professor Fr. W. Förster in Wien sagt in seinem jüngsten Werke („Staatsbürgerliche Erziehung", Verlag Teubner, Wien 1914), S. 20 folgendes: „Es gibt keine größere Tragikomödie, als wenn ein Mensch „um Ehristi willen" Christus aus der Seele verliert, das heißt, mit den Gegnern des Ehristentums so streitet, daß er Schaden an seiner Seele nimmt. Dies gilt vor allem auch für die Auseinandersetzung mit dem Judentum. Alle jüdischen Freigeister zusannnen haben nicht so viel Christentum aus den Seelen vertrieben wie eine gewisse Art Antisemitismus mit ihren schonungslosen Generalisierungen, ihrer Christus entfremdeten Sprache, ihrer Ermutigung gerade der Instinkte und Gefühle, für deren Ueberwindung sich Christus ans Kreuz schlagen ließ." In der Anmerkung heißt es weiter:- „Vom sittlichen und religiösen Standpunkte verwerflich ist nur eine allgemeine Kriegserklärung gegen das Judentum. Denn dabei werden die unvergleichlichen Naturkräfte und Kulturtraditionen gerade dieser Rasse sowie die zahlreichen vorbildlichen und hochgesinntere Männer und Frauen ignoriert, die das Judentum -- dein doch wohl die zwölf Jünger Christi und die Apostel angehörten — zu allen Zeiten hervorgebracht hat und ununterbrochen wieder hervorbringt. Eine Kulturgefahr repräsentieren gerade jene e n t w n r z e l t e n Juden, die am meisten „entjudet", das heißt allen eigentlich jüdischen Kulturtraditionen entfremdet sind und nun jede Art von Zersetzung um sich verbreiten. Die hohe Begabung der Rasse wirkt eben wie falsch gerichtetes Radiumlicht, wenn sie sich mit bloßen Naturinstinkten verbindet, statt den religiös-sittlichen Mächten zu dienen, die der Nasse von ihren großen Genien verkündet wurden. Je mehr man aber jenen entarteten Elementen entgegentritt, desto entschlossener uurß man mit den edleren Trägern der jüdischen Nasse Gemeinschaft suchen, damit mall diese nicht durch generalisierende Behandlung in die Kaineradie mit den schlechten Elementen hintreibt." * Ueber ein neues Ritnalmordmärchen wird dem „Berliner Tageblatt" aus Paris, den 9. März, gedrahtet: „Eine plumpe Ritualmordgeschichte erzählt das „Echo de Paris" aus Soccia aus der Insel Korsika. Dort soll der vierjährige Domenico Fiesci unter geheimnisvollen Umständen verschwunden sein. Man hat alle Wälder abgesucht, aber nichts gefunden. Auch die Vermutung, daß das Kind von frei umherlaufenden wilden Schweinen getötet und ausgefressen worden ist, läßt sich nicht aufrechterhalten, da nirgends etwas von Neberresten gefunden worden ist. So bietet denn jetzt die klerikale Pariser Zeitung unter der fetten Ueberschrift „Ist ein Ritualmord verübt worden?" folgende Beschreibung an: Das Kind ist gleich von jüdischen Kauflenten, die durch die Gegend kamen, aufgegriffen unb verschleppt worden. In Korsika soll die Aufregung groß sein und alles glaubt, daß ein Ritualmord vorliegt, der mit dem bevorstehenden Osterfeste in Verbindung zu bringen sei. Bis jetzt ist Frankreich von dem Ritualmordwahnsinn so ziemlich frei gewesen." * Aus Spanien wird uns geschrieben: In Tanger besteht seit kurzem ein spanisch-jüdischer Verein, dessen Gründung von der spanischen Negierung ausging und der den Zweck hat, zwischen Spanien und der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Marokkos, die bekanntlich vorwiegend spanischen Ursprungs ist. im Hinblick auf die Erschließung des Scherifenreichs enge Beziehungen zu unterhalten. Bor einigen Tagen hat eine Versammlung dieses Vereins stattgesundeu, in der der diplomatische Vertreter Spaniens in Tanger, Don Mauricio Lopez Roberts, den Bestrebungen des Vereins warmes Lob zollte und ihn des rückhaltlosesten Entgegenkommens Spaniens versicherte. Der Präsident des Vereins, Dr. Guitta, hielt ebenfalls eine Ansprache, in der er den spanienfreundlichen Gesinnungen des Vereins begeisterten Ausdruck gab. Darauf wurde ein aus Dr. Guitta, dem Vizepräsidenten Abraham Pinto und den Mitgliedern Jsaac Ventata und Ahusch Berasolh zusammengesetzter Ausschuß gewählt, der mit dem Auftrag betraut ist. sich nach Madrid zu begeben, um König Alfons die Huldigungen des Vereins darzubringen und ferner über hüben und drüben iuteresfierende Fragen Rücksprache mit der Negierung zu nehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Abordnung hier eine freundliche Aufnahme finden wird, denn schon seit zwei Jahrzehnten hat in Spanien eine Bewegung eingesetzt, die die gänzliche Aussöhnung mit den überall in der Welt zerstreuten Sephardim und eventuell deren Rückkunft in das Land ihrer Väter bezweckt. Sephardim heißen bekanntlich die Nachkommen der 1492 ans Spanien vertriebenen Juden, die in Amsterdam, Hamburg, London, Wien und anderen Städten des Nordens und besonders in den Balkanläudern, Kleinasien, Nordafrika und Südamerika sich zu eigenen Gemeinden znsammengeschlossen und einen besonderen shnagogaten Ritus, den sephardischen, haben. Diese Juden haben die spanische Sprache beibehalten, nicht nur in ihren alten Kirchengesängen und Gebeten, sondern auch im täglichen Umgang unter sich. In einigen Städten, wie z. B. Saloniki, Bukarest, Konstantinopel u. a., wo die 'Sephardim in beträchtlicher Anzahl vorhanden sind, geben sie in spanischer Sprache verfaßte Zeitungen heraus. Die spanischen Inden ließen sich mit Vorliebe in der Türkei nieder, denn hier fanden sie nicht nur Toleranz und Achtung gegen ihren Glauben, sondern auch unbeschränkte Freiheit und Sicherheit, was leider im übrigen Europa nicht immer der Fall war. Spanien wird oft verschrien wegen seiner Judenverfolgungen, aber andere Länder haben es hierin nicht besser getrieben. In Michauds „Geschichte der Kreuzzüge" kann man lesen, daß zu Nürnberg die Deutschen, die das heilige Grab befreien wollten, den Weg dorthin nicht finden konnten und fragten, nach welcher Gegend man ausziehen müsse, um die Ungläubigen zu finden. Sie kamen schließlich auf den klugen Einfall, eine Gans vor sich herzutreiben. „Wohin die uns führt — sagten sie — da ist das Land der Ungläubigen." Und die Gans führte die Kreuzfahrer gerade ins Judenviertel hinein . . . und nun ging es an das Niedermetzeln der Juden, zum größten Ruhme Gottes. Jnr Jahre 1510 schmachteten etwa 100 Juden in den Berliner Gefängnissen unter der Bezichtigung, Hostien geschändet zu haben. So könnte man noch viele Beispiele anführen. Die Greuel der Vergangenheit sind im heiligen Rußland noch immer entsetzlich' Gegenwart und lassen auch in den Balkanläudern bedauerliche Rückfälle befürchte».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.