Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 119 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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119 Das große Verhör begann, als die beiden auf die Beine gestellt und man sich überzeugt hatte, daß sie am Körper unversehrt geblieben waren. „Wie kommt ihr denn hierher?" fragte Rabbi Henoch. Es erfolgte zwar keine Antwort und nur die Kopfbewegung ließ erkennen, daß sie von oben kamen. „Vom Himmel zur Erde dauert die Reife zweihundert und fünfzig Jahre, sagte die Gemoro, und ihr wart' doch bis vor einer Stunde noch unter uns," sagte der Rabbi in scherzhaftem Tone. „Ausgerechnet durch den Schornstein muß der Weg führen," ergänzte Benjamin. Keine Antwort der Delinquenten, nur ein verlegener Gesichtsausdruck, die rußgeschwärzten Hände aus dem Rücken gekreuzt, zeugten von einem losen Streich. Löwenmayer, der gern den Kriminalisten spielte, kümmerte sich nicht lim das Verhör und stellte selbst Nachforschungen an. Er stieg auf den Boden, kletterte durch eine Dachluke bis zum Schornstein. Mit einer Kerze, die vom Luftzug öfters ausgelöscht wurde, konnte er doch eine Leiter in demselben erblicken. Diese Leiter, so kombinierte er seinen Spürsinn, tvurde von den beiden dazu aufgestellt, um zu den Würsten und dem Rauchfleisch zu gelangen, darin zum Räuchern und Konservieren ausgehängt. Schadenfroh nahm er den Weg zurück und entdeckte dem Konzilium das Ergebnis seiner Untersuchung. Er befühlte dabei die Taschen der Missetäter und siehe eine Wurst, sowiw lamisbeach,9) und mehrere Stücke Rauchfleisch zog er als Trophäen hervor. Jedenfalls hatte Moschele einen Fehltritt gemacht und im Fallen Chajim mit tu die Tiefe gezogen. „Kach hojoh hamaaseh"10) bestätigen endlich die beiden, die unterdessen ihre Geistesgegenwart wieder gewonnen hatten. „Allerdings eine sehr freie Auffassung von der Pflicht, am Purim heiter zu sein, aber weil ihr beide unter mesiras hannefeschll) das Wagestück unternommen habt, soll es euch vergeben sein," sagte Rabbi Henoch. Moschele rechtfertigte seine Tat mit der Ausrede: „Frau Henoch habe vergessen, heute, einem Gebrauch entsprechend. Geräuchertes auf den Tisch zu bringen, und wir wollten das Versäumte einholcn." „Was soll aber mit der Wurst und dem Rauchfleisch geschehen?" fragte Benjamin, und gab auch gleich die Antwort dazu: „Wir werden es gleich aufessen." Löwenmayer fügte hinzu: Wegam Benjamin sochur latauw12). Literarische Mitteilungen. M ill: onär e. Roman von Arthur Landsberger. München, Georg Müller. Landsbergers Bücher, die einen großen buchhändlerischen Erfolg haben — die bisher erschienenen und in dieser Zeitung meistens besprochenen sind in 12. bzw. 15 Ausl, veröffentlicht, und auch von diesem Werke sind gleich von vornherein vier Auflagen gedruckt — gehören zu denen, bei denen man nie recht weiß, ob man sie loben oder sich' über sie ärgern soll. Loben muß man die treffliche Charakterzeichnung, die ausgezeichnete Schilderung des Milieus; sich ärgern darüber, daß die gemeinen, oder mindestens gewöhnlichen Menschen, die geschildert werden, Juden sind. Aber man muß sich bei dem eben erschienenen Werke durchaus davor hüten, von einem antisemitischen Buche zu sprechen, denn gerade diejenigen Juden, die bei ihrem Glauben verharren, stellt der Verfasser als anständige und brave Menschen dar, und er bemüht sich im Wesentlichen, die gesinnungslosen Streber, die vor keiner Geschmacklosigkeit und vor keinem Verbrechen 9) Dem Umfang des Altars entsprechend, in übertr. Sinne: der Tellerrand. 10) So ist der Sachverhalt. lr) Lebensgefahr. 12) Auch des Belljamin zurni Guten gedacht, eine Variation des wegam Charbona soehur latauw, im Schlußgebet nach der Vorlesung der Megilla. zurückschrecken, aufs deutlichste, ja, ich möchte fast sagen, aufs grausamste, zu zeichnen. In unsereln Buche handelt es sich hauptsächlich mn Leopold und Emilie Lesser. Die beiden hatten ein gutgehendes Manufakturgeschäft in Neutomischel, siedeln nach Berlin über und werden Millionäre. Sie bleiben zwar gänzlich ungebildete Menschen,' aber durch die gewagtesten Spekulationen, durch unredliche Handlungen, durch schamlose- Ausnutzung ihrer Beziehungen gelangen sie zu großen äußeren Ehren. Lesser wird, was freilich für eine so kurze Spanne Zeit — denn es handelt sich höchstens um ein paar Jahre — recht unwahrscheinlich' ist, Kommerzienrat, dann Geheimer Kommerzienrat, adlig, Ritter des Kroneuordeus zweiter Klasse und schließlich, weil er an einen: neuen Konkursverfahren mitgearbeitet hat, Ehrendoktor der Rechte. Er stößt alles, was ihm entgegenstrebt, rücksichtslos über den Haufen: seinen treuen Kassierer Jacobh, seinen Schwiegervater Cohn, zwei höchst wackere Menschen alten Schlages. Ferner seinen Genossen, den Kommerzienrat Beer, der zwar nicht gerade ein Mustermensch ist, aber kein Talent zu waghalsigen Unternehmungen und keinen Mut zu betrügerischen Manipulationen hat. Aber trotz aller Triumphe bleibt er, was er ist, nämlich ein ganz gemeiner Emporkömmling. Ja, er erleidet und darin könnte man die gerecht waltende Nemesis sehen — die Verdiente Strafe, die darin besteht, daß seine Kinder sich von ihm trennen. Er verlobt seinen Sohn Walther, einen schlichten Gelehrten, mit einer Gräfin Rödern, seine Tochter Jette, die er nun, da er fein geworden ist, Mnud nennt, mit einen: Baron von Prittwitz: aber beide Paare, obwohl sie künstlich zusammengebracht worden, gewinnen sich wirklich lieb und trennen sich von ihren Eltern; Walther wird Professor -in München, und Prittwitz lebt mit seiner Geliebten, die er heimlich ans dein Hanse entführt, von seinem kleinen Vermögen, ohne von den schmierigen Schätzen seines Schwiegervaters etwas zu nehmen. So tritt eine gewisse Sühne ein. Der Moralist und der ästhetisch Empsindende wünschte freilich, daß diese gemeinen Personen, Lesser und Frau, auch innerlich litten — dem: ihre Unempfindlichkeit ist so stark, daß auch die Trennung von ihren Kindern keinen Eindruck auf sie macht - vielleicht auch äußerlich herunterkämen. Aber man freut sich wenigstens der poetischen Gerechtigkeit, daß die gemeinen Menschen, wenn sie auch in allem äußerlichen Glanz sortleben, doch schließlich von den wirklich Guten verlassen sind. Sie müssen sich damit begnügen, mit ihresgleichen, z. B. den: Regiernngsassessov Beer, zu verkehren, einem Falschspieler, einen: gerissenen pietätskosen Menschen, während die wackeren Kinder sich fern von ihnen ein eigenes Leben zimmern. Das Buch ist voll der amüsanten Details aus dem Berliner Leber:, aus der sogenannten vornehmer: Gesellschaft, gewiß kein Kunstwerk, aber ein Buch voll scharfer Beobachtung und das Zeugnis eines starken satirischen Talentes L. G. * — The American Jewisli Year Book 5674, October 2. 1913, to September 20, 1914. Edited by Herbert Friedenwald and H. G. Friedman for the American Jewish Committee. Philadelphia, The Jewish Publication Society of America, 1913. Außer dem eigentlichen Kalender enthält dieses Jahrbuch eine Chronik der jüdischen Ereignisse des vergangenen Jahres. Diese Chronik ist sehr ausführlich. Sie füllt 140 Seiten, etwa ein Drittel des umfangreichen Bandes. Die Chronik ist nach Ländern geordnet. Eine allgemeine Betrachtung geht voraus, dann folgen die nach her Zeitfolge zusammengestellten Ereignisse von: Juli 1912 bis zun: Juni 1913, ur:d zwar in folgender Anordnung: Allgemeine Ereignisse, Gemeindeleben, Ernennungen, Ehrenbezeugungen, Wahlen, Todesfälle. Recht interessant sind einzelne statistische Zusammenstellungen. Unter ihnen sei hervorgehoben ein Verzeichnis der jüdischen Mitglieder des lnnerikanischen Kongresses: es sind augenblicklich nur vier; im ganzen haben es bisher 28 Juden zu der Würde eines Kongreßmitgliedes gebracht, vor: denen einige häufig wiedergewählt wurden, vier in die Reihe der Senatoren aufrückten. Ein sehr ausführlicher Aufsatz ist in der Publikation der amerikanischen Literaturgesellschaft gewidmet. Allgemeineren Inhalts sind zwei Abhandlungen; ans der ersten: „Tie Balkankriege und die Juden", sei die Betrachtung hervorgehoben, daß eine Hauptbeschäftigung der Inden in den Lä::dern, die in m:deren Besitz übergehen, nämlich der Geldwechsel, so gut wie vollständig aushören müsse, und daß infolgedessen die Aussichten für die Kaufleute ziemlich trübe seien. Aus der zweiten Abhandlung: „Die tevantinischen Juden in den Vereinigten Staaten", sei wenigstens die eine Tatsache erwähnt, daß die Einwanderung aus der Türkei und den Balkan-