Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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118 geplant, was noch nie dagewesen war. Theater sollte gespielt werden. Sie kannten nur das Theater als einen gangbaren Begriff. Seine innere Einrichtung oder gar eine Aufführung war ihnen völlig fremd. Sie kannten die Namen gefeierter Bühnenhelden nur aus der Zeitung, und Rabbi Henoch machte sich sogar darüber lustig, daß ein solcher „der Wachtel" heißen könne, „die Wachtel" schien ihm nach grammatikalischer Empfindung richtiger. Aber die Thespisjünger, die von demselben Geist wie Rabbi Lob und Rabbi Henoch beseelt waren, waren mit den letzten Vorbereitungen zur Aufführung beschäftigt. Sie beschlossen, in jedem Falle das Stück zu spielen, wenn das Rabbinatskolleginm auch dagegen protestieren sollte. „Heute ist Purim, und die Frauenrollen werden von jungen Herren gespielt, das verstößt nicht gegen das Gesetz," solche Resolution wurde gefaßt. Rabbi Lob hat keine Bedenken, die Aufführung unter diesen Umständen zu befürworten. Aber Rabbi Henochs ängstliche Natur glaubte, dieser Fall könnte Veranlassung dazu sein, daß der Theaterbesuch überhaupt erlaubt wäre. Lobs Beredsamkeit siegte, lind beide Männer gingen ins Theater. Sie hatten nicht weit zu gehen. Das in der Nähe gelegene Schulziuimer war zum Theatersaal umgewandelt. Im Hintergrund die primitive Bühne und im Vordergrund Stühle und Bänke für das Publikum. Und so saßen die beiden Männer vor den Brettern, die die Welt bedeuten, voller Erwartung der kommenden Dinge. Schweigsam blieben sic, obwohl das andere Publikum sich lebhaft unterhielt. Es war ihnen gar nicht so heiter zumute, ein zaghaftes Gefühl, als hätten sie eine Schaalcü) nicht einwandfrei gepaßkenth, hatte sich ihrer bemächtigt. Selbst Rabbi Löb, dessen wahrhaft kindliches Gemüt sich freute, wenn er heitere Menschen um sich sah, fühlte sich in dieser Umgebung, obwohl cs seine ihm wohlbekannten Gemeindemitglieder waren, nicht wohl. Für solchen Schtuß — und sei es auch am Purim — die Zeit mißbrauchen, galt ihm als kleiner Frevel. Endlich, das erste Klingelzeichen! Die lautgeführte Unterhaltung dämpfte sich zum Flüstern herab. Das zlveite Klingelzeichen! Der Vorhang ging diesmal nicht in die Höhe, sondern die beiden Hälften — es waren bunte Bettdecken dafür iinprovisiert - schoben sich zur Seite. Achaschweros und Charbona - - beide Phantastisch gekleidet - unterhalten sich auf offener Szene über den Vorteil, den die Vertreibung der Königin Vasti brachte, und der allzeit geschäftige Charbona rät dem König zu einem neuen Schidduch"). Wir erraten, daß sich diese Theatervorstellung um die Purimbegebenheit dreht. Der Dichter?) hat es verstanden, die Vorgänge am Hofe des persischen Königs so mit dem Leben der Inden in Fürth zu verschmelzen, daß von Szene zu Szene, von Akt zu Akt die Heiterkeit immer mehr wuchs und in wahre Lachsalven sich auslöste. Rabbi Löb kam aus dem Lachen gar nicht heraus, und sein Freund Henoch, um dessen Lippen sonst nur ein vornehmes Lächeln spielte, fiel ganz aus der Rolle und lachte, daß ihm die Freudentränen ails den Augen in seinen langen Bart rollten. Der zweite Akt begann. Charbona kommt eilig nach Hause und will zwei Dekrete schreiben. Seine zanklustige Gattin macht sich darüber luftig. In dem einen Dekret soll wohl verkündet werden, „daß die Weiber in Schul nicht schmusen sollen." Als ob die Männer das nicht auch gut zu üben wüßten. Das andere Dekret soll eine Aufforderung enthalten, daß alle Mädchen ins Schloß kommen sollten, damit der König sich aus ihnen eine Frau wählen könne. Hier hat der 1 ’i __ 'j Religiöse Anfrage. r‘j Entschieden. u) Heirat. ') Joseph Herz: Esther oder die belohnte Tugend. Dichter seinem Humor keine Schranken angelegt. Mutter Charbona glaubt ihre Tochter «ls Königin geeignet, wogegen der Vater starke Einwendungen erhebt. Sie könne keinen Haushalt führen, sei zu ungebildet für einen König und verbringe ihre ganze Zeit mit dem Lesen „unseliger Bücher." Die breite Auseinandersetzung zwischen Mann lind Frau ist so naturgetreu und lebenswahr, daß sie auch für unsere Zeit an Aktualität nichts eingebüßt hat. Jeder Satz ein Schlager, jedes Wort ein Witz. Den Höhepunkt der Handlung gibt die Szene wieder, in welcher ein Zuschauer den seltsamen Ritt, Mordechai auf dem Pferd und Haman zum Stallknecht degradiert, durch Susas Hauptstraßen schildert. Hier hat der Autor alles zusammengefügt, was der Midrasch Originelles davon erzählt und was einem geistsprüheuden Gehirn zu entspringen vermag. In ihren kühnsten Träumen hatten sich die beiden Männer, die die Darstellung besser als alle Zuhörer zu würdigen und zu verstehen wußten, einen solchen Verlauf eines Theaterstückes nicht denken können. Sie gingen nach Schluß der Vorstellung heim und unterhielten sich noch lange lachend über das Gehörte. Selbst die Kritik über die Mitwirkenden wurde von beiden Männern geübt, und sie fanden, daß jeder seine Rollen mancher mußte wegen Personalmangel mehrere übernehmen — vollkommen beherrschte. Rabbi Henoch ließ das ganze Theaterpersonal zri sich kommen, bewirtete sie mit Wein und Kuchen rmd eine lebhafte Unterhaltung war bald im Gange. Die jungen, lebensfrohen Menschen tvaren meist Handlungsgehilfen; sie wurden aber auch zum „Lernen" ungehalten. Kein Wunder, wenn sie in dieser Nacht ihre Thorakenntnisse in humoristischer Weise zur Geltring brachten. „Er zählt die Häupter seiner Lieben, und sieh, cs sind statt neun nur sieben," deklamierte plötzlich Benjamin, der geborene Dramatiker. „Wo bleiben denn Moschele und Chajim?" fragte er. „Die werden sich wohl ihr Scheloach monos8) einholen," meinte Löwenmaher, der mehr das Materielle als das Ideale schätzte. Man wurde doch unruhig, weil die beiden Komiker nicht da waren; sie wurden im ganzen Hause gesucht, man rief nach ihnen und arrch auf ihrem gemeinsamen Zimmer waren sie nicht zu finden. Salomon Budweiser, der Phlegmatiker, ließ sich nicht stören, sprach den dargereichten Früchten tapfer zu und meinte: „Am Ende sind sie gar in der Küche, um die schmackhaften Reste der Puriumsude sich anzueignen." „Doch kaum war ihm das Wort entfahren, Macht' er's im Busen gern bewahren" deklamierte Benjamin und schlich in die Küche, um auch einen Anteil von den Resten zu erwischen. Benjamin hatte an gewöhnlichen Tagen immer Hunger und am Purim glaubte er dazu noch mehr berechtigt zu sein. Kaum aber hatte er die Küche betreten, gab es einen fürchterlichen Krach und dann noch einen viel heftigeren. Kreidebleich lief er in die Stube zurück, war einer Ohnmacht nahe und konnte erst nach einigen Minuten die Worte mühsam hervorbringen: „In der Küche ist etwas los." Die ganze Gesellschaft begab sich dorthin, zündete ein Licht an und o Graus — Moschele und Chaim lagen ineinandergeschoben wie die Waggons eines entgleisten Bahnzuges. Teller und Tassen und Schüsseln lagen zertrümmert um sie her. Die beiden gaben keinen Laut von sich, nicht als ob sie beim Sturze die Sprache verloren hätten, sondern weil sie sich ihrer Ungeschicklichkeit schämten. 8> Purimspenden.