Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 117 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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117 Der unter den PferDehusen aussteigende Wirbelwind bog Gräser und Kräuter nieder. Staubwolken folgten wie ein Gewitter den Dahingaloppierenden. Die Bewaffneten blickten bald sich, bald Herodes an. Ein Schrecken erfaßte sie, ein Schrecken strömte von ihnen auf die Pferdeleiber aus, und Menschen und Tiere, von einem schrecklichen Angstgefühl beherrscht, rasten wie ein Stein von Hebron gegen Jerusalem. Endlich flimmerte im Mittagsscheine von weitem das erhabene, mit goldenen Pfeilen gespickte Dach des Tempels. Herodes stöhnte wie ein verwundetes Wild auf. Ein Schwarm gräßlicher Gedanken bemächtigte sich seiner wieder. „Aber warum soll mir und Marjamne der Tod beschieden sein?" „Wird sich denn der jüdische Thron dadurch befestigen?" „Und wer würde nach mir, dem größten der Könige dieses Landes, den Thron einnehmen?" „Alexander, der Sohn Dores, die ich von meiner Seite Vertrieb?" „Würde ich denn nicht Kleopatra das größte Gaudium bereiten, wenn ich mich und Marjamne mit dem Tode bestrafte?" „Wozu habe ich durchs ganze Leben die Hände in Blut getaucht, hunderte Siege davongetragen, neue Städte und Festungen aufgeführt, damit ein anderer sich an meiner Hinterlassenschaft ergötze?" Das Blut stieg ihm nach dem Kopse. „Ich soll der Macht entsagen?" „Wegen Marjamnes wonnigen Leibes meinem Leben durch Selbstmord ein Ende machen?" „Mich dem Hohngelächter der Juden auszusetzen?" „Kenne ich denn nicht mein Volk? Bin ich denn nicht von seinem Blut und Mark?" „Wieviel von ihnen werden mein Andenken verfluchen, wenn sie meinen Leichnam wittern werden, obwohl sie mir heute Freunde sind?" Finstere Gedanken bohrten sich in sein Hirn. „Soll ich Marjamne töten?" „Sie hat den Tod verdient!" „Sie hat Kleopatra beleidigt!" „Antonius und Kleopatra sind eins!" „Aus ihren Händen sind die Macht, der Thron, Reichtümer und der Name." „Marjamne hat den Tod verschuldet!" „Jede Wonne mit ihr war dir eine Folter!" „Erinnnerst du dich nicht?" „Sie weidete sich an deiner rasenden Liebe!" „Du hast ihren Großvater Hyrkan, ihren Bruder Aristobul getötet!" „Sie rächt sich deshalb an dir!" „Zertritt mit den Füßen die Wonne ihres Leibes! Die Zertretene wird nicht mehr die Stimme erheben, und sie wird dir nicht weiter weder Hyrkans, noch Aristobuls, noch den Tod hundert anderer vorwerfen!" „Wegen einer Maid, die deine Frau ist. Thron, Namen und Ruhm verlieren?" „Und was ist weiter dabei, daß Josef, der Mann deiner Schwester, ihren Schutz ergreifen wird! Bist du nicht der König, und hast du nicht die Macht?" „Hahaha, sollen sie beide zugrundegehen!" Herodes schmiegte das Haupt an den Hals des Rappen. Mit den Sporen peitschte er aus dem Rosse die letzten Kräfte. In die vertrocknete, brennende Kehle sog er die glühende, staubgeschwängerte Lust ein. „Rascher! Rascher! Ehe mein bester Gedanke davonflieht!" flüsterte er zu sich selbst halb wahnsinnig. Die Herodes-Brücke erdröhnte. Das schäumende Roß. von den Zügeln jäh zurückgerissen, bäumte sich hoch auf und stürzte tot zu Füßen der Schloßwache zusammen. Herodes, wie ein Wüstenstein von einer Staubschicht bedeckt, taumelte, blickte wie wirr um sich, bis er sich ermannte und aus der Kehle die fragenden Worte hervorstieß: „Ist Marjamne daheim?" Der Anführer der Parther erwiderte: „Die Königin ist im Bade!" Herodes fragte mit rasselnder Stimme: »Josef, mein Schwager, ist daheim?" „Daheim! Er singt ans der Schloßterrasse Lieder", lautete die Antwort. Der König ließ seine hervorquellenden Augen im Kreise schweifen und schrie: „Tötet die Königin!! Tötet ihren Buhlen Josef!! Ich warte hier auf die Leichname!!" Der Kommandant winkte den Söldnern und verschwand im Innern des Palastes. Lin Ourjmthkster. Von M. Schweitzer, Glogan. chon die alten Römer sagten: „Es ändern sich die Zeiten und wir mit ihnen". Ob diese Behauptung unbedingt wahr ist? Bei ruhigem Nachdenken müssen wir uns eingestehen, daß das Urmenschliche in uns es gar nicht so eilig hat, sich dem Tempo der Zeit anzuschließen. Wir bilden es uns vielmehr nur ein, unser Denken und Fühlen und Handeln aus die Geschwindigkeit der modernen Fortbewegung eingestellt zu haben. Humor und Freude spielen in unserem Dasein noch dieselbe Rolle wie vor altersgrauer Zeit. Man meint es nur, das; das Jagen und Hasten des Alltags, das Vollbringen staunenswerter Arbeitsleistungen ohne Seufzen, das Rennen von Genuß zu Genuß uns zu anderen Menschen gemacht hätten. Wenn aber erst die straffgespannte Saite der Pflicht am Bogen des Willens sich lockert, wenn er ausruht und Feste feiert, da kommt der ehrliche Trieb, lustig zu sein, zum Vorschein. „Am Tage der Freude sei fröhlich, am Tage des Kummers siehe zu, denn Gott habe damit einen seelischen Ausgleich in uns schaffen wollen", sagt schon Koheleth. Rabbi Löb pflegte neben ernsten talmudischen Studien auch die philosophischen und kannte nicht nur die jüdischen Philosophen Maimonides, Albo und Rabbi Bechai, sondern auch Kant und Fichte. Daher ist es gar nicht zu verwundern, daß jedes Gespräch mit ihm von philosophischen Reflerionen getränkt war. Die so geführte Betrachtung über den alten Römerspruch richtete er an seinen intimen Freund und Studiengenossen Rabbi Henoch. Rabbi Löb war Bezirksrabbiner und bildete schon einen Uebergang vom Rabbiner alten Schlags zrnn moderneren, dem auch die Hallen der Universität sich erschlossen hatten. Rabbi Henoch dagegen war im Hauptberuf Kaufmann, und die frühen Morgen- und späten Nachtstunden widmete er im Nebenberuf der talmudischen Wissenschaft. Er leistete unstreitig weit mehr auf diesem Gebiet als in seinem Hauptberuf. Die entlegenste Halacha') und die dunkelste Agadah konnte er leichter auffinden als wollene Strümpfe, Leinen und Kleiderstoffe im Warenlager. Die Purim-Sudoh war eingenommen, und der dabei reichlich genossene Wein sing schon mit Heiterkeitsausbrüchen zu wirken an, als die beiden Freunde in der Wohnung des Rabbi Löb sich trafen. Es war für diesen Abend etwas ') Gesetzlicher Teil. s) Erzählender Teil. “) Mahl.