Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 116 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch ’ttt diesen Klubs können wir diese Studien für soziale Wissenschaften machen. Hier, indem wir unsere Mutzezeit mit den anderen Arbeiterklassen verbringen, können wir unseren eigenen Maßstab berichtigen, indem wir ihn mit dem ihrigen vergleichen. Wir können den Hintertreppenroman aus unserer Hausbibliothek durch wirklich gute Bücher ersetzen, wir müssen aber auch oft unsere konventionellen Vorurteile an der Flamme des. Lebens reinigen, der diese Klassen so viel näher sind als wir. Alle Klassen haben die Verantwortlichkeit für ihre Mußezeit, das Maß der Verantwortung richtet sich natürlich nach der Größe der Begabung. Aber da wir doch für ihren guten Gebrauch oder Mißbrauch vor unser aller Vater, der jede Tat, ob gut oder böse, beurteilt, Rechenschaft oblegen müssen, so ist es wünschenswert, daß wir uns heute ernsthaft darin Prüfen, wie weit wir -unsere Begabung diesem höchsten Ziel weihen, wie weit durch unsere verschiedenen Tätigkeiten unser Leben verbunden mit der leidenden, sündhaften Menschheit, wie weit wir durch ernsthafte Betrachtung und durch Streben nach Aufrichtigkeit zur Verbrüderung der Menschheit beitragen, wie weit wir in unserem irdischen Tun uns von dem Glauben an das Ueberirdische beeinflussen lassen. Als Bekenner dieses Glaubens gestalten wir unser Leben schön und gesegnet durch bewußte Zusammenarbeit mit dem Gott der Liebe und der Freiheit." Aeopstras Munlch. Von Tadeusz Kouczinski. Uebersetzt von S. H o r o v i tz. (Schluß) 3ch und Antonius", fuhr sie mit Nachdruck fort, „sind in allein desselben Sinnes. Du weißt, König, daß der Anfang deiner Macht und deines Ansehens und die Existenz deines Thrones in Rom begannen und dort enden können. So denkt Antonius, und auch ich denke so." Herodes senkte das Haupt. „Königin, dein Wille", sagte er mit erstickter Stimme, „ist göttlich und ich beuge mich vor ihm, was immer mich treffen mag. Obwohl der Gedanke, daß Marjamne, indem sie ihr Bildnis an Antonius schickte, sich einer Unbill schuldig machte, obwohl dies nur einem unschuldigen Beweggrund, einer geradezu kindischen Ursache entsprang, ist dein Wille heilig, wie berechtigt dein Zorn ist. Ich komme dafür mit meinem Kopfe, meinem Throne und meinem Ansehen auf. Und so bin ich hergekommen, um mich selbst deinen göttlichen Händen zu überantworten und selbst mit meinem Leben Marjamnes Fehler zu büßen." Kleopatra hielt ihn lange unter dem raubgierigen Feuer ihres Blickes, sich an seiner Demütigung und Pein weidend. „König Herodes!" ließ sie sich endlich mit einer Stimme vernehmen, in welchem ein Zischen des Triumphes laut tönte, „du bist klug und scharfsinnig. Das habe ich dir schon einmal bei Beginn unserer Unterhaltung gesagt. Wähne aber nicht, daß Klugheit und Scharfsinn nur die Merkmale deines Charakters sind." Herodes verbeugte sich tief. „Ich möchte ebenso scharfsinnig sein," fuhr sie fort, „damit du sagen könntest, daß ich deine Seele kenne und in ihr wie in einem offenen Buche lese. Ich weiß, daß du Marjamne liebst, denn nicht nur du hast es mir gesagt, sondern davon spricht ganz Judäa, Aegypten und die römischen Legionen. Du liebst sie bis zur Raserei. Und dafür schätze ich dich hoch." „Königin?" „Wenn du sie nicht so sehr liebtest, wärst du nicht mehr unter den Lebenden, und meine Leute würden Marjamnes Leib von Jerusalem zu den Stufen meines Thrones schleifen. Da es sich aber anders verhält . . ." Sie hielt inne, ihre funkelnden Augen in ihn bohrend. Und wiederum huschte ein raubgieriges Lächeln aus ihre Lippen. „Da es sich aber anders verhält," schloß sie, „da Marjamne die größte Leidenschaft deines Lebens ist, wirst du, König Herodes, meinen Wunsch wohl erraten müssen und im Sinne meines Gedankens handeln . . ." Der König richtete sich empor. „Womit also, Königin?" fragte er im Flüsterton. „Was glaubst du, was könnte ich wünschen," fragte sie ihn mit herausfordernder Stimme. Herodes runzelte die Augenbrauen, und als er ihre Gedanken durchdrungen hatte, ließ er sich mit finsterer, röchelnder Stimme vernehmen: „Dein Wille ist göttlich . . ." „Du hast meinen Wunsch erraten! Es scheint mir so." Der König zauderte, und schließlich stieß er aus zusammengeschnürter Kehle hervor: „Ich weiß. Marjamne soll umgebracht werden." „Auf wessen Befehl?" Im Gemach trat ein kurzes, verzweifeltes Schweigen ein. „Auf meinen!" stöhnte Herodes bald darauf. Kleopatra erhob sich von ihrem Thron. „So wird es deshalb geschehen," sagte sie, „weil du sie bis zur Raserei liebst." „Und wenn das geschieht," fügte sie nach einer Weile hinzu, „werden Antonius und ich denken, du seiest des jüdischen Thrones würdig, da du solch eine Gerechtigkeit auszuüben vermagst . . . Rom wird denselben Gedanken hegen wie wir ..." Mit geweiteten Pupillen weidete sie sich an seiner Verzweiflung. Ihre Nasenflügel schnappten nach Luft. Auf den Lippen ließ sich eine geheimnisvolle, lächelnde Sphinx nieder. Schließlich verließ sie leicht und leise wie eine Vision das Zimmer. Herodes stand lange unbeweglich im Schmerz erstarrt. Alles schien ihm ein Traum und abwechselnd eine Wirklichkeit zu sein, aus welcher der Tod die einzige Erlösung war. Der Thron, die nackten Sklaven, die brennenden Fackeln, die roten Schwerter — alles führte langsam um seinen Kopf einen Reigen aus. Schließlich preßte er seine Schläfen mit übermenschlicher Kraft, schrie furchtbar auf und stürzte wie ein Wahnsinniger aus dem Palast. Er wechselte fortwährend die Pferde. Menschen und Tiere stürzten vor Ermüdung zusammen. Und er, als sähe und hörte er nichts, sauste dahin, die entzündeten Augen in den Weg, der seiner noch harrte, bohrend. Der Schlaf floh ihn. Fieber zehrte an seinen Lippen. „Tod uns beiden," flüsterte er in einem fort zu sich selbst. „Ohne Marjamne vermag ich nicht zu leben. Mit ihr zu leben ist mir nicht gestattet. Die römische Potentie, regiert den jüdischen Thron und das jüdische Leben." Vor Wut biß er sich die Lippen blutig. „Kleopatra", heulten in ihm Stimmen, „möge ein gleiches Schicksal dich einst treffen! Möge aus dem römischen Volke ein Mann hervorgehen, der dir ein mir ähnliches Schicksal bereitet!" Er trieb mit den Sporen den Rappen an. „Rascher! Rascher!" schrie er mit rasender Stimme aus die Abteilung der Reisigen, die ihm von der Grenze des judäischen Bodens das Geleit gab. „Solche Reiter wie ihr, soll man ans Kreuz schlagen, eine Schnecke würde euch entkommen."