Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-06 · Heft 10 (6.3.1914) · p. Seite 115

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229134--70220-3282554
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

die Form, in der sich dieser Rückzug nun vollzieht, sogar noch stärker. Herr Dr. Nathan mnß sein Amt im geschästssührenden Ausschuß des Kuratoriums niederlegen; aber er braucht es nicht gleich zu tun, sondern erst, wenn jede Deutung eines persönlichen Mißerfolges dabei ausgeschlossen erscheint. Die „Welt" fordert den Rücktritt der Herren Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan; die Zionisten kommen von dieser Forderung schließlich ab. Herr Dr. James Simon bleibt aus alle Fälle; Herr Dr. Paul Nathan bleibt, um den Schein zu wahren, so lange, bis jede Mißdeutung bei seinem Amtsausscheiden vermieden wird. Das war der dritte Rückzug. In den früheren Darlegungen habe ich daraus verweisen können, von welchen schweren und schwersten Schäden der im Gefolge des Sprachenkonflikts entstandene Bruderkampf für die Juden, vor allem aber auch für die Zionisten begleitet war. Nun haben wir gesehen, wie gering die Lorbeeren sind, die der Zionismus selbst auf dem eigentlichen „Schlachtfelde" zu pflücken vermocht hat. Denn wenn wir sogar zugeben, daß ihm einige Erfolge beschieden waren, immer bleiben sie doch ganz minimaler Natur, um deretwillen, einen solchen Kampf nicht verlohnt haben konnte, einen solchen Kampf zu führen. Der erfochtene Sieg ist des hohen Einsatzes kaum wert und vermag den großen Aufwand an Kraft, der zu seiner Erringung erforderlich war, in keiner Weise wettzumachen. Es kommt vor allem hinzu, daß die erlangten Konzessionen sich ebensogut auf friedlichem Wege, wenn auch vielleicht in zähem Ringen, hätten erzielen lassen können, so daß der ganze Kampf sich notwendig als unnütze Energievergeudung und damit als schwere Versündigung am Volksorganismus darstellt. Nunmehr aber die Streitaxt begraben und der Friede wieder da ist, freuen wir uns dessen. Feiern wir diese Tatsache als einen Sieg der Vernunft über die Leidenschaft, als einen Sieg des guten Willens und der Lisbe zum Volksganzen über irregeführte Jnstinktpolitik und Parteientartung. Freuen wir uns dieses Ausganges aber auch um des Zionismus, um der guten Seite des Zionismus willen. Mögen die Zionisten anfhören, für sich die Verkörperung des Gesamtjudentums zu beanspruchen, und wir wollen sie gern als wertvollen, sogar als besonders wertvollen Teil des jüdischen Volkes betrachten. Und dann wollen wir — in stiller Arbeit — Zusammenwirken! Wh llily h. Montag». Eingoleitet und übersetzt von Martha S t e i n i tz. (Schluß.) 3n diesem Falle predige ich mir selbst mehr als Ihnen, aber ich bin mehr und mehr davon überzeugt, daß, wenn unsere soziale Arbeit einen wirklichen Nutzen haben soll, wir täglich eine gewisse Zeit dem Studium der großen Fragen, die dahinter liegen, widmen müssen, die man nicht durch Zeitunglesen ergründen kann. Auch unsere Unterhaltungslektüre im allgemeinen wird das nicht vermögen. Wir müssen uns von den billigen Flachheiten befreien, die keine Achtung vor der Menschennatur kennen, jene Achtung, welche die Basis der modernen Moral ist, sondern wir müssen sie durch Tatsachen ersetzen. Wir müssen uns daran erinnern, wir, die wir Zeit und Freiheit haben, daß auch andere ihre Freiheit als höchstes Gut schätzen, und so müssen wir also hinfällige Theorien vermeiden, die uns oberflächlich einleuchten und unser Verantwortungsgefühl beruhigen. Zum Beispiel mag der Gedanke für uns sehr angenehm sein, daß A oder B, der in irgendeinem elenden Großstadtviertel verhungert, auswandern könnte, wenn er sich losreißen würde, oder daß C oder D, die seit Monaten außer Arbeit sind, eine Dienststelle finden würde, die nicht zu selten sind. Wir müssen eine tiefere, vielleicht weniger erquickliche Wahrheit aufspüren, bevor wir entdecken, warum das Fabrikmädchen kein gutes Dienstmädchen fein kann, und warum Auswanderung manchmal kein wünschenswerter Ausweg für Elend ist. Es gibt absolut keinen Grund dafür, warum die sozial arbeitende Frau jemals altern sollte, denn ihr Blick ist immer in eine bessere Zukunft gerichtet, und diese Hoffnungsfreudigkeit ist das Charakteristikum ewiger Jugend. Absr wir finden doch hie und da, daß sie zur Schlaffheit und Schablvnemnäßigkeit neigt, und ich behaupte, daß das einzige Mittel dagegen sorgfältiges und geduldiges Studium ist. Ich kann mein Thema: „Die Pflichten derer, die nichts zu tun haben", noch von einem Standpunkte aus betrachten, auf den ich Sie nur ganz gelegentlich vor Schluß meines Vortrages aufmerksam machen möchte. Wir müffen uns daran erinnern, daß die Arbeiterinnen nach Arbeitsschluß sich mit solcher Inbrunst den Freuden der Freiheit hingeben, daß manche von uns dazu neigen, sie zu beneiden. Wenn wir einmal draußen vor einer Fabrik stehen und beobachten können, mit welcher Heiterkeit die Schlußglocke begrüßt wird, dann dämmert uns etwas von der Wucht der Reaktion, die auf Leib und Seele einwirkt. Heutzutage wird gerade der Anspruch auf mehr freie Zeit mit größter Sympathie vernommen, aber es ist an uns, de« sozial arbeitenden Frauen, sich darum zu kümmern, daß diese Mußezeit zu dauerndem Vorteil der Arbeiterinnen verwendet wird. Die Gesetzgebung muß bald füv noch mehr Mußezeit sorgen, wir ahnen schon diese Engelsbotschaft. In allen Lebenslagen liegt die Sehnsucht nach einer reichhaltigeren Existenz, die in der uns so wohlbekannten Unrast zum Ausdruck kommt. Jeder normale Mensch wünscht die GKegenheit zur Entwicklung seiner Persönlichkeit. „Laß mein Volk frei gehen, damit es mir diene", so erging Gottes Gebot an Moses, und als es erfüllt wurde, fügte sich eine Nation freiwillig dem Dienste des Höchsten. Wir wollen allen Gesellschaftsklassen unsere Begeisterung für soziale Arbeit, für die Freuden der Gesellschaft, des Landlebens, für den Einfluß der Kunst, den Genuß des Lesens übermitteln, und dies wird uns nur gelingen, wenn wir unsere größere Freiheit mit denen teilen, bei denen ein ebenso lebhaftes Schätzungsvermögen latent ist, und denen es nur an Gelegenheit fehlt, es zu entwickeln. Ich kannte Einrichtungen, in denen Arbeitern solche Gelege»heiten unter den günstigsten Einflüßen geboten wurde«, aber diese Einrichtungen hatten mit der schärfsten Opposition zu kämpfen. Gerade die Leute, deren Töchter den Tanz und die gemeinsame Arbeit mit Männern lieben, sagten uns, daß es gefährlich wäre, junge Leute beiderlei Geschlechts zusammenzubringen. Wir wurden sogar früher gelegentlich gefragt, wieso wir Geld für solche Zwecke brauchten, wo es doch in unserer Mitte so viele hungernde Menschen gebe, und wir haben natürlich beharrlich geantwortet, daß der Hunger nach Brot nicht der einzige ist, der in dem Zeitalter der Zivilisation gefürchtet werden muß, und daß schließlich diese Institutionen ihre Eristenzberechtigung erwiesen haben. Aber das, was wir heute in unseren Großstadtstraßen sehen und hören können, und die Sehnsucht nach Aufregung selbst in unseren Dörfern beweisen schon, daß der Mangel an wirklicher Erholung, solcher Erholung, die dem Laster vorbeugt, noch lange nicht gehoben ist. Unsere jungen Männer und Mädchen, die den ganzen Tag körperlich arbeiten, brauchen für den Abend eine sichere geistige Führung, und unsere Fortbildungsschulen stillen diese Sehnsucht nur ungenügend. Selbst in unseren Klubs vergessen die Herrschsüchtigen unter uns oft, daß es ein Teil unserer Pflicht ist, die Freuden des Dienens mit denen zu teilen, denen wir Freunde sein wollen. In jeder Vereinigung junger Leute muß es gegenseitige Hilfe geben, und gerade, indem wir ihnen Gelegenheit zur Selbstorganisation bieten, wird e? uns ermöglicht, wirlliche Staatsbürger zu schaffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.