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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-06 · Heft 10 (6.3.1914) · p. Seite 114

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
Seite 114 (sequence 6)
Language
German
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Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan ihren ursprünglichen Rücktrittsplan aufgaben und die endgültige Entscheidung darüber sich bis zur nächsten Kuratoriumssitzung vorbehielten. So waren die Bedingungen, so war, ich möchte sagen, das geistige Milieu beschaffen, als das Kuratorium am 22. Februar zu einer neuen Sitzung zusammentrat. Wahrlich, kein besonders günstiger Boden für die Radikalen im zionistischen Lager, kein Boden, aus dem ihre weittragenden Wünsche allzu üppig hätten gedeihen können. Und dann war man des Kampfes müde, man war sich der schweren Schäden, die er zugefügt hat, bewußt geworden; sich bewußt vor allem geworden, daß er, wenn er anhält, „fortzeugend immer Böses muß gebären." Damit waren die Voraussetzungen zur Herbeiführung des Friedens gegeben: es bestand der Wille, es bestand die Einsicht, sich auf ein Kompromiß zu einigen. Als Unterlage für die Verhandlungen dienten die Vorschläge der Amerikaner. Auch da war es nicht möglich, hinsichtlich der Mittelschule zu einer Verständigung zu gelangen. Um nicht das ganze Werk zu gefährden, wurde beschlossen, diesen Hauptstreitpunkt zu beseitigen und von dem Plane, dem Tcchnikuin eine Realschule vorzugliedern, einstweilen überhaupt Abstand zu nehmen. Man darf ja hoffen, daß früher oder später sich doch ein Allsweg in der strittigen Frage ausfindig machen lassen werde. Ist dies trotzdem nicht der Fall, dann wird man eben im Momente, wo das Vorhandensein einer Mittelschule sich als unerläßlich erweisen sollte, sich sowohl zionistischerseits wie seitens des Hilfsvereins zur Errichtung eigener Anstalten entschließen müssen. Für das Technikum selbst waren größere Differenzen von vornherein nicht vorhanden, da nach Lage der Verhältnisse in der ersten Zeit für die eigentlichen technischen Fächer eine andere als die deutsche Sprache nicht in Frage kommen konnte. Unter Zugrundelegung der amerikanischen Vorschläge wurde dabei der Beschluß gefaßt, daß im Technikum gleich von Anfang an Mathematik und Physik in hebräischer Sprache unterrichtet werden sollten. In neu abzuschließenden Verträgen mit Lehrern wird ein Passus ausgenommen, laut dem sie sich verpflichten, vier Jahre nach ihrer Anstellung das Hebräische zu beherrschen. Nach Ablauf des ersten vierjährigen Kursus am Technikum wird das Kuratorium in Beratung treten, welche Gegenstände nach der derzeitigen Entwicklung der hebräischen Sprache und der hebräischen Unterrichtsmittel der hebräischen Sprache tiberwiesen werden können. An Stelle der drei ausgeschiedenen Mitglieder wurden drei andere Zionisten ins Kuratorium kooptiert. Und nun, nachdem der Friede wieder da ist, darf mit vollem Fug die Frage aufgeworfen werden: war denn überhaupt der ganze Kampf vonnöten, und hat er, wenn man das Fazit zieht, einen irgendwie nennenswerton Erfolg auch wirklich zutage gefördert? Es gibt absolute Siege, wie es absolute Niederlagen gibt. Nicht immer jedoch treten die Ereignisse so augenfällig in die Erscheinung; in häufigen Fällen ist man vielmehr genötigt, von Siegen beziehungsweise Niederlagen nur noch in relativem Sinne zu sprechen, je nach dem Verhältnis, in welchem sich das Erreichte zum Erstrebten befindet. Nun suchte man der Welt glauben zu machen, die Zionisten hätten von Anfang an durchaus minimale Forderungen gestellt, und agitierend ging man mit der Behauptung hausieren, sie wären bereit gewesen, sich mit dem Antrag Philippson zufrieden zu geben. Dem stand allerdings eine Bemerkung Paul Nathans gegenüber; daß er um des lieben Friedens willen den Philippsonschen Antrag in etwas modifizierter Form zuletzt wieder ausgenommen, aber damit keinen Erfolg zu erzielen vermocht hatte. Ich selbst wußte mir diesen Widerspruch nicht anders zu erklären, als daß ich das Vorliegen emes Mißverständnisses annehmen zu müssen glaubte. Von dieser Illusion sind wir jetzt gründlich kuriert. Denn kein Geringerer als Herr Profesior Philippson, der Antragsteller selbst, also der eigentliche Kronzeuge in der Sache, widerspricht der geflissentlich verbreiteten Ansicht, als wäre sein Antrag von den zionistischen Kuratoriumsmitgliedern angenommen worden. In einer Zuschrift an die „Frankfurter Zeitung" bemerkt er berichtigend: „In der entscheidenden Sitzung des Kuratoriums für das Technikum in Haifa haben ich und Herr Schiff, Frankfurt, beantragt, sämtliche Unterrichtfächer an der Realschule w i e a u ch am Technikum hebräisch vorzutragen, mit Ausnahme der eigentlich technischen und naturwissenschaftlichen, für die cs momentan weder geeignete hebräische Lehrkräfte noch Lehrbücher oder Zeitschriften oder überhaupt wissenschaftliche Literatur gibt. Auch dieser Antrag, der in der Realschule wie in manchen Abteilungen des Technikums die Mehrzahl der Unterrichtsstunden der hebräischen Sprache zugewiesen hätte, wurde von den zionistischen Mitgliedern des Kuratoriums verworfen und blieb so in der Minderheit. Aus dieser Tatsache kann man auf die angebliche Mäßigung und Friedfertigkeit der Zionisten einen konkludenten Schluß ziehen!" Alles oder nichts war also damals noch die Losung. Und nun vergleiche man, womit sich die Zionisten jetzt zufrieden gegeben haben. Mathematik und Physik hebräisch, sämtliche anderen Fächer deutsch; wirklich mäßig und friedfertig, wie es bei Herrn Professor Philippson heißt. Das war der e r st e Rückzug. Das eigentliche Streitobjekt ist ja die Mittelschule, mW dieses besteht nach wie vor. Man hat indessen, bis sich Rat finden wird, die Angelegenheit einfach von der Tagesordnung abgesetzt. Das hätte auch schon am 26. Oktober geschehen können. Damals hätte, als die Wellen der Erregung zu hoch zu gehen anfingen, der Wortführer der Zionisten, Herr Dr. Schmarja Levin, ungefähr folgendes ausführen müssen: Ich sehe, meine Herren, wir kommen heute nicht vom Fleck. Die Stimmung ist zu erregt, als daß man ruhig verhandeln könnte. Im Zustand des Affekts vermag man weder zu überzeugen, noch sich überzeugen zu lassen. Andererseits sind wir von der Minorität nicht gewillt, sind auch nicht in der Lage, unseren Standpunkt ohne weiteres aufzugeben. Verschieben wir daher die Debatte über diesen Prinkt auf eine passendere Zeit. Das hätte gewirkt, das hätte Eindruck gemacht und hätte zu weiteren Verhandlungen die Möglichkeit geboten. Biegen oder brechen lautete aber damals die Parole. Jetzt hingegen hat man die strittige Frage zunächst vertagt, „um nicht das ganze Werk zu gefährden." Und sollte man selbst noch dazu kommen. Parallelschulen zu errichten, so wird das in idealer Konkurrenz, nicht zum Zwecke eines Vernichtungskampfes geschehen. Das war der zweite Rückzug. Und genau so gestalteten sich die Verhältnisse auch bezüglich der Personalfrage: die Herren Ginzberg, Dr. Levin und Dr. Tschlenow sind in das Kuratorium nicht wieder eingetreten; die Herren Dr. James Simon und Dr. Paul Nathan haben ihre Aemter nicht niedergelegt. Nun wurde mir freilich erzählt, die Zionisten hätten den Austritt Paul Nathans aus dem Kuratorium zur unerläßlichen Bedingung für ihre fernere Mitarbeit gemacht. Ich weiß nicht, wie weit dies den Tatsachen entspricht; noch viel weniger natürlich, wenn es auf Wahrheit beruht, wie die Stellung Nathans zu dieser Forderung war. Herr Dr. Nathan ist seit Jahren krank, und die Ereignisse der letzten Zeit, die eine Herzenssache von ihm betrafen, haben zur Hebung seiner Gesundheit gewiß nicht beigetragen. Es ist daher sehr wohl möglich, daß er aus diesem Grunde schon sich früher oder später veranlaßt sehen wird, seine Tätigkeit im Kuratorium des Technikums aufzugeben, zumal der Hilfsverein ohnehin seine beste Arbeitskraft absorbiert. Aber selbst wenn sein Rücktritt durch einen Druck von außen erfolgen sollte, wäre der Schlag für die Linkszionisten nicht weniger stark, ja durch

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