Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1914)
- Date
- 1914-03-06
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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113 die nicht eine Wirkung der Furcht, sondern die Frucht aufrichtiger, beglückender Liebe ist. Möge der Lebensabend des allverchrten Mannes ein glücklicher und gesegneter sein. L. G. Sieg Äer Vernunft. Ein Epilog zum Sprachenkonflikt in Palästina. Von Dr. Alphons Z. Sußnitzki. er Journalist macht nicht Geschichte; denn nicht in den Spalten der Zeitung ist es, wo die entscheidenden Kämpfe des Lebens zum Austrag gebracht werden. Aber bisweilen ist er imstande, Geschichte zu schreiben, wenn er es versteht, die Stimmung der Massen zu erlauschen und die unterirdisch wirkenden Strömungen zu erhorchen. Ich bilde mir nicht ein, mit meinen Darlegungen über den Sprachenkampf auf den Gang der Ereignisse unmittelbar eingewirkt zu haben, aber ich habe mit meinen Ausführungen die Auffassung der breiten Schichten zum Ausdruck gebracht und ihrem Empfinden im Konflikt zwischen Zionisten und Hilfsverein eine angemessene Resonanz gegeben. Ehe noch meine Vorschläge zur Schlichtung des Streites die Druckerpresse verließen, ertönte bereits eine Mahnung zur Versöhnung aus einer der gewichtigsten und maßgebendsten Stellen der deutschen Jndenheit. Sie kam von der Großloge des B ne-Berith-Ordens, dem Orden, der vielleicht als einzige Organisation die verschiedensten Parteiungen und Richtungen im Judentum auf eine gemeinsame Basis zu einigen verstanden und durch drei Jahrzehnte hindurch sich als eine wahre Friedensorganisation innerhalb der jüdischen Welt erprobt hat. Diese Mahnung und Warnung war gezeichnet vom Großlogenpräsidenten Geheimen Justizrat Timendorfer und ganz getragen von seinem allversöhnenden, in den Dienst der Gesamtjndenheit schrankenlos gestellten Geiste. Auch in Amerika leitete man Schritte ein, die auf eine Beilegung des unglückseligen Kampfes abzielten. Am 15. Februar traten die amerikanischen Kuratoren in Rew'Hork zu einer Sitzung zusammen und nahmen ihre in der Sprachenfrage schon früher einmal gefaßte Resolution von neuem an. Danach solle im Technikum Hebräisch vorherrschend sein, für die nächsten sieben Jahre indessen die Entscheidung in den Fragen der Unterrichtssprache dem freien Ermessen des Kuratoriums überlassen bleiben. Nachdem aber der Kampf persönliche Formen angenommen hatte, die ein ferneres Zusammenarbeiten unmöglich machten, andererseits wiederum es als unerläßlich, nicht nur für das Institut, sondern für das Judentum allenthalben angesehen werden mußte, daß der Friede schlennigst wieder hergestellt werde, beschlossen die Amerikaner „an Ginzberg, Levin und Tschlenow, im Vertrauen auf ihren Ergebenheitssinn für das jüdische Volk und die Sache, die uns alle«, teuer ist, zu appellieren, sich mit ihren Freunden zu vereinigen und drei annehmbare Herren namhaft zu machen, welche die durch ihren Rücktritt entstandenen Vakanzen ansfüllen sollen und außerdem noch das Kuratorium zu ersuchen, die so in Vorschlag gebrachten Kandidaten als Mitglieder zu wählen". Diese Resolution wurde von den amerikanischen Kuratoren einstimmig angenommen. Es war eine etwas gar bittere Pille, die da den Radikalen im Zionismus zu schlucken gegeben wurde. Und nur wohl, um sie einigermaßen zu versüßen, brachten die Amerikaner in der Resolution „ihr tiefes Bedauern über die Vorgänge in Palästina sowie die kürzlich in Deutschland gegen die Zionisten veröffentlichten Proklamationen" zum Ausdruck. In der Tat zeigt sich auch die „Welt" in ihrem Kommentar zu dem amerikanischen Beschlüsse recht ungehalten. „Das Verlangen der Amerikaner", bemerkt das Zentralorgan der Zionisten, „daß wir an Stelle der ausgetretenen zionistischen Mitglieder andere zionistische Kandidaten nominieren, wäre uns nur dann begreiflich, wenn die Amerikaner gleichzeitig auf dem Rücktritt der Herren Nathan und Simon, der Führer der Gegenpartei, bestehen. Das Ansinnen aber, daß nur die eine Gruppe der Zionisten sich nach Ersatzleuten für das Kuratorium nmsehen soll, ist um so verwunderlicher, als die Amerikaner nach wie vor sich materiell auf unseren Standpunkt stellen und die Beschlüsse der Sitzung vom 26. Oktober verwerfen." Man wird diese Auslassung in der ganzen Tiefe ihrer Entrüstung freilich nur verstehen, wenn man sich vor Augen hält, welche große Hoffnungen mit ihr zugleich zu Grabe getragen worden sind. Als vor einigen Wochen plötzlich Gerüchte austauchten, die Herren James Simon und Paul Nathan hätten ihre Aemter im geschästsführenden Ausschuß des Kuratoriums niedergelegt, triumphierten die Hebraisten Levinscher Observanz und suchten die ungeheure — wie sie meinten, schier unabsehbare — Tragweite dieses Erfolges in den leuchtendsten Farben a»s- ,zumalen. In einem „Der Rückzug" überschriebenen Leitartikel der „Welt" vom 6. Februar heißt es: „Durch den Austritt dieser beiden Herren ist für uns eine neue Situation geschaffen. Der Schwerpunkt des Kuratoriums wird in Zukunft in Amerika, nicht mehr in Deutschland liegen, und wir sind überzeugt, daß die amerikanischen und russischen Kuratoriumsmitglieder bestrebt sein werden, das Technikum zu einem rein hebräischen Institut auszugestalten, und wir so die Möglichkeit erhalten, unsererseits wiederum mit allen Kräften an dem großen Werke mitzuarbeiten. Der Anstritt der beiden Herren zeigt uns, wie richtig wir bisher die Situation beurteilt haben." Seinen Gefühlen so unverblümten Ausdruck zu verleihen, war politisch gewiß nicht sehr klug: denn es könnte ja am Ende doch anders kommen, wie es auch wirklich anders gekommen ist. Den hochgespannten Erwartungen entspricht nun eine grimme Enttäuschung. Und wir haben da gewissermaßen die Situation des Lohgerbers vor uns, der verdutzt seine Felle fortschwimmen sieht. Die Sache gewinnt aber noch an Pikanterie, wenn manstchvergegenwärtigt, wie es zu diesem Beschlüsse der Amerikaner überhaupt gekoinmen ist. In der bereits mehrfach erwähnten ersten Resolution der amerikanischen Kuratoren wurde den Knratvrialmitgliedern nahegelegt, die Herren Ginzberg, Levin und Tschlenow zu ersuchen, dem Kuratorium wieder beizutreten (1t was rccominended that Messrs. Ginzberg, Levin, Tschlenow be requested to re-entertheKuratoriurn).2>ai'auf[)in kündigten die Herren James Simon und Paul Nathan tatsächlich ihren Austritt aus dem Kuratorium an, u n d z w a r lediglich im Hinblick ans diesen v o n i h n e n für .unannehmbar erachteten Wunsch der Amerika n e r. In dürren Worten hat dies Herr Tr. James Simon zum Ausdruck gebracht. „Die in der Sitzung der amerikanischen Kuratoren am 18. Januar gefaßten Beschlüsse", schreibt er, „erschienen Dr. Nathan und mir nicht annehmbar; i n s - besondere waren w i r n i ch t g e n e i g t, d e m Ersuch e n , mit den a u s g e s ch i e d e n e n z i o n i st i s ch e n K nratoren Dr. S ch m a r j a Levin und Dr. Tschlenv w a u f s n e n e in Verhandlnng zu t r e t e n, z u entsprechen. Wir hielten dies unvereinbar in i t u n s e r e r W ü r d e n n d S e l b stacht u n g und gaben unserer Ansicht Ansdruck, daß unter solchen Umständen unser Rücktritt geboten sein würde." Herr Dr. James Simon teilt dann weiter mit, wie sich hierauf Herr Jacob H. Schiff ins Mittel legte, ihn sowohl als Dr. Nathan von ihrem Vorhaben abzubringen suchte und in jeder Weise die Meinung vertrat, daß ein Weg zur Verständigung gefunden werden müßte. Diesem Umstande war es denn auch zu verdanken, daß die Herren