Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-03-06 · Heft 10 (6.3.1914) · p. Seite 112

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 10 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229134--70217-3282551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

112 plant die Vereinigung die Einberufung eines neuen außerordentlichen Kongresses der eingeborenen Juden. In allen Kreisen, die mit den politischen Verhältnissen und Stimlnungen des Landes vertraut sind, hält man alle diese Aktionen für völlig aussichtslos. * Autz Kiew wird uns» geschrieben: In der F a st o w e r Affäre ist eine Wendung eingetreten. Derbes Nitualmords verdächtige und verhaftete Ephraim P a s ch k o w und sein Geselle Gutharz sind, wie bereits mitgeteilt, gegen Stellung einer größeren Kaution sreigelassen worden. Offenbar hat der Justizminister Stscheglowitow während seines Kiewer Aufenthaltes, als er die ganze Materie näher kennen lernte, eingesehen, daß er durch den zweiten Ritualmordprozeß sich noch mehr als durch den Fall Beilis blamieren dürfte. Die Kiewer Justizbehörden fnnben allerdings nicht den Mut, ihren Irrtum einzugestehen und die Sache ohne weitere Klauseln fallen zu lassen. Pnschkow und Gutharz mußten also noch eine Kaution stellen. Daß die Anklagebehörden sich damit lächerlich machen, ist klar. Wenn der Verdacht des Ritualmordes auch noch einen Schatten der Berechtigung hätte, wie Hütte man dann solch fürchterlichen Verbrechern die Freiheit gewähren können? Jedermann glaubt indes, daß es nie zu einem Ritualmordprozetz wegen des Fastower Falls kommen wird. Befremden aber muß es, daß die Leiche des ermordeten jüdischen Knaben nach der gerichtlichen Obduktion auf dem christlichen Kirchhof iit Kiew deigeseßt wurde. * Bon einem Freunde unseres Blattes wird uns eine Nummer der „New Uork Times" zur Verfügung gestellt. Einem Artikel über jüdischen Religionsunterricht entnehmen wir folgendes: Es gibt in'New?)ork 29 Sonntagsschulen mit 5669 Schülern und 217 Lehrern, 42 Synagogenschulen mit 4131 Schülern und 130 Lehrern, 17 „Institutional Thora schools“ mit 6952 Schülern und 140 Lehrern, 24 Talmudschulen mit 10 710 Schülern Julius und 163 Lehrern, 468 Eheders mit8,Vorsitzender^des^Lvrs1andes der 13952 Schülern und 653 Lehrern; im ganzen also 580 Schulen mit 41404 Schülern und Lehrern. Die Bezahlung der Lehrer ist dürftig. Die Zahl von 41 404 Schülern ist bei den 200 000 schulpflichtigen jüdischen Kindern gering. Das „Erziehungsbureau", das diese Angelegenheit untersuchte, fand die Zustände teilweise recht betrübend und beklagte besonders den Mangel an der Erziehung der Mädchen. Es sollen neue Gebäude errichtet, die Gehälter verbessert, die Mädchen in größerer Anzahl herangezogen werden. Der Leiter des Bureaus ist Dr. Samson. Benderly, der aus Palästina stammt. Hülms Isroby feiert am 10. März seinen 90. Geburtstag. Ein seltenes Ereignis, um so seltener, da der Gefeierte bis in die letzten Zeiten seines arbeitsreichen Lebens sich einer ungewöhnlichen Frische erfreut. Wir haben schon einmal im Jahrgang 1912, Seite 604, das Bild des vortrefflichen Mannes vorgeführt, eine Photographie, in der dargestellt war, wie Jacobs als Vorsitzender i des Gemeindevorstandes den Kaiser beim Eintritt in die Syna- | goge Fasanenstraße begrüßt; wir sind heute in der Lage, eine! Wiedergabe des Bildes zu liefern, dessen Original (von; Vogel) in dein Repräsentantensaal der Jüdischen Gemeinde zu! Berlin hängt. j Julius Jacoby war von 1869 bis 1878 Repräsentanten-! stellvertreter; während der Jahre 1873 und 1874 und von ' 1876 bis 1878 war er als Repräsentant einberufen. Mitglied! des Gemeindevorstandes ist er seit Januar 1879, Vorsitzender i seit 1901. Als Vorstandsmitglied war er in erster Reihe i Finanzminister der Gemeinde; außerdem leitete er die Ritual-! kommissionen (Qnellbad- und Koscherfleischkommission). Das Koschersleischwesen hat er zurzeit neu, und zwar meisterhaft organisiert; er, als entschiedener Liberaler, war hieraus immer besonders stolz. Seit er Vorsitzender der Gemeinde war, hat er allen Angelegenheiten der Gemeinde sein Interesse in gleicher Weise gewidmet. Er war niemals ein bloßer Verwaltungsmensch, sondern besaß Verständnis genug, nur auch geistige Angelegenheiten voll zu bewerten und verstand es meisterhaft, trotz aller Entschiedenheit seiner Gesinnung und der Lebhaftigkeit seines Temperaments hervortretende Gegensätze in humaner Weise auszugleichen. In den Kommissionen, in denen ich tätig war (Schulvorstand und Bibliothekskommission) habe ich allerdings Herrn Jacoby nie zu beobachten Gelegenheit gehabt, wohl aber während der zwölf Jahre, in denen ich Mitglied des Repräsentantenkollegimns war, in dem wichtigsten dritten Ausschuß und in den Sitzungen der Repräsentantenversammlung selbst. Wo ich ihn sah, überzeugte ich mich — und dieses Zeugnis werden alle Kollegen bestätigen — daß er es in einer bei feinem Alter geradezu wunderbaren Weise verstand und versteht, die Verhandlungen zu verfolgen, daß er Sachkenntnis und Eifer besitzt, der sich zu größter, feuriger Lebendigkeit zu steigern weiß, daß er das Wort in ausgezeichneter Weise beherrscht, daß er bei aller Entschiedenheit seines Standpunktes den Frieden zu erhalten und zu fördern sucht, daß er niemals eigensüchtige Pläne verfolgt, sondern nur das Wohl des Ganzen im Auge hat. Mit einem bewundernswerten Eifer hat er ein volles Menschenalter hindurch in dem höchsten Ehrenamt der Gemeinde gestanden und mit einem geradezu beispiellosen Eifer den größten Teil seiner Zeit allen Angelegenheiten der Gemeinde gewidmet. Es ist nicht zum geringen Teil sein Verdienst, daß die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde Berlin eine so wohlgeordnete, geradezu musterhafte ist. Hochgeachtet als Kaufmann, geliebt als Mensch, der es mit einer geradezu rührenden Bescheidenheit stets verstanden hat, sich allen Anerkennungen zu entziehen und nur danach gestrebt hat, die Bürde seines Amtes zu tragen, verehrt von einer weit verzweigten, angesehenen Familie, bewundert von allen, die neben, mit und unter ihm zu arbeiten das Glück hatten, ist Julius Jacoby der Patriarch, zu dem alle, denen die Freude zuteil geworden, mit ihm zu leben und zu wirken, mit Dankbarkeit und Ehrfurcht emporblicken, mit jener Ehrfurcht, Jacoby, Jüdischen Gemeinde in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.