Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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M. zum erstenmal wieder nach längerer Zeit eine Wintertagung ab, die gut besucht war und auf der eine Fülle verschiedener Fragen behandelt wurde. An erster Stelle der Tagesordnung standen Schnlangelegenheiten. Die Besprechung über das Verhältnis zwischen Rabbinern lind Lehrern, die an städtischen oder staatlichen Schulen gemeinsam Religionsunterricht erteilen, führte zur einstimmigen Annahme der von Rabbiner Dr. Jacob, Dortmund, vorgelegten Resolution. 1. Die Leitung ttnb Kontrolle des gesamten Religionsunterrichtes der jüdischen Schuljugend liegt dem Rabbiner bzw. dein Rabbinat der Gemeinde unter Wahrung der gesetzlichen Mitwirkung der Gemeinde- und Schulbehörden ob. 2. Der Religionsunterricht an höheren Schulen ist tunlichst nur durch akademisch theologisch' gebildete Lehrer zu erteilen. Die Volksschulfrage wurde von neuem besprochen. Im Laufe der Diskussion wurden seitens eines 1 Mitgliedes die folgenden sehr interessanten Thesen vorgelegt, über die » aber intt Rücksicht auf die Tatsache, daß schon im Sommer eine Re- « solution zu diesem Gegenstände gefaßt worden war, nicht abgestinnnt M wurde. 1. Der Zweck und die Daseinsberechtigung besonderer jüdischer 8 Schulen neben Senilen, welche Kindern aller Konfessionen ohne be- W sondere lokale Schwierigkeiten offen stehen und den Pädagogischen M Anforderungen genügen, liegt einzig und allein in der jüdischen jfl Religion, d. h. in der Möglichkeit, diese in den Mittelpunkt der *8 ganzen Unterrichts- und Erziehungsarbeit zu stellen, den besonderen 8 Unterricht in ihr umfangreicher und eindringender zu machen, Kon- 8 flikte zwischen Schule und Religion nicht aufkommen zu lassen und yH ein wahrhaft jüdisches Geschlecht heranzubilden. Eine besonders ge- »8 wichtige Empfehlung der jüdischen Schule ist die Möglichkeit einer 8 vollständigen Sabbatseier. 2. Wo die jüdische Schule in Unterricht- und Lehrpersonen hierfür eine Gewähr nicht bietet und eine autori- WW tative Kontrolle darüber fehlt, ist die jüdische Schule zu verwerfen 8[ und vielmehr die Benutzung von Schulen zu empfehlen, welche Kindern »8 aller Konfessionen offen stehen, sofern für einen besonderen jüdischen Religionsunterricht au und neben diesen Schulen hinreichend gesorgt ist. Ailch die Frage der Vorbildung jüdischer Lehrerinnen auf dem 1B Gebiete des jüdischen Religionsunterrichts fand eine eingehende Be- 8k sprechnng, dessen Ergebnis der angenommene Antrag des Rabbiners 8 Dr. D avi d, Bochum, war, welcher besagt: Der Rheinische Rabbinerverband beantragt, daß der Verband der Rabbiner in Deutschland 8 bei dem Preußischen Kultusminister dahin vorstellig werde, daß jü- 8 discheu Lehrerinnen in Zukunft die Genehmigung zur Erteilung des 8 jüdischen Religionsunterrichts nur erteilt werde, wenn sie ein von 8 einer geeigneten Instanz erteiltes Zeugnis der Befähigung vorlegen 8 können. Der Rabbinerverband wolle dem Ministerium die Instanzen 8 namhaft machen, die als hierzu geeignet anzusehen sind. Zum Schluß :8 referierte Rabbiner Dr. Norden, Elberfeld, über das interessante 18 Werk von Maurenbrecher: Das Leid und die Religionen, welches die 18 Frage der Theodioee behandelt. Die Versammlung dauerte mit einer Mittagspause von 11 bis gegen 7 Uhr. M J. A. Nürnberg, 20. Februar. Ebenso wie es ein Erfolg des 8 Reichsvereinsgesetzes ist, daß Frauen sich mehr mit den öffentlichen Z8 Angelegenheiten beschäftigen, ist es zweifelsohne ein Verdienst der 18 „V ereinigu n g für das liberale Indent u m i n 8 Deuts ch l a n d", die Frauen für die religiösen und sozialen Fragen 8 der Juden interessiert zu haben. Ueberall im Reiche hört und liest 8 man, daß geistig hochstehende Frauen, die naturgemäße weibliche 8 Scheu vor der Oeffentlichkeit überwindend, in jüdischen Angelegen- 8 heitert das Wort ergreifen, um die Lauen im Lande aufzurütteln 8 und die Zaghaften zu ermutigen. So lesen wir aus Aachen von einem 8 Vortrag von Frau Mathilde Wertheim über „Das liberale 8 Judentum vom Standpuukt des Laien" und von zwei Vortrügen. 8 welche in der Frankfurt-Loge gehalten wurden, und zwar von Fran 8 Ella Seligmann über „Die Wandlung im Leben der jüdischen 8 Frau" und von Fran Martha S ch l e s i n g e r über „Zehn Jahre jüdische Arbeit". Hier in Nürnberg hat der „Verein für die Interessen ^s^liberalen Judentums" seinen Mitgliedern kürzlich einen Vortrag vors Frau^ E l s "DU nSi^e"^Re'chtsmtwaltsgattiw über „Jüdische Tagesfragen" geboten, einer Dame, welche sich unter dem Pseudonym „Else Dorn" bereits einen schriftstellerischen Namen erworben, und welche der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" und der Monatsschrift „Liberales Judentum" schon wiederholt interessante Beiträge geliefert hat. Tic Vortragende hat in gewählter Sprache und in fesselnder Form alle sozialen und religiösen Probleme des Judentums, welche jetzt an der Tagesordnung fttib, in kritischer, aber streng objektiver Beleuchtung den Hörern vorgeführt. Die Rednerin konstatierte, daß das Judentum bedauerlicherweise von vielen seiner Angehörigen für einen Geburtsfehler betrachtet würde, und daß diese Kategorie unserer Glaubensgenossen für alles mögliche Zeit, Lust und Interesse hätte, außer für die Angelegenheiten des Judentums. Viele verleugnen das Judentum oder wechseln ihren angestammten Glauben, lediglich um äußere Vorteile zu erringen, sei es zum Eintritt in ein vornehmes Studentenkorps oder, mit als Beamter oder Offizier Befördernntgschancen zu genießen. Ebenso gibt es viele Damen aus jüdischen Kreisen, deren höchste Sehnsucht es ist, in christlichen Kreisen Eingang zu finden, in welchen sie jedoch trotzdem tncht für voll genommen werden, denn gewöhnlich ist die gesuchte Freundschaft mit Beendigung des Wohltätigkeitsbasars oder der zufällig gemeinsamen Somtnerreise auch erledigt. Den vornehmen christlichen Kreisen intponiert es, so führte die Rednerin weiter aus, viel mehr, wenn ein Jude sein Judentum in zielbewusster Weise hochhält. Deshalb soll schon von frühester Jugend an die Erziehung der Kinder dahin gehen, daß sie mit verständnisvoller Pietät dem Glauben der Väter Trene bewehren und des Wertes des Judentums bewußt sind. Man soll die Kinder anhalten, den Gottesdienst, der naturgentäß von modernem Geiste erfüllt sein soll, insbesondere den Jugendgottesdienst so oft als möglich zu besuchen. Man soll ferner den altjüdischen Familiensinn pflegen und weiterpflanzen durch die sinnige Feier des Freitagsabends im Elternhause und int Familienkreise. Die Eltern sollen die Kinder dahin beeinflilssen, daß der Religionsunterricht nicht als nebensächlich von der Jugend betrachtet wird. Allerdings soll der Unterricht in der Religionsstunde dadurch das Interesse für das Judentum erhöhen, daß neben der biblischen Geschichte aitch die hervorragenden Männer und Frauen ans dem Judentum, welche sich in Kunst, Wissenschaft, in der Politik, in Handel und Industrie einen führenden Namen erworben, erwähnt und besprochen werden. Das Judentum hat das Recht, stolz ans seilten Glauben und auf seine Vergangenheit zu feilt, denn das müssen auch die Gegner zugestehen, die Inden haben ans eigener Kraft sich eine Stellung aus allen Gebieten erobert. Eitt machtvolles Solidaritätsgefühl verbindet alle unsere Glaubensgenossen zu genteinsatnem Mitgefühl und zu gemeinsamer Abwehr gegen Verfolgung, Unterdrückung und Zurücksetzung, wie dies durch den kürzlich zu Ende geführten Beilis^-Prozeß anss glänzendste bewiesen wurde. — Der Vortrag fand von der außerordentlich zahlreich erschienenen Zuhörerschaft begeisterten Beifall imb lebhafte Anerkennung. Möge das Gehörte auch tat den Herzen der Hörer kräftigen' Widerhall und Betätigtmg finden zum Heil mtb Segen des Judentums. * Gesterretch-Nnsarn. K. Wien, 20. Februar. Vorigen Freitag verstarb in Brünn der in weitesten Kreisen bekannte und geschätzte Rabbiner Joseph Steif. Der Verblichene, der sich schon in frühester Jugend umfassende Kenntnisse ans theologischem Gebiete erworben und zu den Autoritäten auf demselben zählte, zeichnete sich auch durch seilt hervorragendes allgemeines Wissen aus. Sein unerwarteter Heimgang hinterläßt in der Brunner Kulttisgemeinde, woselbst er durch mehr als 82. Jahre als wahre Zierde seiites Standes, in seilten seelsorgerischen Berufe ausgehend, wirkte, eine unausfüllbare Lücke. Rabbiner Steif, der ein Alter von 73 Jahren erreichte, vertrat in der Brunner Kultusgenteinde die orthodoxe Richtung: er war trotzdem äußerst tolerant und friedliebend, so daß man von ihnt mit Recht sagen kann, daß er keinen Feind oder Gegner weder in der großen Brunner Gemeinde noch unter seinen zahlreichen Kollegen in Mähren znrückläßt. Seine Beerdigung fand am Sonntag, den 15. d. M., unter zahlreicher Beteiligling aller Gesellschaftskreise