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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 ftntt. ($in 3oI)n des verstorbenen ist Rabbiner in Ranßnitz, Tr. Mar Steif. Ter ehemalige Rechtsanwalt Tr. Markus Epstein in Brünn feierte vor einigen Tagen im engsten Familienkreise seinen 80. Geburtstag in voller körperlicher und geistiger Frische. Tr. Epstein wirkt noch jetzt verdienstlich als Fachschriftsteller ans juristischem und volkswirtschaftlichem, namentlich ans bahnamtlichem Gebiete. In den letzten Jahren widmete sich der Jubilar, der eine vorzügliche jüdische Erziehung genossen und bedeutende Kenntnisse ans biblischem Gebiete besitzt, der metrischen Uebersetzung der biblisch-hebräischen Poesien. Er übersetzte mit großem Geschick das Hohelied, viele Psalmen, die Klagelieder, einige Kapitel ans Jesaja usw., welche Arbeiten viel Anklang, namentlich in christlich-katholischen Kreisen, fanden. Mehrere von Tr. Epstein bei Kaiserjnbiläen ans Grundlage der Psalmen verfaßte Huldignngshhmnen wurden der Kaiserlichen Fideikommißbibliothek einverleibt. Eine jahrelange Freundschaft verknüpfte den Jubilar mit dem leider allzufrüh verstorbenen Dresdener Gelehrten Professor Tr. Wünsche. Erst vor einigen Monaten hat Tr. Epstein seinen illleressanteu Briefwechsel mit Professor Wünsche veröffentlicht. Tie Bedeutung Tr. Epsteins als Fachschriftsteller ans volkswirtschaftlichem Gebiete kam häufig im Abgeordnetenhanse und im Handelsministerium zinn Ausdruck, wo seine Anregungen häufig den Gegenstand eifriger Beratungen und Erwägungen bildeten. Auch wir wünschen dem greisen Jubilar, der ein treuer und begeisterter Sohn seines Glaubens ist, noch viele Jahre ungetrübter Gesundheit ad nmltos annos. * Von Sah und Fern. — Tem Andenken des verstorbenen Stadtrats M e y e r Al a g n n s ist eine Stiftung gewidmet, die der Geheime Regiernngsrat Professor Tr. P. W. M a g n u s hier begründet hat. Er hat der Stadt Berlin 40 000 Mark überwiesen, damit ans den Zinsen die Berpslegnngskosten Verstorbener in den städtischen Krankenanstalten gedeckt werden, um diese Kosten den erstattnngspflichtigen Verwandten im Notfall ganz oder teilweise abznnehmen. Der Privatdozent der Philosophie all der Berliner Universität, Dr„ E r n st E a s s i r e r , hat das Prädikat P r o f e s s o r erhalten. --- In Breslau verschied im 5('». Lebensjahre Sanitätsrat Tr. Fabian Kaliski, stellvertretender Repräsentant der jüdischen Gemeinde und zlveiter Vorsitzender des Ilnterslütznngsvereins der Lstrower. Ans Neustrelitz wird geschrieben: Im ,Osf. Anz." wird eine Allerhöchste Verordnung betreffend die Organisation und rechtliche Stellung der jüdischen Gemeinde des Herzogtums Strelitz veröffentlicht. Als Sitz der Gemeinde ist Renbrandenburg bestimmt. Tie bisher im Herzogtum bestehenden jüdischen Ortsgemeinden werden aufgehoben. Am 12. Februar fand die vierte Entlassungsprüsnng am Kölner jüdischen Lehrerseminar unter Vorsitz des Kommissars des königlichen Provinzialschulkollegiums, des Herrn Geheimrat Tr. Hoeres, statt. Alle sechs Zöglinge haben die Prüfung bestanden. Aus München wird uns geschrieben: Frau Justizrat O l lendorf ans Breslau hielt vor kurzem in der hiesigen Ortsgruppe des jüdischen Frauenbundes einen sehr wirkungsvollen Vortrag über das Thema: Tie jüdische Frau und die soziale Arbeit. Tie Ortsgruppe München gewann durch diesen mit großem Beifall anfgenommenen Bortrag 100 neue Mitglieder und allßerdelli viele, die sich an der praktischen Arbeit beteiligen wollen. Tas Programm der neugegründeten R e l i g i o n s g e s ch i ch tlich e n Kommission der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften ist soeben erschienen. Tie Onellen Religionsgeschichte sind darin unter 12 Gruppen verteilt: Religion des indogermanischen Sprachgebiets in Europa: ägyptische und altsemitische Religionen (mit Einschluß der mandäischenj: Judentum, Islam, Religion der nral-altaischen und der arktischen Völker, iranische, armenische, Lkeinasiatische, kaukasische Religionen, indische Religion, afrikanische, primitive Religion Südasiens und Oraniens. An der Herstellung des Planes haben sich außer den neun .Mitgliedern der Kommission mehr als du Gelehrte von Ruf beteiligt, so daß das Programm als Spiegelbild des heutigen Standes der religionsgeschichtlichen Onellensorschung gelten kann. Außer den bereits gedruckten (5) oder im Druck befindlichen (2) Werken sind schon 30 andere Themata in fester Hand. - Ans Offenbach am Main wird geschrieben: Ter Großherzog genehmigte folgende, in hiesiger Stadt gemachte Stiftungen: Fabrikant Louis Fei st mann und Frau schenkten der Stadt ans Anlaß der 25. Wiederkehr des Hochzeitstages 20 000 Mark Zur Verwendung der Jos.-Friederik-Feistmann-Stiftung. L. Feistmann schenkte der israelitischen Religionsgemeinde 50 000 Mark zur Verwendung für den Neubau der Synagoge. 40 000 Mark davon sind lebenslänglich dem Geber, nach feinem Tode dessen Ehefrau im Fall ihres Ueberlebens zu 4 Prozent zu verzinsen. — In Budapest ist der Reichstagsabgeordnete Dr. jur. Julius R o s e n b e r g , eine der angesehensten Persönlichkeiten der Regierungspartei, im 58. Jahre verschieden. Er gehörte auch mehrere Jahre der Delegation an, in der er sich besonders als. Referent des Marineausschusses bemerkbar machte. Wegen seiner Verdienste in letzterer Eigenschaft erhielt er das Kleinkreuz des Stephansordens. Auf eine Rundfrage des „Journals" über den Tango gibt der Großrabbiner von Paris, Dreyfus, seine Meinung schriftlich dahin ab, daß die französischen Rabbiner, nachdem sie das Gewissen ihrer Glaubensgenossen aufgeklärt hätten, es dem Individuum überlassen, sich in allen Dingen selbst zu entscheiden. Da die israelitische Religion sich streng an die Satzungen des Anstandes und der Moral hält, ist es selbstverständlich, daß den Religionsgenossen abgeraten wird, sich an einem Tanz, der als nicht anständig gilt, zu beteiligen. Bei den dieser Tage erfolgten Veränderungen im britischen Kabinett wurde unser Glaubensgenosse, Postminister Herbert S a m u e l, znm Präsidenten des Kontrollamtes für die Lokalverwaltung ernannt. --- In der russischen Stadt Grosno erlebte die dortige Stadtbehörde vor einigen Tagen eine recht merkwürdige Ueberraschnng. Es meldete sich eine Anzahl Bauern aus der Umgebung, welche um einen Auslandspaß ersuchten, um nach Amerika anszuwandern. Als nun der Beamte in die Dokumente dieser Bauern Einblick nahm, gewahrte er zu seiner Ueberraschnng, daß diese zum Judentum übergetreten waren. Ans eine Frage des Beamten erklärten diese, daß sie nach reiflicher Neberlegung zu der Ueberzeugung gekommen seien, daß nur der jüdische Glaube den Menschen seelische Beruhigung zu bieten vermöge. Sie erzählten auch, daß in den umliegenden Ortschaften die Zahl der Bauern, die das Judentum angenommen haben, eine sehr große sei. Rach dieser Enthüllung wurden den Bauern die Auslandspässe verweigert und in der ganzen Angelegenheit eine strenge Untersuchung eingeleitet. Wie das türkische Amtsblatt mitteilt, hat der Sultan auf Vorschlag des Kriegsministers Enver Pascha den Ehef der Generalinspektion der Gendarmerie, Jsaac Jessua Bei, zum Offizier des Medgige-Ordens ernannt. Ter Ausgezeichnete hat sich um die Reform des Gendarmeriewesens große Verdienste erworben. - Ans Jaffa wird berichtet: Mendel Beilis, der sich bekanntlich als Farmer in Palästina ansiedeln wird, ist hier eingetroffen. Er wurde von der jüdischen und arabischen Bevölkerung begeistert begrüßt und nach dein jüdischen Stadtteile Telawiw gebracht. Einige Tage darauf traf Baron Edmund v. Rothschild hier ein. Er wurde von der jüdischen Bevölkerung enthusiastisch begrüßt und begab sich nach kurzem Aufenthalt nach der Kolonie Rischon - Legion. - Bei einer Ausstellung hebräischer Handschriften und Frühdrucke, welche der Jahresversammlung der amerikanischen Society of biblical Eiterature and Exogesis aus den reichen Schätzen des Jewish Theological Seminary in New Uorh in dessen Gebäuden die Tagung stattfand, vorgelegt wurde, erregte die Genueser Ausgabe der Psalmen ans dem Jahre 1510 besonderes Interesse. Diese enthält außer dem hebräischen Tert eine griechische, eine arabische und eine aramäische Uebertragung. Dazu tritt ein lateinischer Kommentar, in dem n. a. von der Entdeckung Amerikas durch Ehristopher Eolumbns die Rede ist. Dieses ist die erste in einem gedruckten Buch sich findende Erwähnung des großen Ereignisses. Daß man sie gerade in einem Kommentar zu den hebräischen Psalmen feststellen konnte, wird neues Wasser ans die Mühle derjenigen führen, die dem Eolumbns jüdische Abstammung zuschreiben. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Florastrabe 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Fahrnländer, Neukölln. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.

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