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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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beit Kassenbericht: Tie Einnahmen betrugen 17 775,79 Mark, die Ausgaben 11653,99 Mark, der Kassenbestand 6121,80 Mark. Auf Antrag der Revisionskommission wurde dem Schatzmeister mit innigem Dank ans der Mitte der Versammlung für seine Mühewaltung einstimmig die Entlastung erteilt. Bei den sodann vollzogenen Wahlen wurden in besonderen Wahlgängen Herr Professor Dr. M. Philippfon zum ersten, Herr Dozent Dr. I. Elbogen zum zweiten Vorsitzenden sowie der Gesamtvorstand und die Revisionskommission per Akklamation wiedergewählt. Ten letzten Punkt der Tagesordnung bildete die Festsetzung des Haushaltes für das-Jahr 1914/15 mit 14 500 Mark und die Bewillignng verschiedener 'Subventionen. §2 Berlin, 24. Februar. Der Liberale Verein s ü r d i e A n g e l e g e n h e i t e n der jüdischen Gemeinde zu Berlin hielt am 16. d. M. seine diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Justizrat Plonsker, erstattete Bericht über die Repräsentantenwahlen und kündigte, die Maßnahmen an, die für den Ausbau der Organisation des Liberalen Vereins notwendig seien. Ter Schatzmeister, Herr Siegfried Sachs erstattete den Kassenbericht. Statutengemäß schied ein Drittel der Ausschuß- Mitglieder aus. Es fand Wiederwahl statt, außerdem wurde eine Reihe weiterer Herren neu in den Ausschuß gewählt. Den Hauptteil des Abends bildeten die Referate über die gegenwärtige Lage im Streite zwischen Zionisten und Antizionisten. Die beiden Referenten, Rechtsanwalt Dr. M. Galliner und Rechtsanwalt Tr. John W e r t h e i m gaben eine sachliche Darstellung des Zionismus sowie seiner Tendenzen und Ziele und betonten die Gefahren, die dem Gesamtjudentum durch den Zionismus drohen. In der Diskussion wurde besonders folgendes betont: Der Zionismus schelle selbst vor Unwahrheiten nicht zurück und überschütte jeden, der nicht seine Anschauungen teilt, mit Hohn. Ueberall, aus Kanzel und Katheder, in allen Vereinen, in denen Zionisten wirken, suchten sie für den Zionismus Propaganda zu machen. Die Jugend beginne man schon von der Tertia an zu bearbeiten und so den Zionismus in die Familien hineinzutragen. Es sei dies die größte Gefahr für den Bestand der Religion, denn die Tendenzen des Zionismus seien ganz dazu angetan, die Bedeutung der jüdischen Religion herabzumindern und dem Abfall Vorschub zu leisten. Der Liberale Verein aber, der sich die Erhaltung und Fortentwickelung der jüdischen Religion zur Ailfgabe gemacht hat, dürfe diesem Treiben nicht untätig Zusehen. Es gelte, das Kostbarste des Judentums zu schützen und zu erhalten: die Religion. Ihr verdanke das Judentum seinen Bestand, sie müsse den Kindern vererbt und für alle Zukunft erhalten bleiben. Der Kamps gegen den Zionismus und seine nationalen Bestrebungen sei ein Kampf für die Religion. Die Versammlung begrüßte mit Genugtuung alte diese Ausführungen und gab ihre lebhafteste Zustimmung zu der Erklärung zu erkennen, welche die angesehensten deutschen Juden, die geistigen Häupter lind Führer der Gemeinden gegen den Zionismus veröffentlicht haben. Der Vorsitzende, dankte den Rednern lind schloß die Versammlung mit der Mitteilung, daß bald wieder eine Versammlung stattfinden werde, die Gemeindeauaeleaeuheiten zum Gegenstand ihrer Tagesordnung haben werde. K. S. Berlin, 20. Februar. Am 9. d. S))L sprach Herr Dr. H. Kutna in den Montagsvorlesungen zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums über „Das Alte Testament in der bildenden Kunst (mit Lichtbildern)". Redner ging von der Voraussetzung aus, daß die Kunst von der reinen Wirklichkeit ansgehen müsse, die nüe Biene und Blume zusammengehören. Die bildlichen Darstellungen der Bibel in der altchristlichen Zeit seien zu sehr durch Dogmatik und Allegorien gebunden. Hauptsächlich wurden dargestellt der Sündenfall, Abel, Noa, Opferung Isaaks, Moses mit Felsen und auf Sinai, Jonas, Daniel. In der ersten christlichen Zeit galten diese als Vorbilder der gedrückten Kirche, als Zeichen der Hoffnung. Wie wenig realistisch diese Kunstrichtung war, zeigt sich auch, daß in den alttestamentlichen Gemälden Szenen aus der griechischen Mythologie Vorkommen. Die byzantinische Kunst zeigt drohende, mürrische, erstarrte Typen. Dieser Kunst fehlt das jeder Kunst notwendige Raumgefühl. Aber hier ist Pracht, Monumentales. Schon Augustinus kehrte sich gegen den Mißbrauch der christolvgischen Auffassung, wo noch das Alte Testament nur als Knospe des Neuen anzusehen sei. Immer mehr verliert sich im Mittelalter das geschichtliche Verständnis, alt- und neutestamentliche Figuren kommen durcheinander, je mehr die wirkliche Bibelkenntnis abnimmt! so in der Biblia Pauperum (Armenbibel). Ganz anders in der Renaissance. Hier herrscht die lebendige Welt, die Individualität, der Mensch an sich, strotzend von Lebensgefühl. Ausgezeichnet schildert der Redner, wie sich dieser liebergang von der kirchlichen Kunst zum Realismus gestaltet. Die niederländische Kunst macht weder Anleihen bei der Antike noch bei der Theologie, sie ist rein realistisch, echt niederländisch. Die Niederländer haben wirklich die Bibel gelesen. Bei ihnen geht es mehr in die Tiefe als in die Höhe: Rembrandt. Dann kommt das Zeitalter Ludwigs XIV., noch mit starkem christo- I logischen Einschlag. In großartigem königlichen Glanz als Allein-! Herrscher erscheint Salomon, vor dem sich selbst die Königin von Saba! tief verneigen muß. Aber diese Richtung ist voll von Anachronismen, unter den alttestamentlichen Helden erscheinen die Jungfrau Marin samt den Heiligen. Das Staunen und Nachbilden der Schöpfung Gottes ist Kunst, dann kommt erst das Technische und Dekorative. Mit dein.Jenseitsideal kann die Kunst nichts anfangen. Natürlich \ darf auch der tiefe geschichtliche Sinn nicht fehlen im Gegensatz zu den Leuten des Mittelalters, welche gar nicht aus ihrer Zeit heraus- } konnten und so völlig unfähig Unueit, eine entlegene Zeit zu verstehen. - Die Ausführungen waren von großer Anschaulichkeit und öfter mit köstlichem Humor gewürzt. x. Lissa i. P., 20. Februar. Aus Anlaß des 60jährigen Bestehens J des hiesigen jüdischen K r a n k e n - U n t e r st ü tz u n g s - und Beerdigungs-Vereins fand am 15. d. M. im Saale des ) Hotels Otto Hierselbst unter großer Beteiligung aus der gesamten Gemeinde eine Festfeier statt. Sie nahm einen sehr schönen, erhebenden und harmonischen Verlauf. Unter den Rednern bei der Feier waren es besonders der Vorsitzende des Vereins, Gemeindej Vorsteher Julius Baginsky, sowie Rabbiner Dr. Gelles, j welche das Entstehen, Wachsen und die aufblühende Entwicklung des Vereins schilderten und sein segensreiches, humanitäres und sozial ausgleichendes Wirken priesen. Möge sich der Verein noch recht lange und mit bestem Erfolge zum Wohle der altehrwürdigen Shnagogengemeinde Lisia als echte „Ehewra Kadischah" im wahren | Sinne des Wortes betätigen können. Münstereifel, 18. Februar. Am 8. d. M. wurde hier das älteste Gemeindemitglied und die Zweitälteste Bewohnerin der Stadt, Frau S i b i l l a Apfel geb. Nathan nach eben vollendetem 89. Lebensjahre unter sehr starker Beteiligung von jüdischer und christlicher Seite neben ihrem vor 13 Jahren verstorbenen Gatten zur letzten Ruhe gebettet. Was diesen Fall über das Persönliche hinaus zu einem typischen und auch die jüdische Gesamtheit angehenden erhebt, ist nicht der Umstand allein, daß die Verewigte ein tätiges, arbeitsames und frommes Dasein vollendet, als Oberhaupt einer zahlreichen Sippe ein vorbildliches, inniges, jüdisches Familienleben geführt hat. Geboren in Münstereifel, dem Eifelstädtchen, von Eltern, die ebenfalls dort ein langes, arbeitsreiches Leben führten — die Mutter wurde 87 Jahre alt — war die Verstorbene in den Tagen ihres Erdenlebens fest in der Heimatscholle verankert, die sie nur auf kurze Zeit verließ, wenn die Mutterpfticht sie zu Kindern und Kindeskindern brachte. Wie der Baum im Boden wurzelnd an der Stelle seines Entstehens j die Früchte wachsen und reifen lassen muß im Wechsel der Jahresk Zeiten, so erfüllte diese kleine, tapfere Frau, natürlich' unbe- | kümmert um alle modernen Probleme, ihre Pflicht, schenkte ) 1l Kindern das Leben, von denen heute noch sieben leben und wirken. Und Jüdin war die Verewigte mit jeder Faser ihres Seins, mitfühlend und mitleidend, wenn irgendein Unrecht den Glaubensgenossen geschah, sich freuend, wenn sie einem armen Israeliten Obdach, Gabe und ein herzliches Wort gewähren konnte. Eine Fülle von Kraft und Liebe ging unbewußt von dieser kleinen, mit natürlicher Klugheit begabten Frau aus, die dem Staate manchen steuer- und wehrfähigen Bürger, der jüdischen Gemeinschaft treue Bekenner geschenkt hat. In unserer Zeit, die unsere Glaubensgenossen immer mehr vom Lande in die große Stadt getrieben und dadurch den Asstmilationsprozeß unheimlich schnell beschleunigt hat, werden diese verehrungswürdigen, bodenständigen Erscheinungen immer seltener. Erscheinungen, die, an alte Familien- und Religionstraditionen anknüpfend, selbstsicher in sich und ihrem Glauben ruhend, unverrückt altes, heiliges Erbgut zu bewahren und weiterzugeben suchen, ein

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