Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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105 wenden lassen dürste. Denn immer klarer, iminer deutlicher kommen >vir zu der Erkenntnis, daß trotz des scheinbaren Dnrcheinanders in der Kampfführung, trotz der stets betonten Plötzlichkeit des Kampfausbruches, woraus aus eine spontane Reaktion des Volkswillens geschlossen werden sollte, in Wirklichkeit alles von langer Hand vorbereitet und ganz systematisch auf die Durchführung eines bestimmten Planes eingestellt war. So erfahren wir vor allem, daß der Gegensatz in der Sprachenfrage mit Vorbedacht aus dem pädagogischen Gebiete, wohin er allein hingehören sollte, auf das politische Gleis hinübergeleitet worden ist, um aus diese Weise gegen den Hilssverein den Vorwurf wachsender germanisierender Tendenzen erheben zu können. Mit feiner dialektischer Schärfe weiß Paul Nathan diesen Vorwurf zurückzmveisen, indem er die Argumentation der gegnerischen Seite einfach ad absurdum führt. Läge es in der Absicht des Haifaer Kuratoriums, nur die Verbreitung der deutschen Sprache zu betreiben, dann hätte es gar nichts Besseres tun können, als sich den zionistischen Vorschlägen anzuschließen. „Tenn auch die Vertreter des Levinschen Antrages waren bereit, dem Deutschen als Fremdsprache den breitesten Spielraum zu gewähren. Sie haben wiederholt und nachdrücklich erklärt, daß ihnen jede Verkümmerung des deutschen Sprachunterrichts durchaus sernliegt, daß sie vielmehr dem deutschen Sprachunterricht jede gewünschte Anzahl von Stunden zuzribilligen bereit seien. Wären innerhalb des Kuratoriums chauvinistisch-germanisierende Tendenzen vorhanden gewesen, so hätte man diesen Ausgleich unbedenklich annehmen können, da unter dem politisch-propagandistischen Gesichtspunkt jene Schule alle erforderlichen Eigenschaften geboten hätte, die einen bestimmten Sprachunterricht in ausgiebiger Weise zu fördern geeignet wären. Wenn dieser Vorschlag gleichwohl vom Kuratorirrm als unannehmbar zurnckgewiesen worden ist, so waren für diese Stellungnahme ausschließlich pädagogische Gründe maßgebend." Nur hätte der Verfasser in diesem. Zusammenhang vielleicht noch schärfer die für das Verständnis des Konflikts ja überaus wichtige Tatsache hervorheben können, daß die eigentliche Ursache des Konflikts nicht in der „Mauserung" des Hifsvereins, sondern letzten Endes in der „Entwicklung" des Zionismus zu suchen sei, der von einer politischen sich zu einer kulturellen Bewegung gewandelt hat und infolgedessen alles, was auf das Hebräische Bezug nimmt, bloß noch vom prinzipiellen, nicht inehr aber vom praktisch-opportunistischen Gesichtspunkt zu betrachten vermag. Vom Standpunkt reiner Utilität ließe sich ja gegen die Hilssvereinstätigkeit tatsächlich kaum etwas Stichhaltiges ins Feld führen. Mit innerer Befriedigung und nicht ohne ein Gefühl stolzer Genugtuung hebt Dr. Nathan hervor, was gerade der Hilfsverein alles für die Einbürgerung und Verbreitung des Hebräischen im palästinensischen Leben getan hat. Von seinen Schulen auf dem Lande schloß er jede europäische Sprache aus und ließ, wie auf deutschen Dorfschulen nicht Französisch und auf französischen oder englischen Dorfschulen nicht Deutsch gelehrt wird, auch in den palästinensischen Dorfschulen nur Hebräisch und alsdann Arabisch (als die Landessprache) unterrichten. Selbst in jenen Schulen, wo ihm die Pflege einer europäischen Sprache am Platze erschien, räumte er dem Hebräischen noch eine bevorrechtete Stellung ein. Dabei hat der Hilfsverein niemals einer Bevormundungspolitik gehuldigt, niemals irgendwelche Gesinnungsschnüffelei getrieben, sondern ließ sich stets in seinen Entscheidungen, wie bei den Personen durch ihre Tüchtigkeit, so bei den Dingen durch das Gebot der Notwendigkeit leiten und fand zu Konzessionen sich jederzeit bereit, sobald er von deren Zweckmäßigkeit überzeugt war. Allein derlei Zustände paßten in den Rahmen des Hebräismus als Dogma gar schlecht hinein, und die Jntranftgenz des Kulturzionismns zog daher ergrimnrt gegen die Opportunität des Hilfsvereins zu Felde. Mit einer schier dramatischen Wucht schildert uns Pant Nathan die einzelnen Phasen des in der Folge entbrannten Kampfes, und mit wachsender Spannung und unfaßlichem Erstaunen erfahren wir von all den Versuchen, die unternommen worden sind, nur das in einer inehr denn zehnjährigen Tätigkeit vom Hilfsverein vollbrachte Kulturwerk zu zerstören. Von einer Wiedergabe der mannigfachen, zur Erreichung dieses Zieles eingeleiteten Schritte können wir indessen, wiewohl ihre Behandlung den wichtigsten Teil der Rathanschen Broschüre ansmacht, hier füglich absehen. Sie sind, nachdem jetzt der Streit schon nahezu vier Monate geht, genugsam bekannt und werden im übrigen selbst von gegnerischer Seite der Hauptsache nach kaum ernstlich bestritten, wenn auch gewiß ganz anders gewürdigt rmd gewertet. Aber zum Glück kommt ihnen ja nur noch historische Bedeutung zu. Was sie beziveckt haben, ist ihnen in keiner Weise gelungen: „ihr Ergebnis bildet vielmehr einen tatsächlichen Mißerfolg und vor den Augen aller anständigen Leute einen moralischen Zusammenbruch". Es wäre freilich unter Ümständen ganz anders gekommen, wenn nicht ein günstiger Zufall feine Hand mit im Spiele gehabt hätte. Möglich, daß die Bewegung in ihrem ersten Anlauf tatsächlich manches zur Strecke gebracht hätte, vor allem daß manche der Lehrer und Schüler, die später dem Ansturm standgehalten, in der ersten Bestürzung doch leicht zum Nmfall gebracht worden wären. Aber es fügte sich, daß gerade zu jener Zeit Herr Dr. Nathan eine Reise nach Palästina antrat: rein zufällig, um ein den amerikanischen Gönnern des Technikums früher gegebenes Versprechen einzulöseu. Das eigentliche Ziel seiner Reise war Haifa, >vo er den Stand der dortigen Bauten in Augenschein nehmen und an Ort und Stelle die erforderlichen Verabredungen treffen wollte, damit die für das Frühjahr 1914 vorgesehene Eröffnung der technischen Institute ohne Zwischenfall vollzogen werden könnte. Als er jedoch, während er sich noch auf dem Schiffe befand, von dem inzwischen ausgebrochenen Kampfe Nachricht erhielt, änderte er den ursprünglich gefaßten Reiseplan und begab sich auf kürzestem Wege nach Jerusalem. Hier gelang es ihm denn auch -- wobei wir die tatkräftige Unterstützung des Generalsekretärs des Hilsvereins, Herrn Dr. Bernhard Kahn, nicht unerwähnt lasten wollen wenigstens den heftigsten Sturm zu beschwören, „der jene Lasen an Kultur in Palästina, die in inehr als zehnjähriger Arbeit der Hilfsverein geschaffen hatte, zu zerstören suchte". Die Nathansche Schrift hat etwas von einem Bekenntnisbuche und bildet, wie jedes Bekenntnisbuch, den schrillen Aufschrei einer durch bittere Erlebnisse schwer bedrückten Seele. Dr. Nathan hat -den Hilfsverein ins Leben rufen helfen, hat an seinem Gedeihen stärkstes Interesse beiviesen und an seiner Wirksamkeit tätigsten Anteil genommen. Seit fast einem halben Menschenalter hat er sich ihm ganz gewidmet, hat ihm seine beste Zeit und seine beste Kraft geopfert und moralisch nnd materiell in jeder nur erdenklichen Weise zu seinem Ausbau, zn seiner Förderung und zu seiner Entwicklung beigetragen. Daß der Hitfsverein in verhältnismäßig kurzer Frist zu einer der bedeutsamsten und maßgebendsten Organisationen innerhalb der jüdischen Welt werden konnte, dafür gebührt, wie wenigen, in erster Linie ihm das Verdienst. Persönlich fühlte er sich mit dieser Organisation aufs engste verwachsen, die sein Lebenswerk bildete, nnd in der er seine Lebensaufgabe nnd sein Lebensziel erblickte. Nur zn begreiflich wäre es somit, ivenn nach all dem, was vorgefallen ist, pessimistische Anwandlungen ihn beschlichen nnd Erbitterung nnd Verzweiflung sich seiner bemächtigt hätten. Um so mehr müssen wir uns freuen, daß dies keineswegs der Fall ist. Der Optimismus, das jüdische Erbteil, ist auch bei ihm eine seiner besten Eigenschaften. „Gewiß sind meine Worte bitter, aber sie mußten es sein, wenn sie Heilung