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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 104

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 104 (sequence 8)
Language
German
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-104 sehen zu wollen, der sich nicht selbst durch seine eigene freiwillige Handlung von der Gemeinschaft trennt, in die er hineingeboren ist, so ist es doch sehr klar, daß, wofern der Jude nicht den Glauben beibehält, zu dessen besonderem Träger das jüdische Volk gemacht wurde, es nur absehbare Zeit dauern kann, bis die Juden verschwinden werden. Ohne ihren Glauben werden die Reihen der Juden mehr und mehr durch Mischehen und Uebertritt zu anderen Religionen gelichtet werden, und dieser Auflösungsprozeß, der leider schon begonnen hat, wird schließlich, wenn nicht aufgehalten, das Dasein Israels zerstören. Nichts sonst als ihre Religion hat die Juden befähigt, so viele andere Völker zu überleben, die zahlreicher und mächtiger als sie waren, und seine Existenz unter denen ju erhalten, die in allen Zeitaltern sie zu vernichten gesucht hatten. Die zionistische Doktrin, welche in gleicher Weise Gläubige und absolut Ungläubige für eine neu zu bildende jüdische Nation willkommen heißt, würde zweifellos zu der Zerstörung derselben Nation führen, welche die zionistische Bewegung ins Leben zu rufen wünscht, denn mit der Verwirklichung dieser Doktrin würden Juden und Judentum zugleich vernichtet werden. Es ist wahr, wen« wir für die Juden in Rußland, in Rumänien, -im fernen Marokko und im Jemen fühlen, oder sogar für die schwarzen Falaschajuden in Abessinien, und immer bereit sind, ihnen zu Helsen, so geschieht das nicht allein aus Menschenliebe, sondern vielmehr, weil wir fühlen, daß auch sie leiden müssen, weil sie demselben religiösen Glauben angehören wir wir, aber sehr wenige von uns, auch wenn ste dies nicht zugeben, fühlen, daß sie einer Rasse mit den marokkanischen, den jemenitischen oder auch vielleicht den eingeborenen chinesischen Juden sind, von denen noch eine Handvoll existiert, und daß sie ein engeres Verwandtschaftsgefühl für diese, als für ihre amerikanischen andersgläubigen Mitbürger haben. Bereits vor Jahren behauptete ich und die Zeit hat ineine Ansicht in dieser Beziehung nicht geändert — daß der Vorschlag der Wiederherstellung einer jüdischen Nation die Verzweiflung bedeutet, den Pessimismus, der in den jüdischen Reihen durch das unverantwortliche Vorurteil geschaffen worden ist, das das jüdische Leben elend gemacht hat und noch macht, und das in verschiedenen Graden zur Erscheinung kommt, nicht nur in den Ländern, wo die Juden tatsächlich verfolgt werden, sondern sogar ich bedauere es sagen zu müssen in diesem sonst gastfreundlichen und gesegneten Lande. Und deshalb kann ich es teilweise verstehen, weshalb der jüdische Nationalismus so viele Anhänger findet, sogar, wie ich glaube, in der amerikanischen Jugend. Ich, der ich jüdisches Leben und die Juden unter so vielen Bedingungen gesehen habe, in ihrem Aufstieg und in ihrer Entfaltung in so vielen Ländern, der ich mich noch aus meiner frühen Jugend der Worte meines Paters über die Leiden der deutschen Juden im Ghetto und all ihrer bürgerlichen Ungleichheit entsinnen kann, und der ich andererseits die Juden habe aufsteigen und zu Repräsentanten der Nation im deutschen Parlament, zum Premierminister in Italien, zum Lord Oberrichter in England, zu Ministern in unserem eigenen Land und anderswo, zum Gesandten der Vereinigten Staaten bei anderen Nationen habe werden sehen, ich kann mich dieser Doktrin der Verzweiflung, die jüdischer Nationalismus bedeutet, nicht hingeben, sondern ich blicke im Gegenteil mit Optimismus und Hoffnung in die Zukunft, denn ich weiß, wenn ich darauf zurückfchaue, was unser Volk in einem kurzen Jahrhundert erreicht und erworben hat, gegenüber den 'weitausend Jahren schweren Leidens unserer Vorfahren, daß es der Jahrzehnte nicht mehr viel sein können, wo die Ursachen, denen der Zionismus und Nationalismus ihr Dasein verdanken, gänzlich verschwunden sein werden. Bei all der Zuneigung, die wir für Palästina fühlen mögen, und aller Bereitwilligkeit, die wir dartun sollten, seine kulturelle und materielle Wiederaufrichtung mit allen Mitteln zu fördern, ist es doch hohe Zeit, daß wir als Amerikaner nicht gestatten, daß die Bande fernerhin noch fester geknüpft werden, mit denen uns die jüdischen Nationalisten an eine beabsichtigte politische Gestaltung fesseln wollen, die unseren Wünschen fremd ist, und für die wir keine Sympathie haben können. Weil ich ein Jude zu sein suche, der sich selbst und den Geist seines Glaubens achtet, halte ich es für meine Pflicht, das Gefahrensignal zu hissen und Sie zu warnen, die jüngeren Männer, in deren Hand das zukünftige Schicksal der amerikanischen Juden liegt, sich nicht durch den Sirenengesang der jüdischen Nationalisten verführen zu lassen, die, bereit, sogar ein Judentum ohne jüdischen Glauben willkommen 31t heißen, sicherlich, wenn wir ihnen die Oberhgnd lassen, uns in Gefahren stürzen werden, die uns früher oder später teuer zu stehen kommen werden, wenn sie nicht überhaupt zu nuferer Vernichtung führen. Die Scheidung der Wege liegt vor Ihnen, überlegen Sie wohl, welchen Pfad Sie wählen. Ksui Aathsns Srolchüre. aß ich zum Schlüsse einer öffentlichen Wirksamkeit, die ihr Ende in kurzem erreicht haben lvird, gegen ineine eigenen Glaubensgenossen bittere Wahrheiten sagen muß, ist mir am schmerzlichsten, mrd es waren bittere Augenblicke, als ich in den Strafen von Jerusalem von irregeleiteten jungen Leuten und von pflichtvergessenen Lehrern beschimpft wurde. Diese Straßenszene hat mich tiefer erschüttert wie -das, lvas ich während der Pogrome in Rußland, lvas ich während der Banernrevolten in Rumänien, was ich im vergangenen Winter auf dem Kriegsschauplatz in der Türkei gesehen und erlebt habe. Jene größeren Unglückssälle kamen dem Judentum von außen. Was ich jetzt beobachtet habe, sind die Wirkungen von liebeln, die in uns selbst ihren Sitz haben und die mir ganz besonders gefahrvoll erscheinen." . . . Diese Worte kennzeichnen die Stimmung, aus der heraus Dr. Nathan zur Abfassung seiner Schrift gelangt ist. Und das Angeführte gleichsam illustrierend, heißt es in der Broschüre an anderer Stelle: „Als ich in die Nähe der Lämelschnle kam, passierte ich einen Trupp von vielleicht dreißig bis vierzig Leuten, darunter eine Anzahl Neugieriger, alsdann einige der streikenden, jüngeren Lehrer in Begleitung von einigen Schülern, die sich ihnen angeschlossen hatten. Man ließ mich ruhig vorübergehen; aber als ich den Rücken gewandt, hatte inan den Mut, mich in der gemeinsten Weise zu insultieren. Man rief hinter mir her: „Pfui! Schande! Schmach! Fort mit den fremden Schweinen!" Und dann nicht wiederzugebende hebräische Schmähungen. So oft ich mich umdrehte, verstummte diese traurige Gesellschaft, und so oft ich den Rücken kehrte, um weiterzugehen, begann diese freundliche Begrüßung von neuem, vor der mich meine weißen Haare nicht schützten." Traurige Gesellschaft! Kein Verdammungsurteil, kein Entrüstungsrus, nur die schmerzliche Kennzeichnung einer kläglichen Situation. Doppelt und dreifach schmerzlich im Hinblick auf den trüben Hintergrund, von dem der Vorgang grell sich abhob. Und meisterlich versteht es Dr. Nathan, die einzelnen Erscheinungen ins richtige Licht zu rücken und von dem, was sich abgespielt hat, ein packendes Bild zu entwerfen. Erschüttert und bangenden Herzens gewahren wir die ganze Szenerie, die er vor unseren Augen entrollt; erschüttert ob des großen Unheils, das heraufbeschworen worden ist, und bangenden Herzens in der Zweifelsfrage, wie weit sich alles noch zum Guten wieder

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