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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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hindert häufig das berechtigte Streben nach Glück und Zufriedenheit - das angeborene Recht eines jeden Menschen — und macht sogar zeitweise die Bewahrung der Selbstachtung schwierig. Ans dieser Situation heraus, die sich in jenen Ländern immer mehr verschärfte, wo Siege und Niederlagen in Eroberungskriegen starke Heimats- und Nationalitätsgefühle hervorgerufen hatten, wie besonders in Deutschland und Frankreich, und wo folglich, die Grenzlinien zwischen Rassen und zwischen Bekenntnissen ziemlich scharf gezogen waren, erwuchs zweifellos zuerst das Verlangen der Juden, aus der Basis dessen, was sie für eigenes besonderes Erbe hielten, eine kompakte internationale Masse ihres eigenen Volkes zu bilden, so daß auch sie ihrerseits Zuflucht nehmen könnten zu der einigenden Entwicklung von Rasse und Nationalität. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß es Theodor Herzl war, der, in tiefem Gefühl der Demütigung für die moralischen — sogar mehr als die tatsächlichen — Leihen der Juden, mit einer Kraft des Ausdrucks, die ihn fast an die Seite der Propheten stellte, mit der Voraussicht und der Organisationsfähigkeit des echten Staatsmannes begabt, zuerst die Idee des Zusammenschlusses der Juden der ganzen Welt in eine homogene Organisation erfaßte und verwirklichte, die die Wiedergewinnung Palästinas und die Aufrichtung eines jüdischen Staates daselbst — eines „Judenstaates", wie Herzl es nannte — zum Ziele hat, der eine rechtlich gesicherte Heimstätte für die Juden und ein Rückhalt für die Juden in aller Welt werden sollte. So begann der Zionismus und machte bei den Juden in jedem Lande der Diaspora weitere Propaganda. Wir wissen, daß er sich wie ein Lauffeuer ausgebreitet hat, wie er die Juden jeder Richtung des Glaubens und Unglaubens ergriff, wie er alt und jung um sein Banner scharte, und wir können zugeben, daß er ein neues jüdisches Bewußtsein und jüdische Selbstachtung erweckte. Ich bin kein Zionist, wenn der Ausdruck die Juden als nationale Separatisten unter den Nationen der Welt bezeichnen soll, oder auch wenn damit gemeint ist, sie zu einem vom Glauben ihrer Ahnen unabhängigen Volk zu machen, aber ich möchte keinen Augenblick die einigende Kraft herabsetzen, die der Zionismus bis zu einem gewissen Grad bewährt hat, und deren Wert, als zeitweiliges Hilfsmittel und in gewissen Grenzen gehalten, nicht unterschätzt werden sollte. Er hat der andersgläubigen Welt bewiesen, daß die Juden ihre Selbstachtung nicht verloren haben, er hat die Juden in weitem Ausmaße sich auf sich selbst besinnen lassen, er hat, mehr als vielleicht irgend etwas sonst dies bewirkt haben könnte, ihnen den Wert ihres eigenen Erbes gezeigt. Er hat die Anstrengungen beschleunigt, Palästina wieder zu Ehren zu bringen, und wenn er auch nicht — was weder ausführbar noch wünschenswert ist — dort einen jüdischen Staat wiederherstellen kann, so hat er tatsächlich wenigstens unser Geburtsland von dem Schmutz und der Erniedrigung befreit, denen es gleich wie ein großer Teil der Bevölkerung verfallen war, so daß Palästina, das immer für die Juden ein anziehendes Zentrum gewesen ist, mit der Zeit wahrscheinlich in ein Land verwandelt werden kann, wohin mit Einschluß der es umgebenden Distrikte die Juden aus den Ländern der Verfolgung answandern können. In diesem Sinne können wir, wo immer auch unsere Heimat sein mag, den Zionismus unterstützen, auch wenn wir uns nicht als Zionisten bezeichnen wollen, da dies zu einem Synonym für jüdischen Nationalismus geworden ist. Ich habe mich oft gefragt, wie ich mir und anderen am besten erklären könnte, warum es ein Paradoxon für die amerikanischen Juden ist — wie für die Juden jedes Landes, wo ihnen bürgerliche Rechte gern und bereitwillig gewährt werden — sich als jüdische Nationalisten zu bezeichnen, d. h. WWWMM als Angehörige einer Nation, die in Wirklichkeit nicht existiert, die man aber wiederherzustellen sucht. Ich kann mir selbst diese Erklärung sehr wohl geben, denn ich fühle es im Innersten, warum ich als Amerikaner, ein wie guter Jude ich auch zu sein suche, doch ein jüdischer Nationalist nicht sein kann, aber wenn ich dies anderen genau erklären soll, so finde ich dies schwieriger. Daher werde ich einen anderen anführen, dessen Definition der Bedeutung des Nationalitätsgefühls meinem Empfinden nach am besten ausdrückt, was ich in dieser Richtung sagen möchte. Ich verweise auf Dr. Ludwig Haas, einen jüdischen deutschen Reichstagsabgeordneten, der vor einigen Monaten in einer Rede von der zionistischen Behauptung sprach, daß „Nationalitätsgefühl" in lebendigem Bewußtsein gemeinsamer Abstammung, der Zusammengehörigkeit und im Glauben an eine gemeinsame Zukunft bestehe. Wenn dies richtig wäre, könnte es nicht etwas wie amerikanisches Nationalitätsgefühl geben. Denn in welcher Nation kann eigentlich weniger Gefühl gemeinsamer Abstammung bestehen, als bei den Amerikanern, deren Vorväter von den Völkern der ganzen Welt hergekommen sind. Und trotzdem sind wir alle Amerikaner und haben das Gefühl gemeinsamer Nationalität. Denn was mehr für das Nationalitätsgefühl ausmacht als irgend etwas sonst, ist eine gemeinsame Kultur. Kultier und Literatur sind zwei verschiedene Dinge, und während wir als Juden das Erbe einer großen Literatur haben, besitzen Mir keine gegenwärtige gemeinsame Kultur, welche gegenteiligen Ansprüche auch erhoben werden. Wir sind Juden deutscher, französischer oder angelsächsischer Kultur, entsprechend der Kultur der Nation, in der wir leben, und von der wir ein Teil und ein Stück geworden sind. Wir und unsere Kinder stinunen mit Freude, ja leidenschaftlich in die schöne Nationalhymne ein: „Our country, ’tis of tliee, of thee we sing", und dies soll eine wahre und nicht leere Aeußerung von uns sein. Gemeinsame Sprache bestimmt gemeinsame Nationalität, die Liebe zu dem Lande, in dem wir leben und in dem die Zukunft unserer Kinder liegt, schasst den Begriff und das Gefühl nationaler Angehörigkeit. Wenn also, wie ich glaube und bereits gesagt habe, die gemeinsame Sprache mehr als etwas sonst das Gefühl nationaler Angehörigkeit bestimmt, dann sollten wir auch, wenn wir Teil und Stück einer erneuerten jüdischen Nation zil sein wünschen, in den Ländern der Diaspora zu dem Gebrauch der hebräischen Sprache zurückkehren, und solch ein Streben würde, wie wir alle wissen — und sollte — kläglich scheitern. Der Irrtum, den die jüdischen Nationalisten begehen, ist der, daß sie sich bemühen, Nationalgesühl dem unterznschieben, was in Wirklichkeit ein Gefühl der Zusammengehörigkeit als ein Volk gemeinsamen religiösen Glaubens ist, ein Gefühl, Besitzer einer alten Literatur zu sein, und von der leider ein so großer Teil unserer jüngeren Generation allzuwenig weiß das Gefühl des unbestreitbaren gemeinsamen Besitzes der stolzen Erbschaft, den Völkern der Erde ihren Gott und ihr Gesetz gegeben zu haben, und einer gemeinsamen, doch noch unerfüllten Mission der Juden, den Tag näher zu bringen, wo nur ein Gott und eine menschliche Brüderschaft sein soll. Diese Mission können wir nur ihrer Erfüllung entgegenbviugen helfen, indem wir bleiben, was wir jetzt sind — Teil und Stück der Völker der Erde. Es wird von den Zionisten beansprucht, daß jeder in der Judenheit Geborene - - auch wenn ganz losgelöst vom jüdischen Glauben, sei er selbst ein Atheist oder Agnostiker — seinen eigentlichen Platz im Judentum hat. Was mich betrifft, so kann ich nicht zugeben, daß in Wirklichkeit ein Judentum ohne Vertrauen zu dem Geist und dem Ziel des jüdischen Glaubens — nicht notwendigerweise Glaubensbekenntnis und Dogma — möglich ist, und während es fern von mir ist, aus dem Judentum irgend jemand ausgestoßen

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