Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229133--70202-3282535
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

'.U 102 - WW mit der schriftlichen Widmung: „Lies fleißig in diesem heiligen Buche und werde ein recht fromme r (5 hri st." Dann wurde er zur Schule zurückgebracht. Die Bibel verblieb gleich dort beim Lehrer. Spätere Erkundigungen, ob Leopold nun getauft sei, sielen negativ aus und wurden schließlich eingestellt. Zwei Jahre nach der Barmizwah kam mein Vater in die Lehre, zunächst in ein Geschäft, wo es ihm nicht gefiel. Darum suchte er sich ganz allein unb gegen den Willen des Vaters eine Stelle in der Seidenwarenfabrik von Jacob Abraham Meyer. Der Chef, Geheimer Kommerzienrat Meyer, nahm ihn sofort an. Er blieb in diesem Geschäft von 1837 bis 1844, zuerst als Lehrling, später als Kommis und Reisender. Schon mit 21 Jahren aber etablierte er sich selbständig, und zwar als Detaillist. Dies scheint ein ziemlich kühner Schritt gewesen zu sein, da das Seidendetailgeschirft damals fast ausschließlich in den Händen von Kolvniefranzosen lag. Er war damals 21 Jahre alt, und da die Großjährigkeit erst mit 24 Jahren eintrat, mußte er durch einen besonderen Rechtsakt ans der väterlichen Gewalt entlassen werden. Die Urkunde darüber liegt nur noch vor. Das Attest kostete 7 Thaler 21 Sgr. 10 Pf. Zu den früheren Chefs meines Vaters gehörten außer dem Geheimen Kommerzienrat Jacob Abraham Meyer auch dessen Kompagnons, die späteren Geheimräte Joel Wolfs Meyer und Stadtrat Meyer Magnus, sowie Julius Meyer, sämtlich als Würdenträger der Jüdischen Gemeinde sehrbekannt. Jacob Abraham Meyer war so fromm, daß er jede Leiche zu Fuß im Trauermantel an den „guten Ort" geleitete. Das erste Geschäftslokal meines Vaters lag in der Jügerstraße, Ecke der Oberwallstraße, neben einem Wasfenladen von Schmolz, welcher 1848 von der Volksmenge gestürmt wurde. Meine Mutter, mit der sich mein Vater zu 26 Jahren, ein Jahr nach der Revolution, verlobte und zu 27 Jahren verheiratete, war in Elbing als Tochter von Benjamin Oppenheim und Rosa geborene Schmuel Badt geboren, aber als Kind von wenigen Monaten mit ihren Eltern nach Berlin übergesiedelt. Diese Familie gehörte zu den Engroshändlern, welche sich in und um die Spandauer Straße gruppierten und ihren gesellschaftlichen Mittelpunkt in der „Gesellschaft der Freunde" hatten. Meine Eltern hatten sich beide schon als junge Leute der von Dr. Sigismund Stern begründeten Reformgemeinde angeschlossen. Es war auch beabsichtigt, die Hochzeit in großem Stil nach, dem neuen Ritus zu feiern: aber eine eiutretende Krankheit des Brautvaters vereitelte diese Absicht. Das junge Paar wohnte zuerst in jenem Hause hinter der Schinkelschen Bauakademie, in welchem sich bis vor einigen Jahren die Weinhandlung von Theovhoon Kühne befand. Später wurde Wohnung und Geschäftslokal nach der Jägerstraße in das Haus der Schaußschen Konditorei verlegt, der „Damenkonditorei". Wir wohnten in der Beletage; der Laden befand sich im Erdgeschoß. Mein Vater war ein sehr fleißiger Kaufmann; aber da ich als sein einziger Sprößling keine Neigung für den Handel zeigte, zog er sich schon 1864, also zu 42 Jahren, vom Geschäft zurück, das heißt er gab es auf, obgleich er wohl besser abgeschnitten hätte, wenn er das blühende Unternehmen als Ganzes verkauft hätte. Aber es widerstand seinem Gefühl seine Namenssirma in andere Hände übergehen zu lassen. Wir zogen dann nach der BellevuestrMe. Solange mein Vater das Geschäft hatte, hatte er nie eine Vergnügungsreise unternommen, obgleich er jährlich zweimal nach Paris ging Als Rentier hatte er mehr Zeit, und er widmete dieselbe außer der Gattin und dem Sohne, und später, nachdem er Grundbesitzer geworden war, seinem Hause, zum großen Teil der Reform. In der Gottesdienst- und in der Plätzekommi-sfion war er sehr tätig; später wurde er in den Vorstand gewählt. Er nahm sein Ehrenamt ganz so ernst, wie er seinen früheren Beruf als Kaufmann genommen hatte. Die Reform genügte ihm auch völlig: er hat weder städtische noch Aemter in der großen Gemeinde jemals bekleidet. Er war von Natur sanft und mild und verlengnete in seinem Benehmen nicht den früheren Berus, der ihn stets mit einem vornehmen Damenpublikum in Berührung gebracht hatte. Aber er konnte auch sehr heftig und zornig werden, besonders wenn gegen die jüdische Religion oder gegen die Reform Angriffe gerichtet wurden. Obgleich er von Natur sehr gastfrei veranlagt war, konnte er sowohl wie meine Mutter dem steigenden Luxus keinen Geschmack abgewinnen. Beide wurden nicht müde, die üppiger werdende Lebensführung und die (— vielleicht —) damit in Zusammenhang stehende Sittenverwilderung zu kritisieren. Von jüdischen Sitten war meinem Vater gerade dasjenige am meisten an das Herz gewachsen, welches einer herben Lebensführung entsprach: strenges Fasten am Versöhnnngstag, Beschneidung der Knaben und dergleichen schätzte er viel höher ein, als Nichtkenner vielleicht an einem begeisterten Anhänger der Reform vermuten sollten. Es war meinen Eltern vergönnt, 1899 die goldene Hochzeit zu feiern; beide erreichten das Alter von 80 Jahren. Ihr Verhältnis zum Judentum kann nicht besser charakterisiert werden, als es Dr. Levin in der Grabschrift meines Vaters ausgedrückt hat: „S e i n H a n s schuf e r zum Temp el; das Gotteshaus war ihm H e i m a 1." Mein Vater starb am 27. November 1902. G e o r g Mi n d e n. Lionismus und Mtionalismus. Von Jacob H. Schiff. Vortrag in der C. C. N. 2). Menorah Society, 7. Januar*), ie waren so freundlich, mich einzuladen, einen Vortrag in Ihrer Gesellschaft zu halten und stellten mir die Wahl des Themas frei. Ich habe als Gegenstand „Zionismus und Nationalismus" gewählt und bitte um Erlaubnis, die Gründe auseinanderzusetzen, die mich dazu veranlaßt haben. Mit dem Heranwachsen der Nachkommen unserer Glaubensgenossen, die in den letzten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts hierhergekommen sind — viele dieser jüngeren Generation sind bereits hierzulande geboren — trat ein amerikanisches Judentum ins Leben, dein notwendigerweise die verantwortliche Entscheidung über die künftige politische und soziale Stellung der Juden innerhalb dieser großen Nation zufallen muß. Ja, ich gehe noch weiter und fühle mich berechtigt, meine Ueberzeugung auszusprechen, daß der emporkommenden Generation der amerikanischen Juden und insbesondere denen, die jetzt zu Männern heranwachsen, zweifellos die Führerschaft in der jüdischen Welt zukommen wird. Wegen dieser schweren Verantwortung, der nicht auszuweichen ist, ist es so sehr wichtig, daß wir klar einsehen lernen, was der Jude in seinem Geburtslande sein sollte, und welche Stellung er zu seinen Glaubensgenossen in anderen Ländern der ganzen Welt nehmen soll. Bis vor dreißig oder vierzig Jahren war die jüdische Bevölkerung der Welt, die verschiedenen Länder einzeln genommen — außer Rußland und einigen slawischen Ländern — verhältnismäßig klein. Erst mit dem Beginn der Unterdrückung und Verfolgung — hauptsächlich in Rußland und Rumänien — die sich zuerst Anfang der achtziger Jahre so sehr steigerten und seitdem so rapide zugenommen haben, wurden die jüdischen Massen dieser Länder gezwungen, andere Heimstätten zu suchen, und so begann, was eine jüdische „Völkerwanderung" oder Exodus genannt werden kann, die noch nicht ihr Ende erreicht hat, und die zu der starken Vermehrung der jüdischen Bevölkerung fast aller zivilisierten Länder geführt hat. Nach unserem Lande, das zu ihm kommenden Fremden gegenüber so gastlich ist, lenkten unsere verfolgten Glaubensgenossen mehr als nach irgendeinem anderen Lande ihre Schritte, und dies hatte zur Folge, daß gegen eine jüdische Bevölkerung von 250 000 vor 30 Jahren jetzt in den Bereinigten Staaten wahrscheinlich mehr als zwei Millionen unseres Volkes wohnen. Das rapide Einströmen eines neuen, bis zu einem gewissen Grade fremden Elements in die Bevölkerung der Länder der Diaspora erweckte bald von neuem — insbesondere in Europa, wie vielleicht natürlich — und mit vergiftender Kraft die Vorurteile, die immer gegen die Juden existiert hatten, und die — ein je wichtigerer Faktor sie im Wirtschaftsleben eines Landes werden — mit um so größerer Stärke bei der einheimischen Bevölkerung in die Erscheinung treten. Solch Vorurteil kann, wie wir wissen. Formen annehmen und nimmt sie gewöhnlich an, die für diejenigen, gegen die es sich kehrt, außerordentlich unbequem werden, und *) Aus dem „American Hebrew", 16. Januar 1914.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.