Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Es scheint das Ideal einiger reicher Leute zu sein, in ihr Heim und ihr Leben jede Form von Eleganz zu bringen und jede Einfachheit auszuschließen. Die absolute Notwendigkeit, Kostbarkeiten zu lausen, die nicht einmal durch den Umstand gerechtfertigt werden kann, daß dadurch andere Leute in Nahrung gesetzt werden, ist der Ausdruck einer jener Moden, die uns bekümmern. Aber von größtem Uebel halte ich die Vorliebe für kostspieliges Essen, die so viele veranlaßt, ihr behagliches Familienleben anszugeben, um im Restaurant zu speisen. Wenn wir unsere Erholung in Aufregung suchen, sei es die des Bridgetisches, des Rennens oder eines Ausverkaufs, so laden wir eine schwerere Schuld auf uns, als in unserem Privatkonto verzeichnet ist. Wir geben denen, mit denen wir zusammen arbeiten, einen falschen Eindruck von uns selbst. Wenn es uns gelungen ist, ihre Liebe und Bewunderung zu erwerben, dann haben unsere Ideale natürlich einen starken Einfluß auf sie, und wir dürfen sie nicht glauben lassen, daß wir unser Kleid, unseren Schmuck, unser reiches Mittagessen, unsere Spielleidenschast höher als alles andere schätzen, denn dann werden sie sich nur die Zeit herbeiwünschen, in der ihnen gleiche Glückseligkeit zuteil wird. Es scheint, daß gerade wir Müßigen dazu berufen sind, der Welt einen wahren Begriff von Glück zu übermitteln. Wenn wir nach ehrlicher Selbstprüsung sagen können, daß wir unser größtes Glück in Dingen finden, die nicht mit Geld gekauft und bezahlt werden können, dann wird sicherlich eine bessere Zeit für den müden Arbeiter herankommen, der von uns Rat und Ansporn erwartet. Aber wenn auch unser Begriff von Glück bestimmt werden muß durch das Gefühl der Verantwortung für die, die wir beeinflussen können, so ist doch in unserein Leben Raum genug für den Sinn der Freude, die aus einer überirdischen Quelle ungetrübt vom Weltschmerz uns zuzuströmen scheint, und ich glaube, daß diese Heiterkeit ein notwendiges Handwerkszeug des erfolgreichen Arbeiters sein muß. - Da wir Muße so definieren, daß wir freie Verfügung über unser Leben haben, müßten wir es ermöglichen können, so zu leben und zu arbeiten, daß wir ein wahres Ebenbild der göttlichen Persönlichkeit werden, lind die Widerspiegelung des Göttlichen in uns wird das Vertrauen derjenigen erwecken, die mir zu beeinflussen suchen. Betrübt uns nicht oft die schwächer lverdende Wahrheitsliebe in der Allgemeinheit: Personen, die im Geschäftsleben stehen, halten sogenannte geschäftliche Lügen für notwendig, lind da der Begriff „Geschäft" für so manche Tätigkeiten angewendet wird, so neigen moderne Männer und Frauen zur weitgehendsten Nachsicht gegen sich selbst. Aber natürlich können sie ihr Leben nicht in bestimmte moralische Abteilungen teilen, und ihr Sinn für Wahrheit leidet, weil zuzeiten der Begriff zu leicht genommen wird. Was nun uns müßige Frauen anbetrifft, so sollte uns gerade die Wahrheit am Herzen liegen, aber es ist geradezu überraschend, was für Uebertreibungen ganz selbstverständlich gebraucht werden, um in der Debatte oder Diskussion zu siegen oder um unsere höchsten Ueberzeugungen zu verschleiern. Immer und immer wieder werden von den Müßigen, die doch nach unserer Definition freie Verfügung über ihr Leben haben, ganz mit voller Ueberlegung Unwahrheiten gesagt, um eine unangenehme Situation zu verbergen oder einen gesellschaftlichen Triumph zu ergattern. Wie können wir unsere täglichen Gedanken trainieren? Ich habe schon erwähnt, daß wir am besten Gelegenheit dazu finden werden, richtiges Verständnis für unsere Arbeit zu bekommen, wenn wir eine gewisse Zeit zllr Ueberlegung bestimmen, das heißt, zuin Gebet in irgendeiner Form, aber wir bedürfen auch einer gewissen Trainierung unseres Intellekts, und gerade das mißlingt den meisten von uns so vollständig. (Schluß folgt.) Leopold Minden. ein Vater wurde nur 1K August '1822 in Berlin in einem Eckhause der König- und Klosterstraße geboren. Sein Vater hieß Suudel (Lanulet) ben Joseph Minden und entstammte einer Berliner Familie. Auf dem alten Friedhose in der Großen Hamburger Straße liegt mein Urgroßvater Joseph Minden zu den Füßen seines Vaters begraben; die Familie hieß ursprünglich D o b r i s ch, hatte aber den Namen M i n d e n schon lange vor der Emanzipation von 1812, der die Inden zur Annahme deutscher Namen zwang, angenommen. Es scheint, daß mein Urgroßvater den Namen Ni i n d e n auf Grand einer Adoption oder infolge der Verwandtschaft von weiblicher Seite mit einer anderen Familie Minden gewählt hat. Jedenfalls kann ich eine direkte Abstammung von dem bei Karpeles erwähnten Jehudah Löb Minden, dem Verfasser eines deutsch-jüdischen Lexikons Millim l'Eloah nicht Nachweisen. Tie Mutter meines Vaters, Limmut (Lina), Tochter des Joel Evhn aus Strelitz in Mecklenburg, starb bei der Geburt meines Vaters. Auch sie liegt in der Großen Hamburger Straße begraben. Ihre Grabschrift ist in deutscher Sprache, aber in hebräischen Lettern abgefaßt: „Nur zehn Monat genoß sie die Freuden der Ehe; weinend steht am Grabe der Gatte und beklagt den teuren (sie!) Verlust. Sanft ruhe ihre Asche!" Mein Vater wurde einer alten, in solchen Fällen geübten Sitte gemäß mit dem weiblichen Vornamen der Entschlafenen L i m m n t benannt, welchem als Nusnamen Leopold substituiert wurde. Nach Jahresfrist heiratete mein Großvater die bedeutend jüngere Schwester seiner ersten Gattin. Beide erreichten ein hohes Alter; mein Großvater starb 186!, und ich entsinne mich, daß ich als elfjähriger Junge mich recht erhoben fühlte, als bei seinem Begräbnis auf der Schönhauser Allee ein hoher Offizier in Uniform erschien — - ein Ereignis, das, wie man sich zuslüsterte, seit dem Begräbnis des! Majors Burg nicht mehr vorgekommen war. Meine Stiefgroß-! mutter, die aber so.gut zu mir war, wie nur eine echte Großmutter j sein kann, starb 1878. Bei ihrem Tode fand sich, daß sie die ganze Ausj steuer ihrer verstorbenen älteren Schwester und Vorgängerin in der I Ehe niemals in Gebrauch genommen hatte. So war auch deren j Brautkleid aus dem Jahre 1821 noch vorhanden, ein weißes, seidenes! Schnurrenkleid mit hoher Taille (sogen. Königin Luise); ich j habe es dem Märkischen Museum geschenkt. Meine Großeltern! traten den Zug nach dem Westen frühzeitig an. sie nahmen Wohnung! in der Dorotheenstraße; mein Vater besuchte die Kuppsche (jetzt Dorotheenstädtische) Schule und das Graue Kloster - - ich weiß nicht, welche Schule zuerst. Aus der KnPPschen Schule ist meinem Bater folgendes interessante Erlebnis, das er mir oft erzählt hat, in der Erinnerung geblieben. Mein Großvater stand in Geschäftsverbindung mit dem. damaligen allmächtigen Kriegsminister v. Witzleben. Eines Tages wurde mein Vater aus der Schule in das Ministerhaus abgeholt. Die Ministerin empfing ihn mit folgender Anrede: „Mein lieber Leopold, dir soll heute eine große Ehre zuteil werden. Ter Minister liegt krank, zu Bett - (ich glaube, er hatte ein Bein gebrochen) Der einzige Besuch, den er bis jetzt empfangen hat, war der seines Königs (Friedrich Wilhelm III.); du sollst der Zweite sein." Man kann sich den Eindruck auf ein Knabengemüt vorstellen. Als mein Vater das Krankenzimmer verließ, wurde ihm eine Bibel ausgehändigt. Leopold I. Minden.