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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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IDO trösten zu lassen". Bisher durchzogen die Missionare alle Provinzen, die von Falaschas bewohnt sind, sie versetzten uns in Unruhe, indem sie sagten, daß die Gesetze und Vorschriften der Bibel abgeschafft sind, sie zerstörten viele unserer Gemeinden, schleppten unsere Kinder aus Abwege, entrissen sie uns, um sie zum Unheil zu führen, und sagten uns, daß Israel verschwunden lväre, und daß die ganze Welt von der christlichen Religion geleitet wird, und daß darum auch wir lins ihnen anschließen sollten. Aber jetzt, seitdem der Meister Jacob gekommen ist, ist unser Herz ruhig; alle nufere Verführer fühlen sich beschämt inld lassen uns in Frieden. Durch Eure Gebete und die Gunst Gottes haben wir Ruhe vor unseren Feinden gefunden: Nur bitten, uns auch in Zukunft nicht zu vergessen in Euren Gebeten lind in Eurer Hilfe. Heute danken wir Euch für das, was Ihr zu unseren Gunsten erdacht habt. Denn da wir uns ohne Bücher befanden, blieben unsere Kinder blind nild töricht. Geschrieben von Debtera Henoch, Debtera Bitalvelegu, Debtera Eyob David, Debtera Semani, Ato Benyam, Bedjeroud Lemma, Belata Tessema, Bedjeroud Zalvedie lind vom Schreiber Debtera Bazaue, am 22. des zweiten Monats. 3. Brief der F a l a f ch a s von T i g r 6. Gelobt sei Gott der Herr Israels! (Brief, gesandt von den jüdischen Gemeinden des Tigre, möge er gelangen an die geschätzten und geehrten Gemeinden aller Länder.) Lalam, Lalam! Befindet Ihr Euch recht wohl? Bisher gab es keinen Vermittler, durch den lvir Nachrichten mit Euch austauschen konnten: jetzt, lvo, Gott sei es gedankt, der Meister Jacob uns Eure Nachrichten gebracht und von Eurer großen Herzlichkeit berichtet hat, betrachten nur ihn als einen Gesandten Gottes, und wir sind darüber sehr, ja ilnbeschreiblich glücklich. Wir befinden uns in elender Lage; helft uns mit Euren Gebeten. Wir freuen uns außerordentlich und danken Ellch herzlich, daß Ihr in Anbetracht dessen, daß lvir allein nicht in der Lage sind, Lchulen zu gründen, in Eurer Güte und in Eurem Edelmut beschlossen habt, uns zur Leite zu stehen und damit 31t beginnen, Lchulen einzurichten, lvo unsere Kinder die Vorschriften nild die Gesetze der Bibel lernen werdell. Den Tomarä Ehewuna, den Ihr uns geschickt habt, haben lvir gelesen, lvir haben daraus gesehen, daß er zu Nutz und Frommen unserer Gemeinde dient; lvir sind damit sehr zilsrieden und danken Euch dafür. Wenn wir Bücher der Bibel, der Propheten und Psalmen sowie andere Unterrichtsmittel finden können, damit unsere Kinder daraus die Vorschriften und das Gesetz lernen können, würden lvir große Freude empfinden, und es lvürde viel dazu beitragen, uns anfznklären. £, Ihr Brüder, wir befinden uns augenblicklich am Rande eines Abgrunds; wir sind in geringer Zahl zurückgeblieben. Betet für uns und vergeht unserer nicht in Euren Gebeten. Wir bitten zu Gott, unseren Herrn Meister Jacob vor jedem Unheil, vor Ungemach, vor Lchmerz zu behüten und ihm ein langes Leben und gute Gesundheit zu gewähren. Geschrieben in der Lynagoge von Addi-Schowa am 14. des 13. Monats (23. März 1913) voll Debtera Barok, Debtera Lagija, Debtera Iossief, Ato Mangaschä. Der rührende Inhalt der vorstehenden Schreiben muß in jedem unserer Glaubensgenossen den Wunsch wecken, den Falaschas in ihrer religiösen Not beistehen und Hilfe bringen zu können. Noch niemals ist der Ruf nach Belehrung und Befestigung in den Quellen unserer heiligen Religion, nach Stärkung im Glauben der Väter so dringend an unser Lhr gelangt wie von seiten der Falaschas. Es wäre betrübend, wenn er in unseren Herzen nicht einen kräftigen Nachklang findet und nicht alle unsere Glaubensgenossen antreibt, ihrerseits zu dem Gelingen des in Angriff genommenen Werkes beizutragen. Mih Itilv ih. flonlagu. Eingeleitet und übersetzt von Martha S t e i n i tz. H. or einigen Wochen fragte ich eine kleine Kontoristin von sechzehn Jahren, ob sie Zulage erwarten könne, denn ich wußte, daß ihre schwer arbeitende Mutter und ihr kranker Vater darauf warteten, und sie antwortete: „Ach nein, ich fürchte, ich kann für eine Weile keine erwarten, man schuldet uns 200 Pfund Sterling." Sie nannte mir dann die Namen von einigen sozial arbeitenden Frauen, bei denen ihre Firma faule Außenstände hatte, die in nebelhafter Zukunft eingehen würden. Ich bin ganz sicher, daß diese Frauen sich nicht Zeit genug genommen hatten, zu bedenken, daß ihre Gedankenlosigkeit die ganze Firma angreise, selbst die kleinste Angestellte des Geschäftshauses mit, das sie mit ihrer Kundschaft beehrten. Alexander Paterson sagt in seinem wundervoll realistischen Bilde von dem Leben in Südlondon: „Kein Arbeitgeber sollte auch nur ein Goldstück der Wohltätigkeit opfern, bevor er das System, unter welchem seine Angestellten für ihn arbeiten, so reformiert hat, daß er gewiß sein kann, daß sie ihm dienen, ohne ihren Glauben, ihre Moral, ihre Religion opfern zu müssen. Tie Hausfrau, die ihr kleines Reich hinter der Küchentür weise und verständnisvoll regiert, der Müßige, der sich für die Lebensverhältnisse seiner Dienstboten und die des Liftboys in seineur Klub interessiert, sie haben alle ihren sozialen Verpflichtungen genügt." Je mehr Zeit wir zur Ueberlegung haben, desto größer wird der Wunsch nach eigener Entwicklung in jeder Richtung. Aber wir müssen uns daran erinnern, daß Eigenkultur, lvenn sie nicht einem höheren Zwecke geweiht ist, nichts anderes ist als Selbst- Vergötterung. „Das äußerste Geheimnis der Kultur ist," so sagt Emerson, „daß wenige große Hauptsachen überall erscheinen, in der Armut der niedrigen Hütte so gut wie in dem Wirrwarr des hauptstädtischen Lebens, und nur diese wenigen Hauptsachen sollten beachtet werden: Flucht vor allen Lügen, Mut, das zu sein, was wir sind, Liebe zu dem, was einfach und schön ist, und dazu der Wunsch zu dienen und mit etwas die Wohlfahrt der Menschen zu verbessern." Soviel wirklich Wichtiges des einfachen Lebens ist dadurch verloren gegangen, daß man über Kleider und Essen spricht, so daß wir leicht vergessen, daß die wahre Einfachheit, die den Schatz der Seele bildet, nicht erreicht werden kann durch „einen Sprung, sondern durch steten Gehorsam, durch stetes Befolgen der wohlbekannten Gesetze des moralischen und geistigen Lebens. Unser bestes modernes Wort dafür ist vielleicht: Aufrichtigkeit." Aber auch von einem anderen Standpunkte aus erscheint eine tatsächliche Vereinfachung des Lebens notwendig. Wir haben alle ein vages Bewußtsein von der Wunde in unserem Gesellschaftsleben, und es ist gut, daß unser Bewußtsein so undeutlich ist, denn wenn es bestimmter wäre, so könnte die Last für einige unter uns zu schwer werden. Aber ich habe die Empfindung, daß wir uns bis zu einem gewissen Grade von dieser Erkenntnis beeinflussen lassen sollten. Vor einigen Monaten besuchte ich in einem Londoner Hospital einen Kranken. Beim Hinausgehen traf ich eine Frau, die mich um einen Halfpeuny (vier Pfennig) für eine Arzneiflasche bat, weil die Patienten ihre eigene Arzneislasche in die Poliklinik mitbringen müssen. Sie zeigte mir ihren Finger, der frisch verbunden werde mußte: man hatte ihr gesagt, daß sie eine Flasche mitbringen solle, und sie hatte nur einen Halst Penny, es fehlte ihr ein Halspenny. Ta wir gelehrt werden, daß hinter einem so gelegentlichen Ansprechen oft ein Betrug steckt, zögerte ich, bevor ich ihr zwei Halfpence gab. Sie sah mich besonders dankbar für das Ertrageld an, und ich schämte mich tüchtig, daß ich ihr nicht mehr gegeben hatte. Ich beobachtete, wie sie zur Poliklinik zurückging, ihre Arznei holte, und es erschien mir schrecklich, daß in rinserer zivilisierten Stadt heutzutage einer Frau der nötige Halfpenny fehlen sollte, um eine Arzneiflasche zu holen. Angesichts solchen äußersten Elends scheint es ein Verbrechen, daß man so leicht gedankenlose Verschwendung und gewissenlose Extravaganzen entschuldigt.

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