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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 vierten Welt erivachse, wenn so viele Millionen Menschen geradenwegs zur Revolution erzogen würden, und führte dann weiter aus, daß Rußland nur zlvei Auswege aus dieser Sackgasse habe: Aushebung der die Juden beschränkenden Gesetze oder kräftige Unterstützung des Zionismus; beides würde für Rußland einen ungeheuren Zuwachs an weltwirtschaftlicher AktioiEaft bedeuten; im ersten Falle durch die Belebung des Handels und Verkehrs, im zweiten durch den großen Einfluß, den es durch Vermittlung der Zionisten auf die Gestaltung der Geschicke der Türkei erhalten könne. Wie schon angedeutet, meine Ausführungen wurden von meinen deutschen Hörern in der Diskussion mit jenem Wohlwollen hingenommen, das man aus gesellschaftlichen Gründen „Anfängern" entgegenbringt; die anwesenden Zionisten erklärten es in ihrer temperamentvollen Art für Verleumdung, ihre Bestrebungen mit den Interessen der russischen Regierung in Zusammenhang zu bringen. Ich sprach damals nicht ohne nähere Kenntnis der russischen Judenpolitik und stand besonders unter dem Eindruck eines Gesprächs, das ich im Jahre 1901 mit dem damaligen Minister des Innern Sshpjagin geführt hatte. Er sagte etwa: Rußland nrüsse danach trachten, möglichst viel Juden zur Auswanderung zu bringen. Die ausgewanderten Juden seien sowohl m Amerika wie in Palästina Stützen der russischen Politik, im Innern dagegen ein unberechenbarer Sprengstoff. Im Jahre 1903 hat sich Ssypjagins Rachfolger Plehwe ähnlich gegen Herzl, den Zionistenführer, geäußert, die direkte Unterstützung der Zionisten aber unter Hinweis auf mögliche Mißhelligkeiten mit Frankreich abgelehnt. Später, im Jahre 1906, fand ich Bestätigung meiner Allsfassungen durch Gvingmut, den verstorbenen Chef der „Moskawskija Wjedomosti", das Organ jener Kreise, die heute durch Goremykin repräsentiert werden; er entwickelte seine Ideen über russische Judenpolitik dahin, daß Rußland den Zionismus benutzen könne, um den Z-usammbruäj der Türkei zu beschleunigen. Die Konstellation der politischen Faktoren, die die russischen Politiker abgewartet haben mochten, um die Juden in dem erwähnten Sinne zu nutzen, scheint inzwischen eingetreten zu sein, und mit Hilfe amerikanischer Agenten wird das Streben der Zionisten in der Sprachenfrage unterstützt. Gelänge es in der Tat, in Palästina einen nennenswerten Teil russischer Juden anzusiedetn und die Türkei dadurch um einen ilnruhigen Bevölkerungsteil zu bereichern, so gelvännc die russische Orientposition eine Stärkung, der wir nichts Aehnliches entgegenzusetzen vermöchten. Das ist in groben Zügen das große Problem, das hinter dem Sprachenstreit in Palästina steht. Unsere nationalen Politiker sollten sich nicht durch ihre antisemitischen Gefühle verleiten lassen, die Frage zu ignorieren. Es steht mehr aus dem Spiel, als es den Anschein haben mag, und der Hilssverein deutscher Juden, der auf der Verbreitung der deutschen Sprache besteht, beweist, daß seine Leiter das deutsche Interesse Zu würdigen wissen. So sympathisch die zionistische Bewegllng vom rein völkischen Standpunkt anmuten mag, die Haltung ihrer Führer in der Sprachenfrage bringt sie in scharfen Gegensatz zu den deutschen Interessen inr Orient, und die Versammlungen der Zionisten, die in diesen Tagen überall im Deutschen Reich stattsinden, bedeuten offenes Eintreten für die Interessen Rußlands. * lieber den Verlauf der am 22. d. M. stattgefun-denen Sitzung des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina erhalten wir folgenden Bericht: Den Mitgliedern des Kuratoriums des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina (Technikum Haifa) lagen in ihrer Sitzung am 22. Februar 1914 die Empfehlungen der amerikanischen Kuratorien vor. Auch auf Grund dieser Empfehlungen war es nicht möglich, zu einer Einigung über die Realschule zu gelangen. Ilm nicht das ganze Werk zu gefährden, wurde beschlossen, den Hauptstreitgegenstand zu beseitigen und von dem Plaue, dem Technikum eine Realschule vorzugliedern, überhaupt Abstand zu nehmen. Für das Technikum selbst waren größere Differenzen von vornherein nicht vorhanden, da nach Lage der Verhältnisse in der ersten Zeit flir die eigentlichen technischen Fächer eine andere als die deutsche Sprache nicht in Frage kommen konnte. Es wurden mit Bezug auf das Technikum unter mibcrem bei Anerkennung der amerikanischen Empfehlungen als Grundlage folgende Beschlüsse gefaßt: 8 1. n) Gleich von Anfang au werden Mathematik und Physik in hebräischer Sprache unterrichtet. b) In neu abzuschließenden Verträgen mit Lehrern wird ein Passus ausgenommen, laut dem sie sich verpflichten, vier Jahre nach ihrer Anstellung das Hebräische zu beherrschen, c.) Rach Ablauf des ersten vierjährigen Kursus am Technifitm wird das Kuratorium in Beratung treten, welche Gegenstände nach der derzeitigen Entwicklung der hebräischen Sprache und der hebräischen Unterrichtsmittel der hebräischen Sprache überwiesen werden können. § 2. Bei Anstellung von Lehrern müssen sämtliche Mitglieder des Geschäftsführenden Ausschusses befragt werden. Die Entscheidung fällt mit Majorität. § 3. Ins Kuratorium werden statt der drei ausgeschiedenen Mitglieder drei andere Zionisten kooptiert, von denen zwei dem Geschäftsführenden Ausschuß angehören. Mögen die mm gefaßten Beschlüsse alle bisherigen Differenzen beseitigen und endlich einen definitiven Frieden herbeisühren. Das wünschen wir sowohl im Interesse des begonnenen Werkes als auch in dem der jüdischen Gesamtheit, die des unerquicklichen Streites, der alle kulturelle Arbeit zu untergraben droht, müde ist und sich nach Frieden sehnt. * Während seines dritten Aufenthalts in Abessinien wurden Herrn Dr. F a i t l o v i t ch von den Häuptern der Falaschas die folgenden Briefe übergeben, „damit die Juden der zivilisierten Länder erfahren, mit welcher Spannung die Falaschas der Lösung ihrer Probleme entgegensetzen". Die „Settimana Jsraelitiea" veröffentlicht die Briefe, aus denen sich die Aufrichtigkeit des Strebens jener Glaubensgenossen in der weiten Ferne ergibt. Unsere Leser werden daraus in der Ueberzeugung von dem hohen Werte der Bewegung zugunsten der Falaschas und von der dringenden Notwendigkeit, dem gegenwärtigen unhaltbaren Zustande ein Ende zu machen, bestärkt werden. Wir lassen die Briefe hier der Reihe nach folgen: 1. Brief der Falaschas v o n A r m ätsche h ö. Im Rainen des Herrn, des gepriesenen und preiswerten, des Gottes unserer Ahnen, des Gottes Abrahams, Jsacs und Jacobs, des unsterblichen, unvergänglichen Gottes. Preis dem Herrn, der uns dies Ereignis hat erleben lassen. lEin Brief geschrieben und gesandt durch den Debtera (Gelehrten) Jacob F a i t l o v i t ch von den Kindern Israels, welche in den Tälern von Armatscheho wohnen, an die Gemeinden Israels, an alle unsere Brüder gerichtet.) Grütze, viele Grüße! Unter Eurem Schatten befinden wir uns wohl. Da wir von Eurer Existenz erfahren haben, begehrt unser | Herz, Euch zu begegnen: möge Gott unser Flehen erhören! Wenn Gott die Hoffnung verwirklicht, die er uns mittels des Meisters Jacob hat vernehmen lassen, wird es für uns sehr gut sein. Nachdem wir den „Tomara Ehewuna" (brüderlichen Brief) unseres Meisters Jacob gesehen und gelesen haben, hat unser Herz hohe Freude empfunden. Gelobt sei der Herr, der uns dies hat erleben lassen. Gott erhalte unseren Meister, imd er beschütze ihn, so beten wir alle! Jetzt haben wir Ruhe gefunden vor unseren Widersachern. Gelobt sei der Herr! Vergeht uns nicht in Zukunft, helft uns mit Euren Gebeten. Ich, der Lehrer Jacob, Cähen der Israeliten von Armatschehö, danke vielmals, Euch meinen Brüdern, beit Kindern Israels, daß Ihr Euch des Sohnes meines Bruders Isac Salomon (bezieht sich aus den jungen Falascha, der als Lehrer ausgebildet worden ist) angenommen habt und ihn in der Heiligen Schrift unterrichtet, ihr: im Gesetz und in den Geboten Israels ausbildet. Ich bete, daß Gott Euch dafür lohne. Geschrieben an: 17. des zweiten Monats. 2. Brief der Falaschas von D e m b e a. Gepriesen sei Gott, der Herr Israels! (Brief, gesandt von den jüdischen Gemeinden Dembeas.) Friede, Friede, Euch Ihr Brüder, die Ihr in Jerusalem wohnt und an jeglichem Orte. Aus dm Worten, welche uns durch den Meister Jacob überbracht )vurdm, haben wir die Nachrichten von Euch empfangen und waren sehr darüber erfreut. Seit nunmehr neun Jahren, seitdem wir zum erstenmal von Euch Nachricht erhielten, sind wir sehr glücklich: es war für unser Herz eine große Freude, weil lvir bis dahin ohne Hoffnung geblieben waren. Wie der Psalmist sagt, „meine Seele verweigert es, sich

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