Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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v7--^77 christlichen Knaben. Was kümmerten sie die Tatsachen! Frech verkündeten das neuerstandene Derbändlerblatt „Kiew" und die „Semstschina", der Ermordete sei gor nicht Jossel Paschkow. Dieser sei vor Jahren nach Amerika abgeschoben worden. An seiner Statt hätte der Vater Paschkows einen christlichen Knaben zu sich genommen und ihn bei sich behalten, bis das Opfer reif geworden sei. Das Geschrei der „echten" Russen, dem bald außer den genannten Zeitungen und ihresgleichen auch die „Nowoje Wremja" verfiel, verfehlte ihre Wirkung auf die Offiziellen nicht. Das Justizministerium Stscheglowitow ordnete schleunigst an, der bereits beendeten Voruntersuchung eine neue Wendung zu geben, und eine spezielle Kommission begann nach bewährtem Muster zu arbeiten. Bald erschienen auf der Bidfläche von Fastow die meisten Ritualmordjäger, die aus dem Prozeß Beilis so bekannt sind. Wiederum tauchten die lieblichen Gestalten von Senator (ehemals Staatsanwalt) T s ch a p l i n s k i, Prosektor Iwanow, Polizeidektiv P v l i st s ch n k u. a. auf. Fehlt S a m y s l o w ski? Rein und nimmermehr! Er hat schon, wenn auch etwas verspätet, seine besorgten Mannen wissen lassen, daß er kommt und denmächst in Fastow selbst den Fall revidieren werde, ja er hat sich bereits zum Schutz vor den ihm angeblich nach dem Leben trachtenden Juden für diesen Abstecher eine besondere Eskorte erbeten. Zu den Helden des Beilisprozesses haben sich indes schon neue Ehrenmänner gesellt. Da ist vor allem ein sehr strebsamer Gendarmerieoberst namens Rencvurt, der mit einem Schwarm von gefügigen Detektivbeamten in Fastow sich eingefunden und seine Rolle durch die s e n - sationelle Verhaftung des Vaters des ermordeten Paschkow und seines Gesellen Gutharz eingeweiht hat. Von da an überstürzten sich die Ereignisse. Plötzlich meldete sich ein Beamter aus Schitomir namens Taranew i t s ch und verlangte die Leiche zu sehen. Denn am 22. November. also etwa drei Wochen vor der Auffindung der Leiche in Fastow, sei sein zwölfjähriger Sohn S e r g e i zusammen mit zwei anderen Knaben verschwunden. Nach Besichtigung der Leiche erklärte er gleichwohl nicht, daß sie diejenige seines Sohnes sei. Da kam aber eine Tante desselben Sergei, und diese soll laut dem anderweitig bestrittenen Rapport der offiziellen Petersburger Telegraphenagentnr bekundet haben, daß der Ermordete ihr Neffe sei. Sie hätte ihn am Wuchs, an den fehlenden Zähnen, an der Länge der Nägel und an den Hühneraugen an den Füßen erkannt. Die Bekundung dieser Dame, welche Sokolvwskaja heißt, war zwar von vornherein wenig glaubhaft, da die über zwei Monate alte Leiche völlig schwarz geworden und im jetzigen Zustand zu solchen Feststellungen keine Möglichkeit mehr darbietet. Für die Berbändler kam aber aus den eigenen Reihen ein Schlag: der Förderer der Ritualmordlegende T u i a n o w soll bei der diesmaligen Leichenobduktion „versagt" haben. Er gibt zu, daß die Beschneidung des ermordeten Knaben nicht etwa neueren Datum sei, womit also die Version, daß es Sergei Taranewitsch iväre, fallen gelassen werden muß. Bleibt ja noch für die Hetzer die frühere Version, daß der Ermordete ein schon vor Jahren von Paschkows Vater angenommener und beschnittener christlicher Junge sei, und daran werden sie sich trotz des absurden Gedankenganges klammern. Es genügt jedoch dort, wo die Justizbehörden keine Scham kennen. Auf Grund welcher Indizien sitzen Paschkow und Gutharz? Weshalb sind die lokalen Untersuchungsbehörden auch in Fastow bereits aus dem Fall ausgeschaltet? Noch inehr! Schon ist auch ein Opfer gefallen: der Pristaw Malitzki, dessen Führung bislang stets gelobt wurde, ist plötzlich nach einem ganz kleinen Orte verseht worden. Und sein Vergehen? Nun, er gehörte zu denen, die zusammen mit dem ganzen Städtchen im Ermordeten den Josiel Paschkow rekognoszierten. Wenn aber schon solche Mittel in Anwendung kommen, wie soll da nicht endlich ein Ritualmord geschaffen werden können? Allerdings sind inzwischen sowohl der Schneidermeister Pas chk o w als auch sein jüdischer Gehilfe G u t h a rz gegen eine Kaution von 6000 Rubeln, die von zwei reichen Glaubensgenossen gestellt wurde, aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Dies hält aber die antisemitischen Hetzer nicht ab, das Städtchen Fastow und die ganze Umgegend fortgesetzt zu beunruhigen. In den Dörfern tauchen fortwährend dunkle Gestalt e n auf, die bald als „Herren", bald als „Prediger" das Volk versammeln, die Ermordung des jüdischen Knaben Paschkow als einen an einem Christen begangenen Ritualmord „beleuchten" und die Christen zu „Lynchmitteln", zum „Streik" gegen die Juden auffordern. Was aber unter Streik in diesem Falle von den Volksmafsen in Rußland verstanden wird, dessen gedenken die Juden vom Jahre 1905 noch sehr tvohl, von jener Zeit her, da unter dieser Losung gleichzeitig 660 Orte den Pogromen verfallen sind. Es ist also kein Wunder, daß die Juden sowohl in Fastow als überhaupt in der: südrvestlichen Gouvernements sich in hohem Grade beunruhigt fühlen. Bit Woche. Berlin, den 24. Februar 1914. ie Erklä r u n g gegen die Z i o n i st e n hat nach ferner 388 Unterschriften hervorragender Männer erhalten. Wir müssen aber leider aus Mangel an Raum von der Veröffentlichung der Namen Abstand nehmen. Die Zionisten ihrerseits, die sich auf eine nur kurze Erwiderung in einigen Tageszeitungen beschränkten, hielten und halten in zahlreichen Orten öffentliche Versammlungen ab, um ihren Standpunkt zu verteidigen. * In den „Grenzboten" kommt der Herallsgeber Herr George C l e i n o w auf den Sprachenstreit in Palästina zn sprechen und führt folgendes aus: Der Streit, der äußerlich darum geht, ob in den jüdischen Schulen Palästinas Hebräisch in größerem Nmfange gelehrt werden soll oder nicht, ist praktisch genommen nichts anderes, als ein Vorstoß von Franzosen und Russen — diese hinter amerikanische Agitatoren versteckt — gegen den deutschen Einfluß im Orient. Diese Tatsache hebt dm Kanlpf des Hilfsvereins deutscher Juden gegen die Zionisten in Palästina weit über die Bedeutung einer jüdischen Angelegenheit hinaus. Der Hilfsverein — an seiner Spitze steht der bekannte Berliner Kaufherr, Philanthrop und Kunstmaler Dr. James Simon — will in den von ihm finanzierten Schulen in Palästina die deutsche Sprache als Unterrichtssprache behalten, mit der zutreffendeil Begründung, daß die Juden im Orienthandel nur dann eine einflußreiche Stellung gewinnen können, wenn sie eine der großen Kultursprachen beherrschen. Die Zionisten wünschen dagegen entsprechend dem sogenannten Baseler Programm die althebräische Sprache zilr Grundlage allen Unterrichts für die nach Palästina gezogenen Juden zu machen. Ihr Ziel ist: „die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" für das jüdische Volk. Solange die Türkei noch stark genug erschien, ihr Territorium unangetastet zu erhalten, konnte man die zionistische Bewegung mit theoretischem Interesse verfolgen, ohne ihr große politische Bedeutung beizumessen. Jetzt, wo zwei so mächtige Faktoren der Orientpolitik, wie Frankreich und Rußland, direkt auf die Aufteilung der Türkei hinstreben, gewinnt der praktisch betätigte Zionismus ein anderes Gesicht, und ich darf hier Gedanken wiederholen, die ich vor etwa zehn Jahren, damals ohne Verständnis zu finden, in einem Vortrage in der Deutsch-Asiatischen Gesellschaft ausgesprochen habe. Ich wies auf die Notlage der Juden in Rußland hin, ans die Gefahr, die nicht nur dem russischen Staate, sondern auch der ganzen kulti-