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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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78. Jahrgang:. Nr. 9 Berlin, 27. Februar 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint rvöchentlich. Abonnements-Pfeis: durch den Luch. Handel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Profesior vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf Masse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums"', Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von »rosse, Berlin. Tfttflftft* ^aft0U)cr Blutmärchen. — Die Woche. — Miß Lilh ijUIJUll* H. Montagu. Eirrgeleitelrurd übersetzt von M «rtha Steini tz. — Leopold Minden. Boir Georg Minden. — Zionismus und Nationalismus. Von Jacob H. Schiss. — Paul Nathans Broschüre. — Stadtrat Immanuel Landsberger. Von M Schweitzer, Glogau. — Ehreurabbiuer Dr. Alexander Stein. Bon Max Freuventhal. — Feuilleton: Kleopatras Wunsch. Bon Tadeusz Kouczinski. Uebersetzt von S. Horovitz. — Sprechsaal. Dev Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Lissa i. P., Münstereifel, Köln, Nürnberg, Wien. — Von Nah und Fern. Das Faltower Olutmarchrn. us Kiew wird uns geschrieben: Die Aufregun g, welche im ganzen Südwesten Rußlands über die n e u e „Ritual mordaffäre ", über die F a st o w e r, herrscht, ist in stetigem Steigen begriffen und hat äußerst gefährliche Dimensionen angenommen. Alle Hetzgeister sind bereits losgelassen und verwandeln abermals Kiew und Umgegend in eine Hölle des Hasses, der Narrheit und des Wahnsinn s. Wie viel Gemeinheit und Finster - llis hinter diesem Fall steckt, versteht man erst, wenn man die verschiedenen Stadien der Affäre bis zum jüngsten überschaut. Wie ist es zur Rituälmordbeschuldigung gekommen? Am Morgen des 9. Dezember 1913 fand man in F a st o w im Gehöft des Waldhändlers K a g a n die Leiche eines ermordeten Knaben, der bald als der Sohn des jüdischen Schneider m c i st ers P a s ch k o w rekognosziert wurde. Darin stimmten alle überein, sowohl die Eltern des Ermordeten als die Nachbarn, ja die gesamten Einwohner Paschkows einschließlich der lokalen Polizeibehörden. Neben der Leiche lagen ein blutgetränktes Frauentuch, ein Knopf und ein Portemonnaie. Die sofort benachrichtigten Untersuchungsbehörden stellten daraus folgendes fest: Am Abend des 8. Dezember war auf dem Hof der Teehalle eines gewissen Donskoi ein rotbärtiger, mit einem grauen Mantel bekleideter Bauer erschienen und hatte die dort spie l e n den Kinde r aufgefordert, ihn bis zur Destille zu begleite n. Der unglückselige Jossel Paschkow ließ sich durch diese Aufforderung verlocken und kehrte nicht mehr zurück. Kurz daraus verhaftete die Polizei einen Bauern, den sie im Verdacht hatte, am Bahnhof lagernde Schassfelle gestohlen zu haben, sie überzeugte sich jedoch, daß sie es mit einem weit schlimmeren Verbrecher zu tun batte. Alle Indizien sprachen gegen ihn als m u t m a ß l i ch e n M ö r d e r des Jossel Paschkow: er hatte einen roten Bart, an seinem Mantel, der Blutflecke aufwies, fehlte ein Knopf, und das bei der Leiche gefundene Frauentuch, das der Schenkeninhaberin Donskaja gehörte, war drei Tage vor der Mordtat airs einem Gastzimmer der Donskaja verschwunden, nachdem der Verhaftete im betreffenden Zimmer sich allein aufgehalten und gewaschen hatte. Zudem erklärten die Kinder, die mit Jossel Paschkow gespielt hatten, daß dieser Bauer es gewesen, der sie aufgesordert hätte, ihn zur Schenke zu begleiten. Der beim Inhaftierten gefundene Paß stellte sich als falsch heraus. Den Behörden gelang es jedoch, seine Personalien aufzuklären. Iwan Gontscharuk heißt er in Wirklichkeit und ist ein erstklassiger Verbrecher, der bereits zehnmal aus der Anklagebank gesessen hat, mehrmals zur Arrestantenstrase verurteilt war und momentan wegen einerganzen Reihe von Straftaten gesucht wurde. Eine an Gontscharuk vorgenommene Leibesvisitation förderte u. a. zwei S ch ü l e r h e f t e des Jossel Paschkow zutage. Trotz aller erdrückenden Indizien leugnete Gontscharuk, die Mordtat begangen zu haben, wußte aber anch nichts gegen die ihn belastenden Verdachtsmomente vorzubringen. Der Untersuchungsrichter I a n k o w s k i ordnete darauf seine Ueberführung nach dem Gefängnis -an und verfuhr wie bei einer üblichen Mordtat. Unterdes regte der grausige Fall die Geister auf. Gar vieles erinnerte an den Fall Justschinski: das Alter des Knaben, die Zahl und Lage der Verwundungen und noch manches andere. Die Juden glaubten zu Anfang, daß ein fanatischer Bauer — sei es aus eigenem Antrieb, sei es im Aufträge der wutschnaubenden Verbändler - für den Mord an Justschinski Rache genommen habe. Dann aber neigten sie immer mehr zur Ansicht, daß hier ein fingierter Ritnalmord geschaffen werden sollte: der Knabe Jossel Paschkow sah wie ein christlicher Junge ans und konnte also leicht von einem Bauern als solcher betrachtet werden. Hatten doch die Verteidiger im Beilisprozeß mit Recht so sehr vor künftigen Simulationen von Rituälmorden gewarnt. Wie verlockend für alle Ritnalmordversechter, sei es um ihre Legende stützen zu können, sei es um einen Pogrom hervorzurufen! Ein Umstand nur kam ihnen im Fastower Fall in die Quere: die so schnell sestgestettte Abstammung des jüdischen Knaben. Das Unternehmen war offenbar zunächst m i ß g l ü ck t. In ihrerNot halssich dasOrgan desPurischkewitsch,die„Semstschina", damit, daß sie die Behauptung breittrat, die Fastower Mordtat könne nur von Juden ausgeführt sein. Als Hauptargument für ihre Erklärung diente ihr die „außergewöhnliche Zurückhaltung" der Juden, obwohl einer der ihrigen ermordet worden sei, und obwohl die Leiche dreizehn BeBwnndungen auswiese. Die fanatischen Juden wären eben fähig, wenn sie Blut brauchten, auch einen jüdischen Knaben zu ermorden, da sie, durch den Beilisprozeß eingeschüchtert, vor der Ermordung eines christlichen Knaben sich scheuten. Dieser Kommentar erwies sich jedoch als völlig unzureichend, um die Instinkte der Massen anzustacheln, und wurde deshalb bald von seinen Autoren aufgegeben. Da setzte mit Beginn des Februar eine heftige Kampagne ein. Die Pogrvmisten ließen ihre Maske satten und erklärten den Fastower Fall als Ritualmord, ansgeführt an einem

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