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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-20 · Heft 8 (20.2.1914) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 8 (20.2.1914)
Date
1914-02-20
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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94 nehmen, da sie in der Sprachenfrage, natürlich genug, sich sehr stark fühlten. Sie glaubten, auf den Hilfsverein einen Druck ausüben, ihn durch eine trotzige, streitbare Haltung einschüchtern, ja ihn zu einer Aenderung seiner Beschlüsse zwingen zu können. Das ist eine Selbsttäuschung. Sie haben gar kein Zwangsmittel gegen den Hilfsverein, und dieser hängt weder materiell noch moralisch von den Palästinischen Juden und ihrer Meinung ab." Aber das nicht genug, muß der bisherige Verlauf desKamPfes sich darüber hinaus in seinen Folgen als ein dauerndes und unvermeidliches Zurückweichen des zionistischen Einflusses sowohl nach der klllturellen wie nach der Politischen Seite im Heiligen Lande erweisen. Vo.n den Hebraisten ist ein neues Schulwerk ins Leben gerufen worden, vor allem ein neues Lehrerseminar, das in seinem Unterrichtsprogramm sich ganz auf die Voraussetzungen des Kulturzionismus aufbaut. Angenommen, auch der Schritt gelingt, was dann? Offiziere haben nur Wert, wenn Soldaten hinter ihnen stehen, Lehrer, wenn sie auf den Besitz von Schülern verweisen können. Die vakanten Stetten in Palästina, zumal hierbei im wesentlichen doch bloß der neue Jischuw in Betracht kommt, sind gar bald ausgefüllt. Wo will man dann noch für die Absolventen des zionistischen Lehrerseminars eine Unterkunft finden? Soll der Hilfsverein sie engagieren? Oder glaubt man etwa, daß die Alliance dies tun wird? Wie bequem hätte sich, verstünde man das richtige Augenmaß für die Erfordernisse der Zeit zu wahren, der Hilssverein als Schrittmacher bei den Bestrebungen des Kulturzionismus verwenden lassen. Wird ja der Hilfsverein gelegentlich von Tr. Schmarja Levin selbst als die „Brücke" zweier Perioden in der Entwicklung der palästinensischenJudenheit bezeichnet, insofern als er „einerseits die Besitztümer der alten Epoche in sich aufnahm und andererseits den Lebensbedingungen des neuen Renaissance-Zeitalters sich anzupassen ein klein wenig bemüht zeigte". Allein die Brücke wurde gewaltsam abgebrochen, und man trug Zwietracht in die Reihen und pflanzte Feindschaft in das Volk, deren Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Man hat sich daran gewöhnt, die Juden des alten Jischuw geringschätzig als eine minderwertige Bande von Ehalukah-Tchmarotzern abzutun. Aber aus diesen rekrutiert sich nun einmal die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Palästinas. Es war daher ein ganz besonderes Verdienst des Hilfsvereins, daß er gerade hier mit seiner Reformtätigkeit eingesetzt und durch sein Erziehungswerk systematisch aus die innere Assimilation der so sehr auseinanderstrebenden Teile innerhalb der Judenheit Palästinas hinzuarbeiten gesucht hatte. Durch den Kampf sind indessen die (Gegensätze nur noch verschärft worden, und geringer denn je ist die Hoffnung, im Heiligen Lande dereinst einen einheitlichen jüdischen Typus besitzen zu können. Zudem dürfte dieser jammervolle Zustand nationaler Zerrissenheit unseren Feinden kaum verborgen bleiben, die nun erhöhte Anstrengungen machen werden, um daraus für sich Kapital zu schlagen. Wir sind schwach, wenn wir Zusammenhalten: was sind wir noch, wenn wir uns so zerfleischen und einander im Bruderzwist bis zum Verbluten bekriegen? Ohnehin verfolgt die arabische Bevölkerung jede unserer Unternehmungen in Palästina mit scheelem Blick; hinfort wird sie wohl alles dransetzen, um uns auch den geringsten Erfolg noch streitig zu machen. Bei der Lage der Dinge dürfte ihr am Ende ein solcher Versuch nicht einmal ganz mißlingen. Und wie viele Hoffnungen, kaum aufgekeimt, wird man jetzt, resigniert, wieder begraben müssen! Die Eröffnung des Technikums ist in Frage gestellt, von der Universität wird nicht mehr gesprochen, an andere großzügige Projekte wagt man kaum noch zu denken. Es ist geradezu unfaßlich, wieviel Kraft vergeudet, wieviel Energie nutzlos vertan worden ist; doppelt unfaßlich angesichts der zahlreichen Aufgaben, zu deren Lösung man sich bereits allerorts mit solcher Begeisterung anschickte. Ich kann mir nicht helfen; so oft ich innerhalb des Judentums den Schrei „Philister über dir, Simson!" höre, glaube ich zugleich die Stimme der Dalila zu vernehmen. Immer aber geht es dabei um die Kraft Simsons, welche die Kraft Israels ist. Allein die Leiter des Hilfsvereins sind keine Philister. An den Zionisten ist es somit, nicht gleich in die Rolle der Dalita zu verfallen . . . * Was nun? Für jeden, der, ungeachtet des sinnbetörenden Kampfgetümmels, sich die Fähigkeit, nüchtern zu denken, noch einigermaßen gewahrt hat, muß es klar sein, daß ein Zustand, wie der jetzt herrschende, unmöglich weiter anhalten kann, wenn das jüdische Volk nicht dauernd schweren Schaden nehmen soll. Eine Krise, die immer mehr katastrophalen Charakter gewinnt, ist über das Judentum hereingebrochen, und jeder, der noch ein Fünkchen Liebe für seine Brüder im Herzen besitzt, muß mit aller Kraft danach trachten, sie so schnell wie möglich aus der Welt schaffen zu helfen. Aus diesem Grunde habe ich meine warnende Stimme erhoben, und in diesem Sinne will ich auch meine zum Frieden mahnenden Ausführungen schließen. Aus kleinen Plänkeleien ist nach und nach der große Kamps entstanden, und in die anfänglich scheinbar einfache Streitfrage sind in der Folge viele weitere Gesichtspunkte hinetugetragen worden. Ich habe mir Mühe gegeben, den Konflikt in seinen einzelnen Phasen zu verfolgen, aber ich muß gestehen, daß mir stets dabei ein Punkt in Dunkel gehüllt blieb, über den ich noch immer vergeblich um Aufklärung stlche. Wie verhält es sich eigentlich mit dem mit U n t e r st ü tz u n g d e s H e r r n S ch i f f v o n H e r r n P rose s s o r Philippson eingebrachten Bermittl u n g s a n t r a g? Schon in ihrer ersten Nummer nach dem Ausbruch des Streites bemerkt die „Welt": „Deutlicher als alles andere spricht die Ablehnung selbst des Vermittlungsantrags Philippson, der dafür eintrat, daß an der neuen Mittelschule außer den rein jüdischen Fächern wenigstens noch Geschichte und Geographie hebräisch unterrichtet werden sollten." Seitdem wird von den Zionisten kategorisch erklärt, daß sowohl Schmarja Levin wie auch seine Freunde auf der Grundlage der Philippsonschen Resolution durchaus zu einer Einigung bereit waren. Von angeblich gut informierter Seite wurde mir sogar der Vorgang folgendermaßen geschildert: Nachdem die Herren Dr. Levin, Dr. Tschlenow und Achad Haam für ihren eigenen Antrag keine Mehrheit fanden, zogen sie sich zurück, um sich Liber den inzwischen von Herrn Professor Philippson eingebrachten Vermittlungsantrag schlüssig zu machen. Nach einer halbstündigen Beratung kamen sie wieder und erklärten, auf dieser Grundlage weiter verhandeln zu wollen. In seiner kürzlich erschienenen Broschüre gibt indessen Herr Dr. Nathan eine ganz ändere Darstellung des Sachverhalts. „Um einen Ausgleich anzubahnen," schreibt er, „nahm ich in der Sitzung des Kuratoriums noch einen Antrag, den die Herren Professor Philippson und Schiff gestellt hatten, in nachstehender Form wieder auf: Die Verwaltung des Kuratoriums hat als Richtlinie zu befolgen, daß Weltgeschichte, Heimatkunde und Geographie, Singen, Turnen, Schreiben und Zeichnen gleichfalls in hebräischer Sprache unterrichtet werden, insofern sich dies als im Interesse der Schüler als wünschenswert herausstellt, und insofern die geeigneten Lehrkräfte, die Hebräisch zu unterrichten imstande sind, zu beschaffen sind. Dieses mein Amendement kam nicht zur Abstimmung, weil die Opposition erklärte, keinen Wert auf Annahme dieses Antrages zu legen. Wie bezeichnend ist diese

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