Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Dr. Leimdörfer s in der Rabbinerloge. Und es gab wohl kein Familienfest .und keine Trauer im §ctu§ des einen der beiden Freunde, wozu der andere sich nicht eingestellt hätte. Wie oft aber Konferenzen zwischen beiden stattsanden, wenn es galt, christlichen oder jüdischen Girmen zu Helsen, armen Studierenden Stipendien zu verschaffen, Tränen zu trocknen da und dort: das wird die Allgemeinheit nie erfahren. Was aber alle aus dem Freundschaftsbunde zwischen Clemens Schultz und Dr. Leimdörfer entnehmen sollen, ist, daß man ein überzeugter Christ und ein überzeugter Jude sein kann und doch eins in jenem reinen, edlen Menschentum, das aller Religion Ziel und Zweck ist. —u—. Der SprachenkonNktt in OaMins und der hilksverein der Deutschen Juden. Von Dr. AlphonS I. Sutznitzki. IV. rtj § konnte ja auch gar nicht anders kommen, wenn man sich die Dinge im heiligen Lande in ihrer wahren Gestalt vor Augen hält. Eine Judenheit Palästinas, als geschlossene Einheit, existiert überhaupt nicht (höchstens in der blühenden Phantasie einiger Schwärmer, deren Gedankenflug durch die Schwere der Wirklichkeit nicht gar zu sehr belastet erscheint). Wir haben dort Peruschim und Chassidim, Aschkenasim und Sephardim, Stadt- und Landbewohner, alles verschiedene Welten und Weltanschauungen, die himmelweit voneinander entfernt sind. Eine Teilung, namentlich auch mit Bezug aus den herrschenden Kampf, läßt sich dabei gleichwohl machen zwischen altem und neuem Jischuw. Es stimmt daher ganz und gar nicht, wenn es in einem Leitartikel der „Welt" einmal heißt: „Erez- Jsrael steht geschlossen hinter uns." In den Kolonien hat Jung-Juda eine Stätte gesunden; eine Hochburg des Hebraismus bildet ferner in Jaffadas neue jüdische Viertel Tel-Awiw mit dem hebräischen Gymnasium. In den Städten hingegen leben znm überwiegenden Teile Juden eines ganz anderen Schlages, Juden, die sich in ihrem Tun und Treiben, in ihrem Denken und Fühlen vom ersteren Typus vollständig unterscheiden. Aber hier war es gerade, wo der Hilfsverein seine eigentliche Tätigkeit zu entfalten gesucht hat, und hier ist eine Bewegung gegen seine Wirksamkeit so gut wie gar nicht zustande gekommen. Die vom Hilfsverein in Palästina unterhaltenen beziehungsweise unterstützten Unterrichtsanstalten verteilen sich auf die einzelnen Orte wie folgt. Es befinden sich In Jerusalem Jaffa Haifa Safed Beirut Liberias Hebron 1) drei Kindergärten, 2) ein Kindergärtnerinnenkursiis, 3) eine Mädchenschule, 4) die Edler-von-Lämel-Schule, 5) ein Lehrerseminar, (5) eine Handelsrealschule. 7) die Abendschule Moriah, 8) die Talmud Thvra-Schnlc der Grusiner, 9) der Cheder Thora, 10) ein Rabbinerkursus, 14) das jüdische Mädchenheim; 1) drei Kindergärten, 2) eine Knabenschule; 1) ein Kindergarten, 2) eine Mittelschule; 1) ein Kindergarten, 2) eine Knabenschule; 1) ein Kindergarten; 1) ein Kindergarten; l) eine Talmud Thora - Schule für Knaben und Mädchen; In Rechowoth (Kolonie) l) ein Kindergarten, „ „ 2) eine Schule für Knaben und Mädchen; „ Katrah (Kolonie) 1) eine Schule für Knaben und Mädchen. Bon den Kolonien von Jaffa, wobei man hauptsächlich Tel-Awiw im Augen haben muß, und teilweise von Haifa, wo der eigentliche „Stein des Anstoßes" sich befindet, ging der Protest aus und beschränkte sich im wesentlichen auch auf, diese Ortschaften. In Jerusalem ist, abgesehen von den streikenden Lehrern und Schülern, die Zahl der Unzufriedenen unter de» Einwohnern verhältnismäßig gering, und in den anderen Städten hat man von einer Protestbewegung überhaupt kaum etwas zu merken bekommen. Um die Dinge einmal nach dieser Richtung zu prüfen, habe ich mir die Mühe gemacht, in der „Welt", die ja getreulich alles, was gegen den Hilfsverein vorliegt, registriert, die ersten acht Nummern seit dem Beginn des Kampfes, also von einem Zeitraum von etwa zwei Monaten, durchzublättern. Ich fand darin Kundgebungen verzeichnet aus den Kolonien Zichron- Jacob, Ekron, Merchawjah, Rechowoth, Rischon-le-Zivn, Neß- Ziona, Katrah, B'er-Jacob, B'er Tobia, Hulda, Metnlah; ich fand ferner Proteste aus Berlin, Leipzig, Mittweida, Nancy, Basel, Genf, kurz, „Proteste aus aller Welt". Aber was ich nicht fand, das waren Kundgebungen aus den Städten Palästinas, aus Safed, Liberias, Hebron, wo der Hilfsverein Schulen unterhält. Im Gegenteil führt die von Paul Nathan kürzlich veröffentlichte Broschüre ein an Herrn Dr. James Simon gerichtetes Schreiben „des Zentralkomitees der vereinigten Aschkenasimgemeinden von Jerusalem, Hebron, Safed und Liberias" an, worin dagegen Verwahrung eingelegt wird, „daß eine gewisse Grenze von Leuten, welche die Sympathie der jüdischen Bevölkerung keineswegs besitzt, sich Angriffe auf die Leiter des Hilfsvereins der deutschen Juden erlaubt und die öffentliche Meinung der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu Vertretern angibt". Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich noch erwähnen, daß auch „die jüdischen Studierenden in Beirut" protestiert haben. Wer indessen die Beiruter Universitätszustände kennt, wird das Ereignis nicht gar zu tragisch nehmen. Tatsache ist jedenfalls, daß mit wenigen Ausnahmen die Hilfsvereinsschulen fast in derselben Verfassung wie früher wieder funktionieren können, und daß man selbst in den so heftig protestierenden Kolonien die Anstalten in Gnaden behalten hat. Nun ist ja der Hilfsverein nicht der aggressive Teil gewesen. Er wurde angegriffen und mußte zusehen, wie er sich verteidigen kann. Man hatte es darauf angelegt, das Erziehungswerk des Hilfsvereins zu untergraben, sein Lehrprogramm zu zerstören und wenigstens einen Teil seiner Schulen zu sprengen. Indem es aber dein Hilfsverein, der sich von Anfang an in der Defensive befand, endgültig gelungen ist, den Anschlag zurückznweisen und seine Positionen zu behaupten, hat er unzweifelhaft damit den Sieg tut Kampfe davongetragen. Schließlich wäre es ja, bei der eigentümlichen Situation, auch gar nicht anders zu erwarten. Einen genteinsamen Boden, der ein wirkliches Zusammentreffen, ein wirkliches Messen der Kräfte ertnöglicht hätte, gab es überhaupt nicht. Wo gekämpft wurde, war der Hilfsverein unbeteiligt, wo er interessiert war, wurde nicht gekämpft. Es konnte ihm daher auch kaum besondere Mühe kosten, bei einigem geschickten Operieren sich in seiner Stellung zu halten. Der Altmeister des Zionismus, Dr. Max Nordau, der noch immer am klarsten in die Dinge schaut, erkennt dies auch ohne weiteres an. „Unsere Brüder in Palästina," schreibt er, „haben sich von ihrem Temperament zu einer vollständigen Verkennung der Sachlage hinreißen lasten. Wir dürfen ihnen das nicht übel-