Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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92. Er hat genug getan/ um für alle Zeit zu leben. Wir Nachkommen aber sollten uns einer Pflicht der Dankbarkeit nicht entziehen und der Mahnung von Graetz Nachkommen, den Namen Wolf Breidenbach nicht der Vergessenheit verfallen zu taffen. Die israelitische Gemeinde in Offenbach baut zurzeit eine neue Synagoge. In dem großen Vorhofe derselben ist. ein geeigneter Platz zur Aufstellung eines Gedenksteins vorgesehen, der Kunde davon geben soll, daß wir Juden in dankbarer Erinnerung derer gedenken, die uns Gerechtigkeit widerfahren ließen, und die im Kampfe für unser Recht uns in edler Pflichterfüllung, in treuer Liebe und Opferfreudigkeit Beistand geleistet haben. Kein Bildnis der edlen Männer soll den Denkstein zieren, aber die Namen des Fürsten Karl von Isenburg und Wolf Breidenbachs sollen in leuchtenden Lettern unserer Dankbarkeit Zeugen fein. Wie einst Wolf Breidenbach die alte Synagoge") schmückte, so soll, hundert Jahre nach der endgültigen Aufhebung des Leibzolls, die neue Synagoge den Namen Wolf Breidenbachs rühmend tragen, indem sie ihn mit dem ewig wahren Worte unserer Weisen verbindet: „Die Denkmale -der Frommen sind ihre Werke." Ein Brunnen zum Gedächtnis der Edlen soll inmitten -des Vorhofes aufgestellt werden. Die Mittel zur Errichtung dieses Denkmals -sollten von den Enkeln und Urenkeln jener deutschen Juden im Deutschen Reich gestistet werden, denen durch Wolf Breidenbach Befreiung ward von schwerer Schmach. Man bittet, Geldsendungen an den Verfasser dieses Artikels oder an das Bankhaus S. At e r z b a ch in O f f e n b a ch a. M., K o n t o : Wolf- Br ei d e n bach-Br u n n en , zu richten. Lin Lrinnerunssblstt an Clemens Schult?". ls Kanzelredner, als Seelsorger, als Bahnbrecher aus dem Gebiet der Jugendfürsorge ist in den Nekrologen der Presse der zu früh Heimgegangene Pastor Clemens Schultz von St. Pauli nach Verdienst gefeiert worden. Dieses Erinnerungsblatt möchte auf ein weiteres Verdienst des edlen Mannes Hinweisen, auf die Art, in der er edelste Toleranz zu pflegen wußte. Pastor Clemens Schultz stand in innigem Freundschaftsverhältnis zu dem Hamburger Rabbiner und Prediger Dr. D. Leimdörfer, der bei der Nachricht von seinem Tode die Worte ausrief, die Jehuda ha- Nassi, der Patriarch des hohen Rats zu Jerusalem, bei der Nachricht vorn Tode des Kaisers Antoninus Pius sprach: Nitparda hacliawita! d. h.: Zerrisse« hat der Tod das Band zweier Herzen, die einander so sehr nahe standen. Die beiden Männer trafen sich in ihren Bestrebungen, Toleranz nab konfessionellen Frieden zu pflegen und ihre Gemeinden im Sinne Lessings zur vorurteilsfreien Liebe zu erziehen, llub viele Jahre verkehrten sie als hingebungsvolle wahre Freunde miteinander. zusammengestellt, während die Gebeine in besonderen Gräbern bestattet wurden, soweit sich Angehörige oder sonstige Beteiligte ihrer Annahmen. So kam es, daß der Grabstein Wolf Breidenbachs, der die vorstehende Inschrift trägt, ein Teil der Pyramide geworden, jetzt mit dichtem Efeu umrankt und kaum leserlich ist, während das Grabmal ans dem neuen jüdischen Friedhof folgende, etwas modernere Inschrift eitthült: „Hier ruht der 'fürstlich '-iisienburgische Rat Wolf Breidenbach, geboren am 10. Januar 1751, gestorben am 27. Februar 1829, und neben ihm seine Gattin Marianne, geb. Israel, geboren am 12. Februar 1768, gestorben am 15. März 1827." Die israelitische Männerkrankenkasse zu Offenbach a. M., welcher Wolf Breidenbach 100 Gulden gestistet hat, läßt noch heute am Sterbetage ein Kaddischgebet für den Verstorbenen verrichten. lü) Cr ließ auf seine Kosten das Innere der Synagoge erneuern und ausschmücken. Vgl. Graetz, Seite 617. *) Aus dem „Hamburgischen Correspondenten", 8. Februar 1914. Oft erschien Pastor Clemens Schultz im Heineschen Krankenhaus, um zahlreichen Kranken christlichen Bekenntnisses Trost zuzusprechen. In einem langen Schreiben bat er den Rabbiner Dr. Leimdörfer, in seinen: Namen der Verwaltung des jüdischen Hospitals zu danken für die ausgezeichnete Behandlung und Pflege der Leidenden, für die entgegenkommende Beachtung und Würdigung feiner Person und feiner Worte. Dieser in Händen des Vorsitzenden der Verwaltung des Krankenhauses befindliche Brief ist ein Dokument pastoral edler Denkweise. In der ursprünglich von Israeliten begründeten Stistungsschule von 1816, der sogenannten Reeschen Schule, lehrte und wirkte Pastor Schultz vorbildlich. Mustergültig war seine Kollegialität christlichen und jüdischen Lehrern gegenüber. In der Gabriel-Riesser-Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums sprach er in den letzten Jahren dreimal. Er behandelte mit Geist und Witz, vor allem aber mit vorurteilsfreier Liebe jene Kapitel der jüdischen Patriarchengeschichte, die für alle Zeiten klassisch bleiben. Er redete über den Propheten Jesajas und seine Weissagungen, über die pädagogischen Momente auch für das io eibliche Geschlecht mit Hinweisen auf die unmittelbare Gegenwart in Zündender Weise. Er sprach über das Buch Sirach und holte aus dem alten Schacht neue Schätze hervor Zur Belehrung für die Jugend aller Bekenntnisse. Stets schloß er unter dem stürmischen Beifall seiner zahlreichen Hörer, die in ihm einen zeitgemäßen Anreger dringend aktueller Erfordernisse fürs Leben erkannten und bewunderten. Hinwiederum veranlaßte er alljährlich seinen jüdischen Freund, in dem ihm unterstehenden Jugendverein, Gehilfenverein und Gemeindeverein zu St. Pauli Borträge zur Belehrung über die jüdischreligiöse Wissenschaft zu halten. Dr. Leimdörfer beharldelte hier aus Anregung von Pastor Schultz: Die Toleranzabschnitte der Genesis; die Proverbien Salomos; das Gleichnis und seine Poesie; den Talmud, seinen Geist und seine Ethik. Dadurch, daß er Dr. Leimdörfer aus der Fülle seiner Sachkenntnis heraus diese Stoffe behandeln ließ, wirkte Pastor Clemens Schultz in bestem Sinn für Toleranz. Und nach keinem Vortrag seines gelehrten jüdischen Freundes ließ er es sich nehmen, den christlichen Zöglingen und Vereinsmitgliedern einznschärfen, daß sie Religion mit Humanität verbinden und die gehörten Theoreme im praktischen Leben verwirklichen sollten. Besonders interessant war es, als einmal, der jüdische Rabbiner auf Wunsch anwesender christlicher Theologen in seinem Talmudvortrag aus den aufgeschlagenen Traktaten und Foliobänden in hebräischer Sprache die Zitate vorbrachte, die sich auf die mefstanischen Ideale der Menschenverbrüderung durch Gotteserkenntnis und Liebeswerke bezogen. Da erhob sich Clemens Schultz und ries begeistert in das Auditorium: „Werdet ihr, meine Jungen, nach dieser Belehrung jemals das Vorurteil in euch nähren, der Talmud sei minderwertig in seiner Ethik, weil es Leute gibt, die auch nicht eine Zeile in ihnr zu lesen vermögen?" Ein spontanes Nein! folgte diesen Worten des von seinen Hörern wie ein Prophet verehrten Pastors. Auf jede wissenschaftliche Publikation Dr. Leimdörfers, zuletzt aus seine Arbeit: Talmudische Ethik des Alphabetes, auch auf manche seiner Predigten schrieb Pastor Schultz ermunternde Briefe an seinen Freund, der sie wohl einmal gesammelt herausgeben dürfte. Eines dieser Schreiben sei hier wiedergegeben, um den Freundessinn und den Stil von Clemens Schultz, zu charakterisieren. Es lautet: Hochverehrter lieber Freund! Ich bin noch immer nicht dazu gekommen, den: Zuge meines Herzens zu folgen und Ihnen so recht innig zu danken für den herrlichen Vortrag, den Sie uns am Donnerstag gehalten haben. Ja, es war ein Experiment, aber es ist voll .und ganz gelungen. Sie haben es verstanden, Freund, die. einfachsten Männer und Frauen aus dem Volke zu interessieren und zu begeistern. Fast lnöchte ich Sie um Ihre Gabe beneiden, aber meine Freude ist so groß ilnd ehrlich, Ihre Zuneigung und damit Ihre Hilfe an meiner großen Arbeit und Mission zu haben. Nochmals vielen, vielen Dank. Wird Ihnen das Bewußtsein, so vielen Menschen und ganz besonders auch mir eine so reine Freude bereitet zu haben, eine kleine Entschädigung sein für alle Ihre Mühe und Arbeit? Gott zum Gruß, hochverehrter Freund! Ihr dankbarer Clemens Schultz. Als der Rabbiner 1905 sein Amtsjubiläum beging, war Pastor Schultz der erste Gratulant und erschien im Tempel zur Rechten