Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Lu Lhrm eines VergrNrnen. Von Rechtsanwalt Tr. Guggenheinr. man sagt uns Juden besondere Dankbarkeit für empfangene Wohltaten nach. Darum scheint' es mir unsere Pflicht zu sein, auch in unserer schnellebigen Zeit keinen zu vergessen, der sich um uns und unsere Gleichberechtigung verdient gemacht hat, zumal wenn er bescheiden genug war, sich nicht in den Vordergrund zu drängen und sich feiern zu lassen. Ein solcher Mann, dessen Namen GraetzJ der Vergessenheit entrissen hat, dessen Verdienste aber heute noch viel zu wenig gewürdigt werden, war Wolf Breidenbach?) In seiner „Geschichte der Juden" führt uns Graetz eingehend das Leben und Wirken -dieses Mannes vor Augen, der würdig ist, als einer der edelsten und erfolgreichsten Vorkämpfer für Die Gleichberechtigung der Juden genannt zu werden. Das große Verdienst Breidenbachs, der allgemeine Bildung mit seinem jüdischen Wissen und schöpferischer wissenschaftlicher Tätigkeit verband, besteht darin, daß er in den meisten Staaten Mittel- und Westdeutschlands die Aus h e b u n g des I n d e n - L e i b z o ll s -erwirkt h a t?) Der Leibzoll, der ursprünglich wohl als eine Art Geleitzoll für Handeltreibende gedacht war, hatte sich im Laufe der Zeit besonders in Deutschland zu einer beträchtlichen Einnahmequelle der deutschen Fürsten entwickelt.^ An jeder Zollschranke der kleineren mitteldeutschen Staaten drohten die Zollstöcke mit der schwachvollen Inschrift: „Juden-Leibzoll." Durch diese Art der Verzollung wurden die reisenden Juden tatsächlich dem Vieh gleichgestellt. Dazu kam noch die oft unmenschliche Härte, mit der die Erheber diesen Zoll auch von den Aermsten der Armen beitrieben?) Obgleich schon Ludwig XVI. in seinem Edikt vom 12. Januar ] 784 den Leibzoll für Frankreich abgeschafft hattet), nachdem auch weiterhin Oesterreich, Bayern und Preußen") die Juden von der erniedrigenden Abgabe befreit hatten, dachten die kleineren Staaten Mittel- und Westdeutschlands noch immer L) Graetz: „Geschichte der Juden", Band 11, Seite 253 und Note 5. 2) Vgl. Dr. Silberstein: „Wolf Breidenbach und die Aushebung des Leibzolls in Deutschland" in der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden" 1891. а) Nachstehend in deutscher Uebersetzung die bei Graetz, 11, Seite 628, in hebräischer Sprache abgedruckten Worte Wolf Heidenheims im Vorwort zu „Machsor": „Der mächtig weise Mann, der hochangesehene Wolf Breidenbach, der ruhmvolle, der viel Gutes getan mtb bewirkt für das Haus Israel, der Mann, der alles tat, um die Schmach des Leibzolls, der seit vielen Jahrhunderten alle unsere Schritte hemmte, von uns zu nehmen. Der Ewige gab ihm Gunst in den Augen der Völker und Fürsten, und sie taten ihm, was er verlangte. Und so steht er in seinem freiwilligen Berufe, -ein Fürsprecher für Israel zu sein, um ihnen Ruhe zu bereiten. Das ist der edle Mann, dessen Hand mich unterstützte. Er selbst bereitete auch Köstliches durch Uebersetzung einiger Pijutim (poetischer Gebete), wie „Ich komme Dich anzuslehen" (2. Rosch Haschono), des Silluk (Schlußstück) des 7. Passah und Selichoth (Bußgebete) in Kolnidre. Wo ich schrieb, sie seien mir geliefert von einem meiner Freunde, da stammt es von ihm, und seine Hände haben es bereitet." '0 In Hessen-Darmstadt zum Beispiel brachte der Zoll jährlich nach Graetz a. a. O., Seite 620, 25 000 bis 28 000 Gulden, nach Silberstein a. a. O. 11000 bis 12 000 Gulden. 5) Vgl. Silberstein a. a. O. б) Das Edikt begründet dies: „da es unserer Denkungsart höchst zuwider ist, gegen irgendeinen unserer Untertanen eine Auflage existieren zu lassen, welche den Stand der Menschen schändet." 7) Friedrich Wilhelm II. sprach sich mißbilligend über seine Räte aus, daß diese ihn nicht früher auf diese unwürdige Abgabe aufmerksam gemacht hätten. Vgl. Silberstein. nicht daran, diese nicht geringen Einnahmequellen aufzugeben. Tn war es Wolf Breidenbach, der sich der entehrten Glaubensgenossen annahm und mit Mut, Entschlossenheit und edlem Eifer der Gerechtigkeit zum Siege verhalf. Ein zeitgenössischer christlicher Schriftstellers rühmte Breidenbachs Wirken, der „mit Aufopfern von Zeit, Mühe und Kosten sich ein unsterbliches Verdienst um die Juden erwirbt". Es kann nicht meine Aufgabe sein, innerhalb eines kurzen Aufsatzes die mühselige Tätigkeit Wolf Breidenbachs zu schildern und die Kleinarbeit dieses bescheidenen Mannes aufzudecken. Ich verweise auf die angegebene Literatur. Nur daraus sei hingedeutet, daß Wolf Breidenbach durch seine Stellung als Hoffaktor bei dem Fürsten von Isenburg zu Ofsenbach Beziehungen zu den benachbarten fürstlichen Höfen hatte und so bewirkte, daß die Schmach des Juden-Leibzolles nach und nach in den einzelnen Staaten beseitigt wurde. Der hochherzige, auch sonst als tolerant bekannte Fürst Karl zu Isenburg, der in Offenbach residierte, gewährte als Erster unter den Fürsten Mittel- und Westdeutschlands die seinem „inneren Gefühle ganz entsprechende Bitte" des Wolf Breidenbach, indem er im September 1803 den Leibzoll im Fürstentum Jsenburg-Birstein abschaffte. Die edle Tat des Jsenburger Fürsten spornte Wolf Breidenbach zu weiteren Bemühungen an, und es gelang ihm, die Aufhebung des Juden-Leibzolls im gesamten fürstlichen und gräflichen Hause Isenburg, Kurfürstentum Hessen, im Kurfürstentirm Solms-Rödelheim, Kurfürstentum Homburg, in Hohenlohe, Neuwied, Wied-Runkel, Braunfels, Nassau-Usingen und Nasfau-Weilburg, Hessen-Darmstadt (19. Januar 1805) und .Regensburg") zu erwirken. Auch ist es lediglich seiner Bittschrift zu danken, daß am 24. August 1804 der Leibzoll in der freien Reichsstadt Frankfurt aufgehoben wurde. Wolf Breidenbach hatte das Glück, zu erleben, daß in allen deutschen Staaten der Leibzoll aufgehoben"') und so die Bahn frei wurde für die Erringung der langersehnten Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger. Wolf Breidenbach starb, wo er gelebt und von wo aus er gewirkt hat, zu Offenbach a. M. am 27. Februar 1829.") Seine Gebeine sind auf dem neuen Friedhof in Offenbach bestattet.^) 8) Scheppler 1805. 9 Der Reichskanzler Karl v. Dalberg, dem im' Lüneburger Frieden Uegensburg zugefallen war, unterstützte die Bemühungen Wols Breidenbachs aufs eifrigste und stellte ihm das Zeugnis uns, „daß jeine menschensrellndliche persönliche Verwendung ihm zum Ruhm und zur Ehre gereiche." Vgl. Graetz a. a. O., Seite 618. '0) Zuletzt in Sachsen, merkwürdigerweise infolge eines r u s >s i - jchen Gouvernementspatents, am 28. September 1813. Man vergleiche hierzu die heutigen Paßvorschriften Rußlands! lr) Das Chewrabuch der israelitischen Gemeinde zu Ofsenbach enthält folgenden, hier wohl zum erstenmal verössentlichten Eintrag unter Nr. 2149: „5589 (1829) die Nacht aus Sabbath, den 25. Adar I, starb der hochstehende und in seiner Zeit berühmte Mann; durch ihn wurde der Leibzoll von den Söhnen unseres Volkes in den meisten Ländern Deutschlands abgeschafft, und noch viele andere gute Werke hak er bei den Regierungen zur Verbesserung Israels durchgesetzt. Das ist der Thora-Gelehrte Wols Breidenbach. Er wurde mit großen Ehren am Montag, den 27. Adar I, beerdigt. Er ruht neben dem verstorbenen Löb Elsaß." 12) Die von Graetz 1, Seite 618, ln hebräischer Sprache angeführte Grabschrift lalltet: „Der geachtete hochgeschätzte Mann und berühmte geachtete Vermittler (Faktor)." Nicht allgemein bekannt llnd wohl zum erstenmal hier veröffentlicht ist folgendes: Als im Jahre 1860 infolge der Gleisverlegung der Offenbach-Hanauer Bahn große Stücke des alten Offenbacher jüdischen Friedhofs zu Bahnzwecken hergegeben lverden mußten, wurden viele Gräber des alten Friedhofs ausgegraben und die Gebeine auf den neuen jüdischen Friedhof übergeführt. Die zugehörigen Grabsteine wurden am Eingang des neuen Friedhofs in Form einer Pyramide