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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-20 · Heft 8 (20.2.1914) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 8 (20.2.1914)
Date
1914-02-20
Page
Seite 90 (sequence 6)
Language
German
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90 konnte. Aber ich freue mich auf die Zeit, in der sie unmöglich sein, wird, in der das Leben gleichmäßigere Möglichkeiten zu bieten haben und in der ihr Ueberfluß an freier Zeit dadurch ausgeglichen fein wird, daß sie einen Teil ihrer Muße, ihres Charakters und selbst ihres Liebreizes den Bedürfnissen der Allgemeinheit darbringen müssen wird. Dieses Zeitalter muß kommen; denn am anderen Ende der sozialen Stufenleiter steht die ausgebeutete, überarbeitete Stückarbeiterin, deren Liebreiz unter der ungeheuren Arbeitslast dahinwelkt, zu deren Vermehrung das müßige Mädchen durch seine Untätigkeit noch beiträgt. Aber gerade an dieses müßige Mädchen will ich heute appellieren und ihm vor Augen führen, daß, so lange -die Lebensbedingungen, die es erwählt hat, bestehen, es sich nicht von einer gewissen moralischen Nachdenklichkeit befreien darf, die sein Leben veredeln kann. Und wenn es sich selbst diesem großen Ideal der Wahrheit und der Heiligkeit unterordnen kann, dann wird auch dieses Mädchen ein Glied, so klein es auch sein mag, in die wachsende Kette einstigen, die endlich die Menschheit mit Gott verbinden wird. Wenn es mitleidig und klug, geduldig und vertrauend ist, „dann wird es alle Schwachen in seiner Umgebung aufrichten und jedem die Würde, die Bedeutung und die Möglichkeiten seines menschlichen Daseins zeigen". Alls diese Weise könnte es mehr durch fein bloßes Sein wirken, als ein anderes Mädchen durch Arbeit, möge diese auch noch so gewichtig sein. Wenn wir die Macht haben, unser eigenes Leben zu leben, haben wir sicher auch Gelegenheit, unser höchstes Glück in der Arbeit zu suchen, und wir wissen, daß uns dieses Glück nicht bedingirngslos gegeben ist, sondern daß es von dem Geist abhängt, in welchem nur uns den Pflichten nnterlverfen, und von dem Erfolge, der sie krönt. Wenn mir eine bezahlte Arbeit aufnehmen wollen, so schulden wir es lmserer Generation urtb. der Nachwelt, nur die höchste Bezahlung anzunehmen, die dafür geboten wird. Gerade weil wir die freie Wahl haben, können wir das Niveau der Bezahlung für unsere Art von Arbeit erhöhen. Wenn wir unsere Mußezeit dazu benutzen, unser Taschengeld in einem Berufe zu verdienen, in dem andere grauen für ihr tägliches Brot arbeiten, so verdienen wir Nichtachtung, denn keine andere Strafe entspricht auch nur annähernd diesem Vergehen. Wenn wir mit „Muße" den Zustand bezeichnen, in dem wir die Art unserer Tätigkeit wählen können, dann muß es bestimmte Grundsätze geben, die diesen Zustand dahin bestimmen, ob wir ihm wenige oder viele Stunden des Tages widmen können, ob wir ihn durch unsere eigene Arbeit verdient haben, oder ob er uns durch eine fragwürdige Gesellschaftsordnung zugebilligt wurde. Ich habe gerade erwähnt, wie notwendig Ausbildung, Gründlichkeit und ein gewisses Bezahlungsniveau sind, aber wir haben auch eine gewisse Verantwortlichkeit für unsere bezahlten und unbezahlten Kolleginnen, und gerade diese Verantwortlichkeit vergessen müßige Frauen leicht. Wir wissen alle, wie peinlich es ist, in ilnserer Arbeit als Maschine behandelt zu werden, aber ich glaube, wir vergessen oft, daß dieses selbe Gefühl schwer auf den Angestellten unserer Vereine lastet und daß wirklich brauchbare Arbeit nur da geleistet werden kann, wo der Geist wahrer Kameradschaft herrscht. Wir wollen, daß unser persönliches und unser häusliches Leben mit dem vollkommenen Geist der Liebe und der Gerechtigkeit harmoniere, der uns erfüllt. Die einigermaßen befähigte Frau, Miß Lily Montagu. die atemlos die Welt durcheilt und Bedürftige unterstützt, ohne ganz die Natur ihrer Bedürfnisse zu verstehen, übernimmt eine schwere Verantwortung. Gerade unsere Freiheit verpflichtet uns dazu, vernünftig zu sein — die Welt braucht Vernunft. Wahrscheinlich sind die meisten unter uns bekannt mit einem Abschnitt im Deuteronomium (6), der das Wesen des jüdischen Glaubens enthält. Hier wird uns befohlen, Liebe zur Grundlage eines gerechten Lebens zu machen, ob wir ausgehen oder einkehren, ob wir uns niederlegen oder aufstehen. Diese Liebe muß auf dem Türpfosten des Hauses der sozialen Frau eingeschrieben sein und ihre Mußestunden erfüllen. Sie muß ihr die Augen für alles Göttliche im menschlichen Wesen und, was das schwerste ist, in jeder Mitarbeiterin öffnen; sie muß ihre Hände heiligen, so daß alle ihre Handlungen rein sind. Sie muß ihr Herz füllen und ihre Lippen davon überfließen lassen, so daß sie ihre Kinder und alle die, die ihren Weg kreuzen, belehren kann. Da unsere Tage so übervoll mit kleinen Pflichten sind, die zu unserer Arbeit gehören, so bedarf es einer beträchtlichen Willensanstrengung unserseits, ein wenig Zeit für tägliche Ueberlegung zu erübrigen, dafür, die Richtpunkte unseres Lebens zu Prüfen. Aber gerade während dieser Augenblicke der Ueberlegung haben wir Gelegenheit, die Bedürfnisse künftiger Generationen zu beurteilen, und gerade durch diese Gedanken- Übung zeigt sich uns, was wesentlich und was unwesentlich in unserer Arbeit ist. Außerdem wissen wir alle ganz genau, wie oft wir uns in einen Zustand von Heißglühhitze hineinarbeiten und auf m> serem eigenen Spezialgebiet herumreiten, weil wir uns auf einen bestimmten Zweck versteift haben, der keinen wirklichen Wert, im Lichte künftiger Generationen gesehen, hat, der aber wie eine fire Idee in uns arbeitet und unsere klare Vernunft und gute Laune beeinträchtigt. Spaltungen in philanthropischen Organisationen ereignen sich gerade wegen solcher verfehlter Pläne, die dadrirch entstehen, daß es an Zeit mangelt, sie nach ihrem richtigen Werte einzuschätzen. Ganz sicherlich hatten unsere alten Gesetzgeber die Unrast des modernen Lebens vorausgesehen, als sie Tage zum Fasten und Nachdenken einsetzten. Die alte Einrichtung des Sabbats befriedigte ein Bedürfnis der menschlichen Natur, dem wir nicht entwachsen sind, und das wir zu unserem Schaden vernachlässigen. Ist nicht allein durch Gedankenlosigkeit diese Ironie des Schicksals möglich geworden, daß Männer und Frauen Arbeitsbedingungen im allgemeinen zu verbessern suchen, während sie doch die Bedürfnisse derer, die für sie arbeiten, nicht kennen? „Der Ruin manch einer Frau", so sagt Stopford Brooke, „beginnt bei der vornehmen Dame, die ihre Schneiderin hetzt, das Kleid fertigzumachen, oder die, um sich ein wenig Mühe zil sparen oder ein augenblickliches Vergnügen zu genießen, sich weigert, ihre Rechnung zu bezahlen." Alls der Art und Weise, wie das Geld zur Bezahlung voll Schulden von den Reichen herausgezogen werden muß, sollte man schließen, daß sie glauben, Handelsleute können Geld prägen, um ihre Angestellten zu bezahlen. Durch diese selbstsüchtige Gedankenlosigkeit werden die Löhne armer Frauen heruntergedrückt und ihnen ihr Geld vorenthalten, und niedrige Löhne führen den Ruin armer Frauen herbei. (£d)lutt folgt.)

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