Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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89 nicht gelungen ist, hätte verstehen müssen, daß sie eine so vollkommene, eine so festgeschmiedete Anklage M schaffen habe, daß an ihr die ungeheure Kraft jener mächtigen Welle, die ihr entgegentreten würde, zerschellen müßte. Denn das Volk, welches die russische Staatsanwaltschaft des rituellen Verbrechens 31t beschuldigen gedachte, ist das jüdische Volk, d. h. das allerenergischste, allerrücksichtsloseste Volk, wenn es gilt, seine Interessen zu vertreten, Zudem ein Volk, das die Möglichkeit hat, durch die Presse in die ganze Welt hineinzuschreien mit einer Stimme, welche Tote zu erwecken vermag. In einen solchen Kamps sich begeben bitrfte man nur mit einer seingeschliffenen Waffe. Und nun, jetzt haben wir diese feingeschliffene Waffe vor unseren Augen. Wehe, man braucht nicht Jurist zu sein, es genügt der gesunde Menschenverstand, um zu begreifen, daß die Beschuldigung gegen Beilis ein Gelalle ist, welches jeder mittelmäßig begabte Rechtsanwalt spielend widerlegen wird. Da tut einem unwillkürlich die Kiewer Staatsanwaltschaft und die ganze russische Justiz leid, welche mit solch ärmlichem Gepäck vor das Urteil der ganzen Welt tritt." Wie man sieht, spricht Schulgin von Anfang an ganz und gar wie ein russischer Nationalist, und in demselben Geist sind seine gesamten Ausführungen gehalten. Er schildert, wie Samylowski in die Affäre Justschinski sich einmischte, wie er die Ritualmordidee propagierte und den Gedanken nährte, daß eine geheimnisvolle Macht den Juden die Möglichkeit verliehen habe, ein solches Verbrechen ungestraft zu begehen. Diese Zweideutige Beschuldigung, sei es der Polizei, sei es der Untersuchungsbehörden, genügte, um aus die Kiewer Staatsanwaltschaft einen entscheidenden Druck auszuübeu. „Wenigstens der Staatsanwalt der Kiewer Gerichtskammer, Tschaplinski, begann nun so vorzugehen, als ob der einzige Zweck seiner Handlungen darin bestände, Samylowski zu überzeugen, daß er nach dieser Richtung hin rein wie Glas wäre." Zunächst versetzte er den damaligen Chef der Kriminalpolizei Mischtschuk in Anklagezustand. Zuerst einstimmig freigesprochen, wurde dieser von der Charkower Gerichtskammer später verurteilt, was die ernstesten und beunruhigendsten Gedanken hervorrief. Tschaplinski zog den Gendarmerieobersten Iwanow zu Hilfe und dieser wiederum den bekannten Detektivbeamten Krassowski, der vor einigen Jahren die Mörder der Familie Ostrowski ausfindig gemacht hatte. Auch Krassowski lehnte bald entschieden das rituelle Motiv ab und schrieb das Verbrechen einer Bande von Berufsverbrechern, die sich um Vera Tscheberjak gruppierten, 31t. Nun wurde auch dieser Chef der Detektivpolizei seines Postens enthoben und in Anklagezustand versetzt. Die durch das entschiedene Vorgehen des Staatsanwalts terroriesierte Polizei, heißt es bei Schnlgin weiter, begriff gar bald, daß jeder, der auch nur ein Wort nicht nach Willen der Vorgesetzten sagen sollte, sofort sein Brot verlieren und ins Gefängnis kommen wird. Naturgemäß verstummte unter solchen Bedingungen alles, und die Version Beilis wurde „dem Verstände zuwider, entgegen allen Elementargewalten", aber zur Freude Tschaplinskis alleinherrschend. Allmählich habe auch die Beschuldigung des Beilis an Interesse verloren, und jedem, der die mangelhaften Indizien betonte, wurde erwidert: „Was ist uns Beilis? Uns liegt nur daran, den Ritualmord nachzuweisen! Beilis . . . mögen sie ihn sogar freisprechen!" „O, hütet Euch, ruft darauf Schulgin aus, es gibt Heiligtümer, die man nicht straflos vernichten darf." „Wir werden nicht anshören zu wiederholen, daß eine ungerechte Sache die gewünschten Früchte nicht bringt, wir werden unausgesetzt verkünden, daß das Gericht kein Werkzeug sein darf, weder der Linken, noch der Rechten, sondern einfach eine Zufluchtsstätte sein muß, au der man vor der durch politische Leidenschaften erzeugten Ungerechtigkeit Schutz suchen kann." Das also ist der Aussatz, der den Anlaß zum schwerwiegenden Prozeß gegeben hat. Allerdings ist es nur einer von mehreren gleichartigen Artikeln, die dem ersten im „Kiewljanin" nachgefolgt sind. Mih JKI? h. Montsgu. Eingeleitet und übersetzt von Martha Steinitz. I. miß Lily H. Montagu wurde im Jahre 1874 als Tochter des verstorbenen Sir Samuel Montagu, des späteren Lord Shaythling, geboren. Mit 17 Jahren begann sie die soziale Arbeit mit dem Unterricht mittelloser junger Mädchen und wurde schon mit 19 Jahren Sekretärin des Klubs für arbeitende jüdische Mädchen, der damals 15 Mitglieder zählte und der sich unter ihrer Leitung so glänzend entwickelt hat, daß ihm heute gegen 550 junge Mädchen angehören, die dort unter der Führung von Miß Montagu und einiger gleichgesinnter Damen allabendlich Unterricht, anregende Unterhaltung und jederzeit kostenlos geistige und leibliche Hilfe erhalten. Ihre Arbeit in diesem Klub regte sie zu sozialen und religiösen Studien an und führte sie zur liberalen Auffassung des Judentums und zur Gründung der liberalen Synagoge. Sie half auch bei der Vereinigung aller industriell-sozialen Klubs, deren Ziel das Studium und die Verbesserung der Arbeitergesetzgebung ist. Auch schriftstellerisch ist Miß Lily H. Montagu verschiedentlich tätig, ihr letztes Werk aus diesem Gebiete ist eine Biographie ihres verstorbenen Vaters. Das Tagewerk dieser seltenen Frau beginnt um 8 Uhr morgens und endet erst in der Nacht nach angestrengter liebevoller Tätigkeit im Dienste der armen jüdischen Jugend, von der ein großer Teil ihr und ihrem Einflüsse nicht nur eine Existenz, sondern auch Geistes- und Herzensbildung verdankt. ' Ein Vortrag von ihr: „Die Pflichten derer, die nichts zu tun haben", ist am besten geeignet, ihr Wesen zu verdeutlichen. „In der heutigen Zeit, die von Arbeit so ganz erfüllt ist und in der das Vergnügen mit solchem Eifer betrieben wird, daß es den Charakter harter Arbeit annimmt, müssen wir uns fragen: Was und wo ist Muße? Bin ich etwa im Begriff, über einen Zustand zu schreiben, der nur im archaischen Zeitalter bekannt ivar? Indem ich diese Worte sage, fällt mir ein, daß die meisten von uns, die wir hier versammelt sind, und selbst ich als zu der müßigen Klasse gehörig betrachtet werden, denn da uns nicht die grimme Notwendigkeit treibt, um Nahrung und Wohnung zu sorgeu, werden wir müßig genannt. Man glaubt allgemein, daß wir Frauen innerhalb gewisser Grenzen unser Leben ganz genau so einrichten können,, wie wir es wünschen. Aber ich bilde mir ein, daß die Mehrzahl von uns doch den größten Teil ihrer Zeit der Erfüllung bestimmter Pflichten widmet und damit ihre Existenzberechtigung zu beweisen versucht. Ich glaube auch, daß wir hier keinerlei Unterschied machen zwischen bezahlten und unbezahlten Arbeiterinnen. Es gibt keine geprägte Münze, die die Arbeit bezahlt, in die wir unsere Persönlichkeit legen müssen, wenn sie wirken soll, und dies ohne Rücksicht auf Gehalt. Anderseits muß die sogenannte freiwillige Arbeiterin sich diesen Grad von Brauchbarkeit erwerben, der sie in den Stand setzt, freudig alle Einzelheiten ihres Dienstes zu erfüllen und ihm mit vollem Bewußtsein der Verantwortlichkeit ergeben zu sein. Ich dars wohl sagen, daß heutzutage die Frau, die ihre ganze Energie an Frivolitäten verschwendet, so gut wie ansgestorben ist; wenigstens bin ich sicher, daß sie hier nicht vertreten ist. Eine bei weitem erfreulichere Abart des weiblichen Geschlechts tritt an ihre Stelle. Ich denke an das Mädchen, das vor den hohen Ansprüchen, die an sozial arbeitende Frauen gestellt werden, erschrickt, und das, abgestoßen durch das ziemlich düstere Beispiel seiner angestrengt arbeitenden Tanten und älteren Schwestern, ein für allemal seinerseits die Hoffmmg auf eine soziale Karriere aufgibt. Es will frei sein von den vielen Verantwortlichkeiten, will zu Vorträgen, Konzerten gehen können, Gesellschaften und Ausflüge mitmachen, gerade, wie es ihm beliebt. Natürlich ist dieses Mädchen gern dazu bereit, ganz gelegentlich Gutes zu tun, ohne sich weiter um die Leiden der Welt zu bekümmern, von denen es sich bis jetzt so herrlich fernhalten konnte. Ich versuche nicht, diese Klasse von Mädchen zu rechtfertigen, obgleich ich sie zu verstehen scheine und weiß, wie sie entstehen