Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-20 · Heft 8 (20.2.1914) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 8 (20.2.1914)
Date
1914-02-20
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229132--70179-3282511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86 denken: „Er ist eben ein Jude", und ein feindliches, das rassenfeindliche Gefühl wird in ihr aufsteigen, das Du instinktiv fühlen mußt, das Dich mehr schmerzt wie kränkende Worte, verletzende Vorwürfe. In allen Wechselfällen des Daseins wird es bei Euch zwei Standpunkte geben: den Deinen und den ihren; mag fein, daß sie sich stets Deiner Anschauung fügt, aber g l e i ch e Ansichten herrschen bei Euch nie; dazu ist Eure Erziehung, Eure Wesensart zu verschieden. Sie sieht alles, was da kommen mag, mit den kühleren Augen des Christen, Du mit dem warmempfindenden Herzen des Juden an; gar oft werdet Ihr Euch mit einem fremden Ausdruck anblicken: es sind die zwei Welten, die sich zweifelnd begegnen! Jede angebliche oder tatsächliche Zurücksetzung, jeder Persönliche Mißerfolg hat für sie die eine Erklärung: das kommt von der Heirat mit dem Juden! Sie will vielleicht gar nicht so denken, aber sie kann nichts dafür, diese Logik ist stärker wie sie. Tu hingegen wirst oft das demütigende Bewußtsein auskosten müssen, daß mancher ihrer Glaubensgenossen bei Eurem Anblick denkt: „Ja, wie konnte denn diese Frau einen Juden heiraten? Ewig schade sür sie!" Ein erhebendes Gefühl für einen Gatten, diese Kritik, nicht wahr? Du bist viel zu vernünftig und weitblickend, um nicht die Frage Eurer Nachkommenschaft bereits erwogen zu haben! Bei Deiner Gesinnung weiß ich bestimmt, daß Du Deine Kinder nie taufen lassen wirst. Andererseits wird Dich Deine Frau anflehen und bestürmen, wenigstens eine freireligiöse Erziehung zu bewilligen. Um des lieben Friedens willen und weil Du Dir sagst, daß damit nichts verdorben ist, sagst Du dies schließlich zu — und damit ist das Schicksal Deiner Kinder besiegelt! Denn Du glaubst doch selbst nicht, daß diese nach Erlangung eigener Urteilsfähigkeit Juden werden wollen?! Sie sind unter dem Einfluß ihrer christlichen Mutter ausgewachsen, Du bist stets Deinem Beruf nachgegangen, hattest wenig Zeit für Erziehungsfragen; was ist natürlicher, als daß Deine Kinder Dir erklären, sie wollten sich taufen lassen, weil man sich doch im Leben als Jude viel härter tut wie als Christ. Und haben sie nicht recht? Das, was uns Juden trotz dieser Wahrheit an unser Judentum kettet, ist Tradition und Pietät; den Sprößlingen einer Mischehe fehlen diese Eigenschaften selbstverständlich, und die Folge davon ist die Taufe! Kannst Du Dir die Enkel Deiner religiösen und überzeugungstreuen Eltern als Christen denken? Ich nicht — und auch Du wirst diese Vorstellung nicht zustande bringen. Hier prophezeie ich Dir übrigens gleich den ersten Konflikt Deiner Ehe: wenn Du Deiner Gattin sagst, daß Du Deine Kinder aus Rücksicht auf Deine verstorbenen Eltern nicht taufen lassen willst, so wird sie Dir verwundert antworten: „Aber die sind doch schon lange tot und wissen nichts mehr davon!" — das Gefühl der Pietät in unserem Sinne kennt sie eben nicht! Aber selbst wenn sie einwilligt, daß Eure Kinder als Juden aufgezogen werden — um Deiner selbst willen darf ich diese Verbindung nicht zugeben! Du kennst meine Gründe dagegen, die ich aus vollster Ueberzeugung niederschrieb. Zähle mir nicht die Beispiele auf, wo Ehen zwischen Christen und Juden gut ausgefallen sind; erstens kannst Du nie und niemals das Wesen einer fremden Ehe ergründen, nie erforschen, was unter der scheinbar glatten Oberfläche gärt und brodelt; zweitens kann es wohl eine Ausnahme geben, aber bürgt sie mir dafür, daß nicht Du die Regel bestätigst? Also höre auf meinen Rat, der Dir mit größter Eindringlichkeit, mit wahrer Herzensangst erteilt wird: suche das Band, das Dich an jenes Mädchen fesselt, wieder zu lösen, werde Deiner Leidenschaft Herr und bereite Dir und der Geliebten jetzt lieber eine kurze Zeit heftigen Schmerzes als ein langes Leben bitterster Enttäuschung und schwerster Kämpfe. Ich weiß, daß Du mir über meine Härte, über meine scheinbare Verständnislosigkeit in Herzensangelegenheiten zürnen wirst, aber noch sicherer weiß ich, daß dereinst die Stunde kommt, in der Du mir für meinen Einspruch dankit. Und auf diese Stunde will ich geduldig warten! Deine alte Freundin. Bit Woche. Berlin, den 17. Februar 1914. n der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom \ 12. Februar, bei der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern, hielt der Abgeordnete Geheimer Justizrat Cassel nachstehende beachtenswerte Rede, die wir nach dem stenographischen Bericht hier im Wortlaut folgen lassen: Ich muß jetzt einen Einzelfall zur Sprache bringen, der meines Erachtens sehr empörend ist. Er betrifft eine Lache, die meine sämtlichen Glaubensgenossen, die Preußen und Deutsche sind, als eine empfindliche Kränkung betrachten müssen. Ich muß dabei etwas auf tatsächliche Umstände ein gehen. In Münster in Westfalen schwebte bei dem Landgericht gegen die Westfalische Provinzialseuersozietüt wegen Brandentschüdigung ein Prozeß, den ein Kaufmann angestrengt hatte. In diesem Prozeß erging ein Beweisbeschlnß, der sich auf Bernehmung eines Lachverständigen erstreckte. Dieser Lachverständige sollte nicht einer der von den Parteien vorgeschlagenen sein, sondern es sollte die Aachen-Münchener Gesellschaft ersucht werden, einen geeigneten Lachverständigen vorzuschlagen, und das Gericht dann darüber beschließen. Die Aachen- Münchener Gesellschaft schlug einen ihr geeignet erscheinenden L a chverständigen vor, einen Mann jüdisch e n G l a u b e n s. Daraus wurde von der Provinzialfeuersozietät ein Ablehnungsgesnch gegen diesen Sachverständigen eingereicht. Es ist das noch mit anderen Dingen motiviert, die mich nicht weiter interessieren; denn es handelt sich für mich nicht um die Frage, ob das ganze Ablehnnngsgesuch berechtigt war, sondern nur um denjenigen Punkt, mit dem dasselbe in erster Linie motiviert ist. Und dieses Ablehnungsgesnch ist motiviert, weil in dem schwebenden Prozeß sowohl Kläger als sein Gutachter Israeliten sind, „die bei ihrer Stammesverwandtschaft gewisse Zuneigungen bekunden werden". (Hört, hört! bei der Fortschrittlichen Bolkspartei.) Meine Herren, es war nicht sein, des Klägers, Gntachter, sondern es handelte sich um den von der Aachen-Münchener Gesellschaft vorgeschlagenen. Meine Herren, es heißt hier: „die bei ihrer Stammesverwandtschaft gewisse Zuneigungen bekunden werden". Ich glaube, das soll heißen: „die bei ihrer Glanbensverwandtschaft gewisse Zuneigungen bekunden werden": denn wenn die Provinzialfeuersozietät annehmen würde, daß alle diejenigen, die wegen ihrer Ltammesverwandtschast gewisse Zuneigungen bekunden werden und deswegen der persönlichen Glaubwürdigkeit im Prozesse mit Juden entbehren würden, dann würde man auf sehr weite Kreise zurückgreisen müssen, bei denen eine solche Stammesverwandtschaft vorliegt. (Lehr richtig! bei der Fortschrittlichen Bolkspartei.) Das würde sich beziehen auf Inhaber höchster Kommandostellen, ans Inhaber höchster Beamtenstellen und auf manche ganz echt uradlige Kreise. (Lehr richtig! bei der Fortschrittlichen Bolkspartei.) Also von „Ltammesverwandtschast" wird wahrscheinlich nur geschrieben worden sein, um die Glanbensverwandtschaft dabei etwas in den Hintergrund treten zu lassen. Um diese handelt es sich. Der Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erhob hiergegen Beschwerde bei dem Herrn Landeshauptmann der Provinz, der die Aufsicht über diese Fenerversichernngssozietät zil führen hat, die also der kommunalen Aufsichtsbehörde untersteht. Der Herr hat seinerseits nun nicht sehr viel Wert ans eine eigene Entscheidung gelegt. Er hat bloß angegeben, daß der Berwaltungsrat der Fenersozietät erklärt hätte, daß die Ablehnung des Gutachters im Interesse der Sozietät geboten erschienen wäre, unb daß sie als eine Beleidigung des Gutachters nicht angesehen werden könne, zumal es ja in der Form durch den Prozeßvertreter geschehen sei. Meine Herren, es handelt sich hier aber gar nicht um die Form. Der Prozeszvertreter hat auch gar nicht die Form überschritten, sondern es handelt sich um die Tatsache, daß in eitlem Prozesse eines Juden gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.