Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1914)
- Date
- 1914-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 8 Berlin, 20. Februar 1914 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch. Handel oder die Post (in Berlin und vor« orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 324. vegründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phittppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Brief cm einen jungen Freund. Von Else Dorn. — Die Woche. — Miß Lily tz. Montagu. Eingeleitet und übersetzt von Martha Steinitz. — Zu Ehren eines Vergessenen. Von Rechtsanwalt Dr. Guggvnheim. — Ein Erinnerungsblatt an Clemens Schultz. — Der Sprachenkonflikt in Palästina und der Hilfsverein der Deutschen Juden. Von Dr. Alphons I. Sußnitzki. — Feuilleton: Kleopatras Wunsch. Von Tadeusz Kouezinski. Uebersetzt von S. Horobitz. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin, Thorn, Freiemvalde (Oder), Posen, Hamburg, Mannheim, Kiew, Jaffa. — Von Nah und Fern. ßrirf an einen jungen Freund. Von Else Dorn. Mein junger Freund! 18 vor Jahren Deine liebe Mutter, meine treuste Jugendgeführiin, ihr Ende herannahen fühlte, da bat sie mich in einem rührenden Schreiben, Dir in allen Wechselfällen des Lebens zur Seite zu stehen, mit Rat und Tat Mutterstelle an Dir zu vertreten. Und Du, der Heranwachsende Jüngling, hieltest in echter Pietät den Willen der Verklärten hoch, indem Du keinen Schritt von Bedeutung unternahmst, ohne die alte Freundin davon in Kenntnis zu setzen und ihr Urteil, ihre Meinung zu erfragen. - So habe ich alle Etappen Deines jungen Daseins mitgemacht, habe Dich durch das Gymnasium, die Universität begleitet, Stolz und Freude gleich einer richtigen Mutter empfunden, als Du nach glänzend bestandenem Examen die Leitung eines großen Unternehmens übertragen bekamst. Und was mir stets am meisten an Dir imponierte, das war die Art, >vie Du Dich, im Gegensatz zu so vielen Deiner Altersgenossen, niemals Deiner Zugehörigkeit zum Judentum schämtest, sondern immer betontest, daß Du als Jude geboren und erzogen seiest und nie daran denken würdest, den Glauben Deiner Väter zu verlassen. Selbst als nran Dir von maßgebender Seite nahelegte. Dich taufen zu lassen, um Dir die in Aussicht gestellte Hochschulprosessur zu erringen (der Ruf Deiner besonderen Tüchtigkeit hatte sich ja dank Deiner Schriften gar bald verbreitet!), da bliebst Du fest und sagtest: „Entweder als Jude oder gar nicht!" Du hattest Deine Charakterfestigkeit auch keineswegs zu bereuen, denn die Stellung, die Du jetzt einnimmst, bietet in ideeller und materieller Hinsicht wohl alles, was Du Dir je wünschen konntest. Als Du damals persönlich, zu inir kamst, um mir Deine Ernennung mitznteilen, da küßtest mir die Hand und sprachst: „Auch Dir gebührt ein Anteil an diesem Erfolge, Du Gute, Du Getreue; denn Dir und Deinen stets richtigen Ratschlägen verdanke ich ein wohlgemessen Teil dessen, was ich geworden bin!" Ich drückte Dir die Hand und meinte, daß meine Mission als Ratgeberin nun wohl endgültig erledigt fei, denn was könnte noch Vorkommen, was Dich an Herz und Verstand Deiner Pflegemutter appellieren lassen sollte? Scherzend antwortetest Du: „Nun, und meine zukünftige Frau? Glaubst Du, daß ich die wähle, ohne Dich vorher zu fragen?" Ich versprach feierlichst, bei dieser Gelegenheii nochmals in Aktion zu treten! Wie bald sollte dies der Fall sein - und in wie anderer Art, als ich je dachte! Noch halte ich Deinen Brief in Händen und lese wieder und wieder die Stelle, die da lautet: „All das, was ich Dir über das Mädchen meiner Wahl bisher sagte, hat Deine volle Znstimmnug, das weiß ich; denn eine edlere, bessere Lebensgefährtin könntest selbst Du nicht für mich finden. Allein ich muß Dir noch sagen, daß sie Christin ist, allerdings eine freidenkende, sonst würde sie mich, den Juden, nicht nehmen, aber sie ist Christin! Das wird Dich bei meinen sonstigen Ansichten wohl überraschen; aber wenn ich nicht fest davon überzeugt wäre, daß der Unterschied des Glaubens hier keine Rolle spielt, ich würde vielleicht versuchen, des mächtigen Gefühles, das mich gepackt hat, Herr 311 werden. Jedoch glaube mir, eine Liebe, wie zwischen Maria und mir herrscht, die fragt nicht nach Religion, die wägt nicht vorsichtig innere und äußere Bedenken ab, die sehnt sich nur nach dem einen: nach dem uneingeschränkten Besitz des geliebten Wesens! Darum, Du altbewährte Freundin, schicke uns Deine Zustimmung und erlaube mir. Dir recht bald meine Anserwählte zuznführen, damit T» Dich selbst überzeugen kannst, wie unmenschlich glücklich Dein Pflege sohn ist!" In dieses Glück muß ich nun zerstörend eingreisen, muß Dir zum erstenmal im Leben Schmerz und Enttäuschung bereiten. Ich kann und darf Dir ja nicht zu dieser Verbindung raten, die für Dich und für das Mädchen Deiner Wahl nur Unheil bringen würde. Denn glaube mir: es sind zwei grundverschiedene Welten, denen Ihr angehört; der Abgrund, den Anschauung, Erziehung, Denkungsweise zwischen Euch austun, er kann auch durch die größte Liebe, die heftigste Leidenschaft nicht überbrückt werden. Ich will gar nicht von der Verschiedenheit der religiösen Empfindungen sprechen, die selbst bei freidenkeuden Christen beeinflußt sind von den dogmatischen Betrachtungen und den geschichtlichen Auffassungen ihres Religionsunterrichts. Nein, mein Hauptargument gegen Deine Verbindundg ist folgendes: D u bist Jude — das bedeutet, daß Dir Pietät, Familiensinn, Tradition in Fleisch und Blut übergingen, daß Du nie von diesen Eigenschaften wegkommst, auch wenn Dich eine andere Macht ihnen zu entfremden suchen würde. Sie ist Christin; sie wird gerade für jene Qualitäten unseres Stammes weniger Verständnis haben und manches als widersinnig und altmodisch verurteilen, was Dir das Selbstverständliche, das Natürliche ist. Hast Du auch schon bedacht, daß Du für sie der Jude bleibst — trotz aller Liebesleidenschaft? Das Gefühl, daß sie der in aller Christen Augen besseren, vollwertigeren Rasse angehört, ist ihr derartig fest eingeprägt, daß sie sich nicht davon entfernen kann, selbst wenn sie den besten Willen dazu hätte. Wenn die nüchternen Stunden des Lebens nahen, wenn es zu einer Meinungsverschiedenheit, zu einem Streit zwischen Euch kommt — in welcher Ehe bliebe dies aus? —, dann wird sie