Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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78. Jahrgang. Nr. 7 Berlin, 13. Februar 1914 Der OemetndrLote. Vellage zur „Allgemeinen Trttung de§ Judentums". Sorrrkpondmzen und Aschrichtro. SklltschlsnÄ. L2 Berlin, 10. Februar. Am 18. v. M. fand die erste stark besuchte Sitzung des Ausschusses des Deutsch-Israelitischen G e m e i n d e b w n d e s nach dem vierzehnten Gemeindetage statt, in der eine Reihe von Angelegenheiten von allgemeinem Interesse zur Verhandlung stand. Dem Ausschuß lag ein Terrainangebot des Magistrats der Stadt Köpenick für die Errichtung eines Neub a u e 8 der F ü r s o r g e e r z i e h u n g s a n st alt f ü r i s r a e l itische Mädchen vor. Das Gelände liegt an einer ausgebauten Straße, die aber stärker befestigt werden soll. Zu diesem Zwecke sind zirka 8000 Mark als Anliegerkosten zu hinterlegen. Die Baukommission empfahl den Ankauf des zwei Morgen großen Terrains zum Preise von 25 000 Mark sowie Hinterlegung der geforderten Kosten. Demgemäß wurde beschlossen. Es wurde ferner eine Kommission für die Erteilung von Auskünften über Fragen des G e m e i n d e r e ch t s eingesetzt, in die sieben Mitglieder des Ausschusses mit dem Rechte, sich durch Persönlichkeiten außerhalb dieser Körperschaft auf zwölf zu ergänzen, gewählt. Dabei bandelt es sich um eine systematische Erledigung der ständig beim D. I. G. B. eingehenden Rechtsfragen. Diese haben zwar schon bisher durch die sachverständigen Ausschußmitglieder und Delegierten prompte Beantwortung gefunden, es wird aber Gewicht auf die Vervollständigung des Materials und seine Publikation in weiterem Umfange, als es jetzt schon in den „Mitteilungen" und dom Anhänge des „Statistischen Jahrbuchs" der Fall ist, und auf die Ausarbeitung praktischer Anleitungen für regelmäßig wiederkehrende Fälle in der Art gelegt, wie die vor einigen Jahren veröffentlichte Normalfriedhofsordnung oder wie der Normalanstellungsvertrag für Gemeindebeamte. Die Kommission, deren Name noch endgültig festznstellen ist, wird sich in nächster Zeit konstituieren und ergänzen und alsdann ihren Arbeitsplan aus der Basis einer Vorlage sestsetzen, die auf Grund der praktischen Erfahrung, doch ohne Anspruch auf Vollständigkeit, eine große Zahl von Rechtsgebieten anführt, hinsichtlich deren tagaus, tagein Anfragen beim D. I. G. B. eingehen. Es darf wohl erwartet werden, daß die neue Einrichtung, die vollkommener als bisher der Erfüllung einer Ausgabe dienen soll, für die der Gemeindebund seinerzeit begründet worden und die daher in der „Neuen Grundverfassung" allen anderen vorangestellt ist, freudig begrüßt und eifrig von den Mitgliedern des Bundes benutzt werden wird. Ferner wurde beschlossen, den nach 25jähriger Mitgliedschaft des Ausschusses wegen hohen Alters zu rückgetretenen hochverdienten Herrrr Geheimen Sanitätsrat Dr. Boas zmn Ehrenmitglied zn ernennen. Der Antrag des Lehre rve-rban des betreffend Aufrechterhaltung der Arbeitsgemeinschaft mit dem D. J.G.B. fand eine entgegenkommende Aufnahme und Zustimmung. Der geschäftsführende Vorsitzende gab ferner Kenntnis von dem in einer durch den Z e n t r a l v e r e i n deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einberufenen Versammlung gefaßten Beschlüsse, für die P rovinzPosen eine A u s k u n s t s st e l l e über w i r t f ch a f tliche Fragen einzurichten mit dem Hauptziele, der Abwanderung der Juden möglichst Einhalt zu tun. Auf Antrag der Lehrabtei'lung stirnmte der Ausschuß den Abänderungsbeschlüssen der durch densechsten Verbandstag eingesetzten Kommission zur Ausarbeitung eine § Normalvertrages für die Anstellung der Gemeindebeamten sowie der Schiedsgerichte zu. Normalvertrag wie Schiedsgerichtsordnung sollen in der jüdischen Presse und den „Mitteilungen" publiziert und den Gemeindeverbänden und Bundesgemeinden empfehlend zur Kenntnis gebracht werden. Schließlich wurde iu Aussicht genommen, bei Festsetzung des Etats für. 1914 den Beitrag für die Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums wieder auf 300 Mark zu bemessen. E. 8. Berlin, 10. Februar. In der M o n t a g s v o r l e s u n g am 26. Januar Zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums sprach Frau Elsbet Meyer- Neu m a n n aus Riga über „Dr. Max Schönfeld — ein Kulturbild aus dem letzten Jahrzehnt jüdisch-russischen Lebens". Der jüngst verstorbene, 1861 geborene Mar Schönfeld entstammte der kurländischen Hauptstadt Mitau. Nach Absolvierung des dortigen Gymnasiums und des medizinischen Studiums in Dorpat wirkte er sechs Jahre als Assistenzarzt für Nervenkrankheiten in Riga. Zur Erweiterung seines Gesichtskreises weilte er einige Zeit m , Berlin, wo er bald die Hochachtung bedeutender Fachgenossen gewann. Aber zeitlebens ein echter Jude, zog es ihn mächtig in d:e Heimat, um dort für sein Volk und für die Elenden aus allen Völkern zu wirken. In Riga ließ sich Schönfeld als Nervenarzt I nieder, gewann bald starken Zuspruch und gründete eine zu schneller Blüte gelangte psychiatrische Klinik. Die Armen und Verlassenen waren für den rastlosen Tätigkeitstrieb des hochbegabten Arztes i> gerade gut genug. Die Darstellung eines inhaltvollen Einzellebeus gestaltete sich unter der kundigen Ausführung der Vortragenden zu einem höchst anschaulichen Bild der Judeulage in Westrußland. Gewiß war manches von den Einzelheiten den meisten Zuhörern bekannt, anderes mochte ihnen völlig fern sein. Aber die Gesichtspunkte, unter denen Frau Meyer-Neumann ihr reichhaltiges Thema gruppierte, waren vielfach so eigenartig, daß auch Kundige reiche Belehrung daraus schöpften. Wie ist meinen jüdischen Brüdern zu helfen, war der Gedanke, welcher Schönfeld bei Tag und schlaflosen Nächten ständig bewegte. Obwohl deutsch gebildet und sich stets der Segnungen deutscher Kultur bewußt, fühlte er sich doch mächtig zu dem demokratischen Russentum hingezogen. Diesem müsse sich die russische Judenheit unter Wahrung ihrer religiösen Eigenart assimilieren. Darum erkannte Schönfeld den Zionismus nur in ganz beschränktem Sinne Berechtigung zu. Als der Beilisprozeß anfing und das schauerliche Märchen vom Ritualmord die armen russischen Juden wieder erzittern machte, da litt es den aufopferungsvollen Arzt nicht mehr in Riga. Er reiste nach den Hauptsitzen der medizinischen Wissenschaft, nach Deutschland, Schweiz, Frankreich usw., um Gutachten zu erbitten -- mit Erfolg. Welche Arbeit, welche Aufregung, welche Op fee hiermit verbunden waren, ist auch die beste Feder zu beschreiben außerstande. Nach Hause zurückgekehrt, traf Schönfeld die Kugel eines Wahnsinnigen. So uulßte der sterben, dessen Leben ein so kostbarer Besitz für seine entrechteten und gequälten russischen Glaubensgenossen war. Aber nicht nur unter diesen, sondern unter allen edlen Menscheu, welche von der erschütternden Botschaft hörten, erregte Schönfelds Tod tiefen Schmerz. Jedoch er hat nicht vergeblich gelebt. Solange Gott ähnliche Männer unter den russischen Juden erstehen läßt, werden sie nicht verloren gehen. —- Wohl niemand hat ohne tiefe Rührung den herrlichen Vortrag verlassen. M. Berlin 10. Februar. Ter V e r e i n zur Pflege hebräischer M u s i k in Berlin kann in diesem Monat auf zehn Jahre eifriger Tätigkeit und künstlerischer Erfolge zurücksehen. Am 18. Februar 1904 wurde er auf Anregung des Herrn Kapell meisters K e l l e r m a n n begründet, um die Schätze shnagogaler Musik aller Zeiten und Länder zn sammeln und besonders charakteristische Stücke, die im hiesigen Gottesdienst nicht verwendet werden, auch zu tönendem Leben zu erwecken. Besondere Aufmerksamkeit richtete er auf die Auffindung und Vorführung sephardischer Gesänge und interessanter jüdischer Hausmusik, ebenso auf die wirkungsvolle instrumentale Uebertragnng eigenartiger kantoraler Gesänge. Solche Darbietungen, deren Originalität und Güte von den Zuhörern und nicht zum.miudesten von der Kunstkritik anerkannt wurden, erfolgten bisher in jedem Jahre einmal. Die diesjährige findet am 23. Februar als Festkonzert mit erlesenem Programm im Blüthnersaal statt. Der Verein dankt sein Gedeihen vornehmlich der hingehenden Tätigkeit des ersten Vorsitzenden, Herrn Professor Dr. Sigismund B laschte, und seines Stellvertreters, Herrn Willibald Loewenthal, die ihn vom Tage der Gründung an treu und kräftig gehütet und gefördert haben, sowie der emsigen Mühewaltung des die Aufführungen leitenden Kapellmeisters Keil er mann. -- Wir empfehlen den Verein allen Kreisen, die für Kunst und jüdisches Gemütsleben Teilnahme hegen und diese durch Mitwirkung im Ehvr oder als passive Mit- I glieder betätigen können.