Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
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83 hat, und als dies geschehen, brüllt er, nichtachtend die Würde der Versammlung, nnd kaum seine Aufregung bemeisternd, oie Worte aus: „Kinder, die „Familien" sind aufgehoben jeder darf heiraten, wer will!" Meine Leser erlassen mir sicherlich, den Schrecken, die Erregung, die Freude und den Jubel zu schildern, den diese Worte hervorbrachten: llnd in der Tat — es war so, wie Jsak Veigelstvck gesprochen. Chajim Grünwald hatte dem gebeugten Manne, der in diesem großen historischen Moment seine Macht zusammenbrechen sah, das große rotgesiegelte Schreiben aus der Hand genommen, hatte die Türen des Gemeindehauses weit geöfsnet, und las nun der staunenden Volksmenge, die sich sofort angesammelt hatte, das Dekret vor: An die Aeltesten der Nikolsburger Judenschast! „Durch dieses Dekret tun wir Ihnen kund und zu wissen, daß mittels Erlasses der k. k. apostolischen Majestät vom >8. d. M. und Segen eines hohen Ministerii die „Familien" unter den Juden der Markgrafschast Mähren hiermit aufgehoben sind. Wonach zu achten ist! Die k. f. Statthalterei." „Gelobt sei Gott, der die Zeiten ändert," rief Chajim Grünwald begeistert aus und im Chorus ging dieser Segensspruch durch die „Gasse" und aus tausend Herzen stieg in diesem Augenblick ein inbrünstiges Gebet zum Himmel auf — ein Gebet des Dankes, des Glückes — nnd neuer Hoffnungen! Als Meiern diese Kunde hinterbracht wurde, war er nicht betrübt und nicht aufgeregt, sondern er lächelte mit philosophischer Ruhe und sagte: „Vögele Ochs hat recht, Schleinitz! bleibt Schlemihl." llnd dieses geflügelte Wort des letzten „Familianten" fand seinen Weg rasch durch die „Gasse", in der heute nur Jubel und Wonne herrschten, frohe Bräute und glückliche Eltern. Das glücklichste aller Paare waren aber trotz alledem und alledem Meier und Vögele. Denn das Schlemihltum Meiers schien in diesem Moment seinen Gipfelpunkt erreicht zu haben, um dann auf immer zu schwinden. In Glück und Freuden lebten Meier und Vögele Herzfeld »och viele Jahre — und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. Literarische Mitteilungen. — Jüdische Geschichte von der Z e r st ö r u n g des I. Tempels bis zur Gegenwart in Charakterbildern dargestellt von S. Müller. Große Ausgabe. I. B. Metzler, Stuttgart 1913. Gebunden 3,20 Mark. Nosegger hat einmal bitter darüber geklagt, daß die Art der Geschichtsbehandlung in der Schule unfruchtbar sei und das natürliche Interesse an diesen: an sich so interessanten llnterrichtsgebiete nicht selten geradezu ersticke. Da werde Zahl an Zahl gereiht und ein Ereignis auf das andere gehäuft, die Geschichte als eine ununterbrochene Kette blutiger Kriege dargestellt. Das, was wirklich groß ist und dauernden Wert hat, das Kulturgeschichtliche, die großen Persönlichkeiten, die ihrer Zeit das Gepräge geben und die Engend mit Bewunderung und Begeisterung erfüllen können, treten weit zurück hinter dem gedächtnismäßig passiven Wissensstoff. Nosegger hat recht. Der von ihm gezeichnete Geschichtsunterricht entspricht nicht den Anforderungen der Pädagogik; er wird Steine reichen statt Brot. Noch unfruchtbarer ist dieser Weg bei der Behandlung der jüdischen Geschichte, die doch vor allem Goistesgeschichte unb darum für die Charakterbildung besonders geeignet und wertvoll ist. Jeder Praktiker — ich sehe dabei von jener gewissenlosen Praktik ab, die sich darin Genüge 'tut, ein Pensum in der Schule zur gedächtuismäßigen Aneignung „aufzugeben" und dann in der nächsten Stunde „abzuhören" — weiß es, mit welcher Aufmerksamkeit die Schüler, kleine und große, aufhorchen und wie ihre Augen leuchten, wenn ihnen ein Charakterbild vorgesührt wird, das aus dem geistigen, religiösen unb sozialen Milien seiner Zeit heranswächst, seine Mitwelt bald überragt und der Nachwelt ein Beispiel an Fleiß und Tatkraft, mr Ausdauer und standhaftem Dulden ist. Aber mich der beste Geschichtsunterricht wird nur einen Augenblickserfolg, keine nachhaltige Wirkung erzielen, wenn für die Befestigung und Vertiefung der im mündlichen Unterricht gewonnenen Kenntnisse und Gefühls- und Willenserndrücke dem Schüler nicht ein Lehrbuch geboten ist, das nach denselben Grundsätzen bearbeitet ist, die für die mündlichen Darbietungen maßgebend sind. Diesen Mangel fühlte man seit langem, und er war mit schuld an der kümmerlichen Behandlung, die diese Disziplin bisher durchweg erfuhr. Umso dankbarer begrüßte man in Fachkreisen allenthalben die vor zwei Jahren erschienene Jüdische Geschichte in Charakterbilder n von S. Müller, der bereits in seinem biblischen Geschichtswerk neue Bahnen erfolgreich betreten hatte. Boir erstgenanntem Werke, das eine für jüdische Lehrbücher ungewohnte Beachtung auch in nichtjüdischen Kreisen erfuhr, liegt bereits eine „Große Ausgabe" vor. Das Buch setzt schon mit der Zerstörung des ersten Tempels ein und bringt auch sonst erhebliche Stoffvermehrungen und Aenderungen, die durchweg als Verbesserung betrachtet werden können. Man mag vielleicht wünschen, daß diese oder jene Persönlichkeit eine eingeheudere oder kürzere Würdigung gefunden hätte, die Ueberzeugung lvird aber jeder, der das Buch ohne Voreingenommenheit prüft oder gar in der Praxis erprobt hat ----- sofern er mir, um ein Kantsches Wort zu variieren, „nicht fordert, was man selbst nicht leifteit, tadelt, was man doch nicht besser machen kann, und vvrschlägt, wovon man selbst nicht weiß, wo es zu finden ist" von dem Buche gewinnen, daß mit ihm ein großer Wurf gelungen ist. Da weht ein erfrischender religiöser Hauch uns entgegen, kein enggeistiges Aufpeitschen parteireligiöser Gegensätze, sondern ein durch und durch jüdisches, einigendes, versöhnendes Gefühl. Das ist für sich schon ein nicht hoch genug zu wertender Vorzug eines Schulbuches, bestehende Gegensätze, die Anfeindung und soziale Trennung Hervorrufen, zu mildern. Da lvird, was in keinem derartigen Lehrbuch bisher zu finden war, endlich der Neuzeit eine liebevolle und ausführliche Behandlung im Lichte der gesamt-geschichtlichen Verhältnisse zuteil und so der Jugend das Verständnis erschlossen für die Stellung der Juden in den einzelnen Ländern, für ihre bürgerlichen, staatsbürgerlichen und allgemein menschlichen Ausgaben ebensowohl wie für ihre Pflichten zur Hebung des geistigen, religiösen, moralischen, sozialen und körperlichen Charakters der Stammesgenossen. Und das alles mit einer ruhigen vornehmen Sachlichkeit und einer Sprache, aus der ethische Kraft und Wärme strömt. Wie viel Neues dem von früher Bekannten zugesügt worden ist, wird das Studium jedes einzelnen Abschnittes am besten erweisen. Das Buch lvird überall das Verständnis für jüdische Eigenart und jüdisches Leben, für die Geschichte und religiöse Literatur der Juden wecken und heben und vor allem für i die Hebung des uachbiblischen jüdischen Geschichtsunterrichts zum Segen sein. T. S o m m e r. * «= Deutschtum u n d I u d e n t u in. Von Curt Bürger, Lichterfelde. Berlin 1913. Vertag: Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Preis 75 Pf. Eine tüchtige Schrift des Abwehrvereins, die wir um so freudiger begrüßen, da sie von einem Christen herrührt. Es ist eine geharnischte Kampfschrift, die in ihren verschiedenen Kapiteln: „Dreißig Jahre antisemitischer Bewegung", die „Jüdische Gefahr für das Deutschtum", das „Nassenproblem", „Deutsches Nationalgesühl", „Sprache und Nationalität", die „Verfälschung des Deutschturns", der „Jüdische Geist in Theater, Kunst und Kritik": I. Schauspiel, II. Musik, 111. Bildende Künste, die „Verjudung" der Presse, die „Korruption" der Presse, „Woher rühren die Klagen über die „Verjudung" des öffentlichen Lebens?", nicht etwa den Anteil des Judentums leugnet, sondern auf das richtige Maß Zurückführt und beweist, daß alle die Anklagen, die von Verjudung reden, übertrieben oder gänzlich nichtig sind. Persönlich freue ich mich, daß Herr Bürger in den Klageruf einstimmt, beit ich mehrfach' in diesen Blättern gebraucht habe, daß die großen politischen Zeitungen, deren Verjudung von gegnerischer Seite so stark betont wird, uns in unserem Kampfe so lvenig unterstützen. Sehr hübsch ist folgendes Wort, das Bürger einmal braucht: „Diese welthistorische Mission, die dem Judentum nach feiner Zerstreuung zugewiesen worden ist: Kulturvermittler zwischen