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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 fünft" Kokotozews ruft aber selbst bei solchen gemäßigten Parteien wie den Oktobristen großen Unwillen hervor. Und wenn sich die Verhältnisse einmal so ändern sollten, daß an Stelle der gegenwärtigen Politik einer stumpfsinnigen Reaktion eine solch» tritt, die die Bezeichnung konservativ-staatserhaltend wirklich verdient, und zur Macht solche Elemente gelangen werden, die die Gefahr der „nationalistischen" Politik, welche alle nicht russischen Nationalitäten des Reiches zn erbitterten Feinden desselben macht, für den Staat einsehen, so wird sich doll) wohl die Möglichkeit darbieten, den Druck, der auf den Juden jetzt lastet, wenigstens zu erleichtern. Und da werden die Juden einsehen müssen, daß sie eine eigene Politik zu verfolgen haben, welche nicht immer mit derjenigen der konsequenten russischen radikalen Opposition zusammenfällt, und daß sich die einzelnen Phasen des Kampfes der Juden um die Gleichberechtigung und des Kampfes Rußlands um die Verwirklichung einer demokratischen Staatsversassung durchaus nicht immer decken. Der JFamittant Eine Geschichte aus der Gasse. Von Gustav Karpeles. (Schluß.) ^^^ie gchts dir, Jsak" - fing endlich der Rabbi an, der alle seine ehemaligen Schüler mit „du" anredete - „ich Hab' dich lang nicht geseh'n." „Wie soll's mir gehn? Gelobt sei Gott, die „Geschäfte" gehn - und weiter will man ja nix." „Was tut sich in der Gemeinde," lenkte der Rabbi, um auf sein Thema zu kommen, ein. „Was soll sich tun? Die Gebete sind verteilt, die „Familien" werden auch mit Gotteshilf verteilt werden lind weiter ist nix Neues!" „Wer wird alles diesmal „Familien" kriegen?" „Diesmal viele, die gar nicht darauf denken." „Sv? Gewiß Meier Herzfeld auch?" fragte rasch der Rabbi. „Meier Herzfeld, das glaub' ich nicht. So lang' i ch Vorsteher bin, nicht" - - erwiderte hierauf fast zornig Jsak Veigelstock. Hiermit war denn die Sache ins rechte Fahrwasser gekommen. „Kannst du den alten Haß gar nicht ablegen gegen Joel?", fing hierauf der greise Rabbi an. „Sieh, mein Sohn, das ist eigentlich der Grund, warum ich dich Hab' rufen lassen. Morgen ist der Neujahrstag, stehen wir alle vor Gott (gelobt sei sein Name), und beten uns aus Leben und Gesundheit und alles Gute, und bitten ihn um Verzeihung für alle unsere Sünden. Wie kannst du, der „Parneß" der ganzen Gemeinde hingehen und niitbeten, wenn. dein Gewissen nicht rein ist, wenn du denkst, daß in der „Schul" Leut' sind, gegen die du dich versündigt hast." „Ich kann nicht, Rabbi, es geht nicht, beim besten Willen nicht," erwiderte Jsak, schon etwas mürbe gemacht. „Warum geht's nicht? Weil dein Herz verstockt ist in altem Haß, weil du nicht vergessen kannst, daß Vögele Joels deinen Sohn nicht hat gewollt. Dein Vater (sein Andenken sei gesegnet) hätt' wahrhaftig nicht so gehandelt. Und sein Verdienst soll dir beistehn, daß du zur Einsicht kommst, was es sür eine gewaltige Sünde ist, eine Heirat zu verhindern." „Ich kann nicht, Rabbi, ich kann nicht", schrie Jsak, als lvollte er die Stimme übertäuben, die in seinem Herzen sich zugunsten des unglücklichen Brautpaares regte. „Also willst du durchaus haben, daß nur wegen dir Vögele eine alte Jungfer und Meier ein alter Junggeselle bleiben soll, und noch fünfzig Jahre „in der Gass" herumgehen und deinen Namen „verschelten", und mit einem Fluch auf dich und deine Kinder sterben sollen. Willst du das durchaus haben?" „Das alles liegt mir nicht auf, Rabbi," erwiderte Jsak, der Vorsteher, „aber weil es mein Rabbi ist, der für sie spricht, wenn sie's auch nicht verdienen, so will ich nach Recht und Gerechtigkeit handeln, und will vergessen, daß ich und mein Kind sind schwer beleidigt und ausgelacht worden durch die „Prinzessin" ohne Geld. Bei der Vorstandssitzung über die „Familie" werd' ich nicht ein Wort reden, wenn einer Meier wird Vorschlägen; ich werd' die anderen Vorsteher reden und beschließen lassen, und werd' schweigen wie ein Fisch. Ist der Rabbi zufrieden, und will er mich jetzt segnen?" Gerührt und selig in dem Bewußtsein, eine gute Tat vollbracht zu haben, legte der Rabbi seine zitternden Hände auf das Haupt des in Demut sich beugenden Mannes und segnete ihn! * Der Segen des frommen Rabbi war in der Tat wieder in eine jener verborgenen Herzenssalten des Vorstehers gefallen, die milde und menschliche Gefühle in sich bargen, und der Gedanke keimte in ihm zum Entschluß, der endlichen „Fainilie" Meiers wirklich kein Hindernis mehr in den Weg 31t legen. Und so nahte unter freudigen Auspizien für das altjunge Brautpaar die duftige Chol-Hamoedzeit, deren Zauber nur die „Gasse" zu geben vermochte. Unterlassen wir es hier, die Gefühle und Empfindungen zu schildern, mit welchen man dieser Zeit entgegenging, sondern eilen wir mit Hast, wie es wohl auch das Brautpaar getan, zu jener großen Vorstandsitzung, in der über das Wohl und Wehe so vieler Jünglinge und Jungfrauen die Würfel fallen sollen. Ein dunkles Gerücht hatte sich freilich schon in der „Gasse" verbreitet, daß der stolze Vorsteher nun endlich sich entschlossen habe, Meier Herzfeld die „Familie" zu geben; aber man wnßte nichts von der Intervention des greisen Rabbi; man brachte diesen Entschluß mit ganz anderen Dingen in Verbindung. In Wien waren damals die Wogen der Revolution (1848) hoch gegangen, und die Nachrichten von den gewaltigen Dingen, die sich daselbst verbreiteten, von der großen Revolution hatten axich ihren Weg ins Ghetto gefunden. „Wir werden keine Steuern mehr zu zahlen brauchen", sagte der eine. „Alle Vorsteher werden abgesetzt, Freiheit und Gleichheit herrschen," erzählte ein anderer. Und so glaubte man, wie ein Monarch im entscheidenden Momente, habe sich auch der Gemeindevorsteher entschlossen, jetzt Konzessionen zu machen. Man hatte sich nxxn hierin allerdings getäuscht; allein was tnts — genug, Meier Herzfelds Gesuch wurde vorgelesen, genehmigt - und ihm die „Familie" bewilligt. Ein einstimmiges „Masel-Tob" (viel Glück!) ertönte von allen Seiten denx schnell herbeigeeilten Joel entgegen, der fast seine Besinnung verloren hatte und wie ein kleines Kind herumtanzte. Als die Kunde in das kleine Häuschen am „Bergel" drang -- da fand sie ein Paar in der Liebe höchster Seligkeit vereinigt zu trautem Herzensbunde. Wenige Minuten später sah die „Gasse" ein liebliches Bild: Meier und Vögele Arm in Arm spazieren gehen! Aber, als wollte das Schicksal die Tatsache erhärten, daß es kein volles Glück auf Erden gibt, sahen wir, die wir der Gemeindefltzung bis zu Ende beigewohnt, plötzlich den Amtsschreiber des „Guberniums" mit einem großen, rot gesiegelten Briefe dem Gemeindehause zueilen, wo die Vorsteher noch zur Erledigung der „Familien"geschäfte weilen. Alles ist aufs höchste gespannt; Schrecken und Furcht malen sich aus allen Gesichtern; es dauert sehr lange, bis Jsak Veigelstock den Inhalt des Dekrets vollständig in sich ausgenommen » i

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