Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1914)
- Date
- 1914-02-13
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
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russischen Handels und der Industrie. Der von der Reaktion gebrauchte ganze Apparat des Polizcistaates, der. trotz des Scheinkonstitutionalismus, noch immer in fast ungcschwüchter Form fortbesteht und die Bewegungsfreiheit in politischer und kultureller Beziehung fortwährend hemmt, steht auch der ökonomischen Entwicklung -des Landes immer im Wege. Gerade auf dem Gebiet der antijüdischen Gesetzgebung kommt es immer mehr zum Vorschein, wie sehr die wirtschaftlichen Interessen des Landes unter den Ausnahmegesetzen gegen die Juden leiden. Wir wollen nur einige Beispiele zur Bekräftigung dieser Behauptung ansühren, die deutlich genug zeigen,welchen schädlichen Einfluß die Verfolgung der Juden auf die Tätigkeit der Handelswelt in Rußland ausübt. Es ist bekanntlich den Juden untersagt, außerhalb der Städte Landgüter, überhaupt Immobilien, zu erwerben. Aus Furcht nun, daß die Juden dieses Gebot derartig umgehen könnten, daß sie durch Gründung von Aktiengesellschaften Landgüter oder Fabriken außerhalb der Städte doch erwerben resp. gründen könnten, weil ja bei solchen Gesellschaften unbekannt ist, welche Personen die Aktienbesitzer sind, wird in den letzten Jahren bei der Erteilung der Erlaubnis, eine Aktiengesellschaft zu gründen, oft in das Statut der Gesellschaft ein Paragraph gebracht, wonach der Gesellschaft der Erwerb von Immobilien außerhalb der Städte untersagt wird. Das geschah schon mehrere Male selbst bei solchen Aktiengesellschaften, bei denen gar keine Inden beteiligt sind und die Behörden nur gefürchtet hatten, es konnten später Juden Aktionäre werden. Selbstverständlich rufen bei den interessierten Kreisen derartige Drangsalierungen große Unzufriedenheiten hervor. Aehnlich kommt es in Rußland jetzt sehr häufig vor, daß die verschiedenen Börsenkoniitees (Handelskammern) sich an die Regierung mit Bittschriften wenden, die Wohnrechtsbeschränkungen der Juden nicht mit solcher drakonischen Schärfe anznwenden, wie es bis jetzt geschieht. Solche Petitionen wurden in den letzten Jahren fast bei jeder Messe und jeder größeren Ausweisung der Juden eingereicht. Die Vertreter der russischen Kaufmannschaft tun das selbstverständlich nicht aus Liebe zu den Juden, von der bei ihnen keine Rede sein kann, sondern aus wohlverstandenem eigenen Interesse. Die Juden bilden fast den vierten Teil der städtischen Bevölkerung Rußlands, sind eins der tätigsten und unternehmendsten Elemente der Handel treibenden Kreise der Bevölkerung des Reiches, und daher wirken die Wohnrechtsbeschränkungen, welche die ökonomische Aktivität der Juden in so fühlbarer Weise unterbinden, paralysierend nicht nur auf den Wohlstand der Juden, sondern auch auf die Interessen derjenigen, die mit ihnen geschäftliche Verbindungen unterhalten, schädigen die Interessen des russischen Handels. Das ist der Grund, welcher diese Schritte zugunsten der Juden veranlaßt. Da nun die Interessen der Juden und die der ökonomischen Entwicklung Rußlands zusammenfallen, so gehört kein übertriebener Optimismus dazu, vorauszusagen, daß, wenn ein- >nal die Stunde des jetzigen Regimes geschlagen haben wird, auch die Lage der Juden sich wird bessern müssen. So groß auch die Macht der Reaktion gegenwärtig in Rußland ist, so ist doch nicht zu bezweifeln, daß Rußland vor der Alternative steht, ein moderner europäischer Staat zu werden oder zugrunde zu gehen. Und da das letztere doch sehr unwahrscheinlich ist und Rußland auf dem Weg zur Europäisierung seines Wesens eine bedeutende Strecke zurückgelegt hat, so wird es schließlich doch irgendwie die Phase, in welcher sich jetzt seine Staatsverfassung befindet, überwinden müssen. Allerdings wird es auch in diesem Falle viel schwerer sein, eine Besserung der Lage der Juden zu erreichen, als es etwa im Jahre 1905 hätte der Fall sein können. Die reaktionären Kräfte sind seither aus sehr energische Weise mobilisiert und organisiert worden und werden dem Versuch einer derartigen Besserung einen viel stärkeren Widerstand leisten, als es beim Zusammenbruch des Absolutismus nach dem russisch-japanischen Kriege hätte geschehen können. Aber dieser Widerstand wird doch überwunden werden können, denn ein moderner kapitalistischer Staat, zu dem Rußland in i nmer größerem Maße wird, kann unmöglich solche antijüdischen „Rechtsnormen", wie die Beschränkungen des Rechtes zu wohnen, Handel zu treiben oder Schulen besuchen zn dürfen, bestehen lassen. Um nicht mißverstanden zu werden, möchten wir gleich bemerken, daß wir dabei nicht an eine Erlangung der vollen Gleichberechtigung der Juden denken. Eine solche könnte erst dann zur Tatsache werden, wenn die entschieden liberalen Elemente zur Herrschaft gelangen. Vorher sagen zu wollen, lvann das der Fall sein wird, ist natürlich absolut unmöglich. Jedenfalls ist ein solcher Umschlag in der Gestaltung der inneren Verhältnisse Rußlands in mehr oder weniger absehbarer Zukunft nicht zu erwarten. Wohl aber scheint die Erwartung nicht unberechtigt, daß diejenigen Gesetze, welche das Wohnrecht, die wirtschaftliche Tätigkeit und das Bildnngsbestreben der Juden jetzt beschränken, werden abgeschasft werden, sobald die Periode der Agrarreaktion ihr Ende erreicht hat, weil die Schädlichkeit dieser Gesetze für das gesamte Reich iinnrer klarer zutage tritt und es schon jetzt eine ganze Reihe von durchaus reaktionären und judenfeindlichen Politikern gibt, die aus wirtschaftlichen Gründen deren Abschaffung, namentlich der Wvhnrechtsbeschrankungen der Inden, empfehlen, und es braucht nicht gesagt zu werden, welche enorme Bedeutung für die Blassen der russischen Juden die Abschaffung schon dieser Gesetze allein haben würde. III. Sind diese Ausführungen begründet, so ergibt sich für die russischen Juden die Notwendigkeit einer Aendernng ihrer Taktik in ihrem Kampf für die Erlangung der Rechte. Bis zum Zusammenbruch der Revolution lvnrde dieser Kampf in der Hoffnung geführt, mit einem Schlag die vvüe Gleichberechtigung zu erlangen. Daher ergab sich von selbst jede Verrverfung irgendwelchen Paktierens mit denjenigen Parteien, die den Juden nur eine teilweise Emanzipation gcwähven wollten, noch weniger mit der Regierung, die stets konsequent judenfeindlich blieb. Und so kam die Verquickung der Interessen der Juden mit denjenigen der russischen Rcvvlutivn zustande, für welche die Juden jetzt so hart büßen müssen. Jetzt, nachdem die Niederlage, welche die Revolution erlitt, gezeigt hat, daß die Reaktion viel stärker ist, als mau vvr 1905 geglaubt hatte, kann kein endgültiger Sieg der entschieden liberalen Parteien und ebensowenig die volle Gleichberechtigung der Juden in mehr oder lveniger absehbarer Zukunft erwartet werden. Die Juden müssen daher lernen, opportunistische Realpolitik zu treiben und sich vorläufig darauf beschränken, solche Forderungen aufz»- stellen, die auch erfüllt werden können, wenn das Regiernngssystem in Rußland nicht mehr brutal reaktionär wie jetzt, sondern im Sinne eines zivilisierten Staates gemäßigt kvuservativ werden wird. Vom jetzigen Regierungssystein ist selbstverständlich in dieser Beziehung nichts zu erwarten. Herr Kokowzew ist ein tüchtiger Finanzmeister, von einem Staatsmann ist bei ihm aber nichts zn bemerken. Er ist im Grunde durchaus nicht so reaktionär wie Stolypin, setzt aber nichtsdestoweniger die Politik seines Vorgängers fort, nur mit dem Unterschied, daß dort, wo man bei Stolypin immerhin die Wucht einer hervorragenden, wenn auch rohen, Gewalt hatte empfinden müssen, man jetzt nur das Bestreben sieht, weder einen Schritt vorwärts noch rückwärts zu tun, sondern ans dem Fleck zu bleiben, wo man einmal ist. Diese „Regierung^-