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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-13 · Heft 7 (13.2.1914) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 7 (13.2.1914)
Date
1914-02-13
Page
Seite 80 (sequence 8)
Language
German
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80 Es ist fein Zufall, das; es sv gekommen ist. Man kann das Verhalten der Regierung den Juden gegenüber nur dann begreifen, wenn man dasselbe als eine Rache dafür ansieht, daß sich die Juden in so hervorragendem Maße an der Revolution beteiligt haben. Es wiederholte sich auch hier die (beschichte, die bei solchen Verhältnissen stets zu beobachten ist. Durch das System der Ausnahmegesetze wurden die Juden förmlich in die Reihen der revolutionären Parteien gedrängt, weil sie eine Besserung ihrer Lage nur vom Zusammenbruch des Absolutismus erhofften. Das war der Hauptgrund, der die Juden in sv großer Zahl den revolutionären Parteien Zuströmen ließ. Daneben spielte noch der Umstand die Rolle, daß die Juden, ivelche in den Städten konzentriert sind, und eine zahlreiche intelligente Schicht wohl auch ein zahlreiches intelligentes Proletariat - besitzen, den liberalen und sozialistischen Ideen, wie jede städtische Bevölkerung überhaupt, zugänglicher als die Landbevölkerung waren, (Die Bauernnnruhen, welche in Rußland während der Revolution so häufig waren, waren bloß durch den Landmangel der Bauern hervvrgerufen, aber nur in sehr geringem Grade durch daS Bedürfnis politischer oder sozialer Freiheit.) Als nun die Revolution zusammenbrach und die Reaktion wieder siegte, bot der Umstand, daß die Juden an der Befreiungsbewegung so großen Anteil nahmen, den Reaktionären die erwünschte Gelegenheit, den Satz zu proklamieren, die ganze Revolution sei nicht von dem russischen Volk, sondern von den nichtrussischen Rationalitäten Rußlands, den sogenannten „Fremdvölkern", vor allem den Juden, gemacht worden. Und wenn seit dem sichtbaren Zusammeribrüch der Revolution, das heißt seit der Auflösung der zweiten Reichsduma am 3./16. Juni 1907, die ganze „Reformarbeit" der Regierung darin besteht, alles, ivas nur irgendlvie an der Revolution beteiligt war, zu zermalmen, so wurde bei dieser Operation die Hauptaufmerksamkeit den Juden zugewendet. Die demagogische Losung des Fremden-, namentlich des Judenhasses wurde von der russischen Reaktion in einer geradezu erschöpfenden Weise ausgebeutet, Alle reaktionären Parteien: Verband des russischen Volkes, Verband des Erzengel Michael, Nationalisten usiv,, selbst die rechtsstehenden Oktobristen sehen die Bekämpfung des Judentums in der schonungslosesten Weise für eine ihrer Hauptaufgaben an. Und es läßt sich die Lage so formulieren, daß sowohl die russische Revolution als auch die russische Reaktion von den Juden, ähnlich dem bekannten Wort von Voltaire, sagen könnten, daß sie hätten erfunden werden müssen, wenn sie nicht dagewesen wären. Die rechtliche und ökonomische Lage der Juden lieferte der Revolution eine Menge Hilfskräfte, die ihr sonst durchaus nicht so reichlich zugeströiut mären. Die Revolution erhielt in ihnen eine Art Kanonenfutter, über welches sie frei verfügen konnte. Ebenso hatte nachher die Reaktion in denselben Juden das beste Mittel, den rückständigen Kräften eine Losung zu geben, die den ungebildeten Massen der Bevölkerung verständlich und handgreiflich war. Ter Judenhaß, der äuf einer so komplizierten Fülle religiöser, historischer und ökonomischer Motive beruht, läßt sich überall bei einigem demagogischen Geschick sehr gut ausbeuten, und dieses Geschick besaßen sowohl Stolypin als auch die Leiter der reaktionären Partei in Rußland in einer» hervorragenden Maße. Der Satz, daß nicht die elende Staatsverfassung daran schuld ist, wenn das russische Volk arm, unrvissend und rückständig ist, sondern, daß die Hauptschuld daran der „ewige Jude" trägt, wurde zum Grundmotiv der Prvgranriiie der reaktionären Parteien. II. Aus dieser Sachlage ergeben sich nun gewisse Anhaltspunkte für die Beurteilung der Zukunft. Wenn die gegenrvärtige Judenpolitik der Regierung eine Vergeltung dafür ist. daß die russischen Juden ihr Schicksal mit demjenigen der russischen Revolution verknüpften, so müßte eine etwas genauere Betrachtung des Wesens der herrschenden Reaktion die Beantwortung der Frage ermöglichen, ob eine Besserung der Lage der Juden zu erwarten ist. Die Reaktion, die jetzt in Rußland die Macht in den Händen hat, ist ihrem Wesen nach agrarischer Natur, und die nationalistischen Schlagwörter, mit denen sie operiert, sind nichts anderes als die Phraseologie, welche dazu dient, die materiellen Interessen der Großgrundbesitzer zu beschönigen. Das am 3./16. Juni 1907 oktroyierte Wahlgesetz wurde zu dem Zwecke erlassen, der grundbesitzenden Klasse die Herrschaft im russischen Parlamente sowohl wie im Lande zu sichern, was auch in der Tat erreicht wurde. Der Hauptgrund der Auflösung der ersten Duma und des Staatsstreiches vom 3./16. Juni 1907 war die von den radikalen Parteien, von den „Kadetten" angefangen, ausgestellte Forderung einer Agrarreform auf Grund der gewaltsamen Enteignung des den Gutsbesitzern gehörenden Landes zugunsten der an Landmangel leidenden Bauern. Diese Forderung war es hauptsächlich, welche die Grundbesitzerklasse zu entschiedenen Feinden der Befreiungsbewegung machte. Und da die Bureaukratie, lvelche durch die revolutionäre Bewegung ebenfalls nur an Macht einbüßen konnte, persönlich und sozial mit der Grundbesitzerklasse aus das intimste verwandt ist, so erhielt das konterrevolutionäre Regime in der Aera Stolhpins die Aufgabe, die Interessen der Grundbesitzerklasse zu verteidigen. Diesen Interessen sollte auch Stolhpins Agrarreform dienen, welche überhaupt die wichtigste Reform darstellt, die in Rußland seit der Revolution durchgeführt wurde. Es ist hier nicht der Platz, den agrarischen Charakter der russischen Reaktion näher zu erörten. Er wird aber von niemandem geleugnet werden, der die gegenwärtigen russischen Verhältnisse kennt. Und dieser Grundzug des reaktionären Regimes ist es, welcher die Aussichten der Juden für die Zukunft weniger trostlos erscheinen läßt, als es jetzt den Anschein hat. Es ist eine sehr undankbare Aufgabe, etwas in der Geschichte Voraussagen zu wollen, und wir wollen auch gar nicht darüber Vermutungen anstellen, ob die Reaktion in Rußland noch lange herrschen wird oder nicht. Aber, ohne Prophet sein zu wollen, kann man doch mit Bestimmtheit versichern, daß der russische grundbesitzende Adel, dessen Interessen im jetzigen Moment der politische Fortschritt Rußlands geopfert wird, weder kulturell noch ökonomisch mehr in der Lage ist, in Rußland die Herrschaft auszuüben. Die Zeiten sind schon längst vorbei, wo der Adel die einzige Klasse der Bildung und Kultur in Rußland war. Auch konnte es, trotz der vielen in dieser Richtung gemachten Versuche, nicht erreicht werden, den ökonomischen Niedergang des Adels aufzuhalten. Die Güter des Adels werden immer mehr mit Schulden belastet und entgleiten systematisch und unaufhaltsam den Händen ihrer Besitzer. Trotz der ungeheueren Bedeutung der Landwirtschaft für Rußland ist das Zarenreich doch schon lange kein reiner Agrarstaat mehr. Industrie und Handel spielen schon jetzt im wirtschaftlichen Leben des Landes eine sehr große Rolle, die sich immer mehr erhöht, je weiter Rußland aus der Bahn der kapitalistischen Entwicklung fortschreitet. Daher befindet sich das jetzige reaktionäre Regime, welches die Interessen der Großgrundbesitzer unter der Maske der Devise „Rußland den Russen" verteidigt, nicht nur im Widerspruch mit den Wünschen und Forderungen der sogenannten „Fremdvölker" — die nebenbei bemerkt, doch ungefähr 35 Prozent, und wenn man auch die Kleinrussen (Ukrainer) hinzurechnet, fast 50 Prozent der Bevölkerung des Reiches ausmachen, also auf die Dauer doch nicht zu vernachlässigen sind —, sondern auch mit den Interessen des

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